Die Energiewende ist kein Schönwetterprojekt mehr, sie ist ein knallhartes wirtschaftliches Argument. Wenn wir über die Zukunft unserer Energieversorgung sprechen, landen wir meist schnell bei der Frage: „Was kostet uns der Spaß?“ Eine aktuelle Studie der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und des Wirtschaftsverbandes Windkraftwerke (WVW) liefert hierauf eine Antwort, die in der Branche für ordentlich Zündstoff sorgt. Die Kernthese: Ein Energiesystem, das primär auf Wind und Solar setzt, ist massiv günstiger als eines, das auf modernen Erdgaskraftwerken basiert – selbst wenn wir die Kosten für den Netzausbau und Batteriespeicher voll einpreisen.
Als Ingenieurin schaue ich mir solche Zahlen natürlich mit der „Energiewende-Brille“ an. Wir reden hier von Systemkosten von rund 11 Cent pro Kilowattstunde für die Erneuerbaren im Vergleich zu bis zu 31 Cent für Gaskraftwerke. Das ist kein kleiner Unterschied, das ist ein ökonomischer Grabenbruch. Doch bevor wir die Sektkorken knallen lassen, müssen wir das Ganze systemisch betrachten. Denn wie so oft in unserer Branche liegt die Wahrheit im Detail der Netzstabilität und der Versorgungssicherheit.
Warum sollte ICH (von Stadtwerk XYZ) mich damit beschäftigen?
Vielleicht fragen Sie sich jetzt: „Emma, das sind doch Makro-Zahlen, was hat das mit meinem Stadtwerk zu tun?“ Die Antwort ist simpel: Diese Kostendynamik wird Ihre Investitionsentscheidungen der nächsten zehn Jahre diktieren. Wer heute noch massiv in fossile Erzeugungsstrukturen investiert, ohne eine klare Wasserstoff- oder Flexibilitätsstrategie, riskiert „Stranded Assets“.
Für Sie als Stadtwerk bedeutet das:
- Portfolio-Check: Ihre Erzeugungsstrategie muss auf die Grenzkosten reagieren. Wenn EE-Strom so günstig wird, sinken die Volllaststunden für konventionelle Anlagen drastisch.
- Netzplanung: Die Studie inkludiert Netzkosten. Für Sie heißt das, den Netzausbau nicht als lästiges Übel, sondern als Enabler für billigen Strom zu begreifen.
- Kundenbindung: Prosumer und Industrieunternehmen rechnen genau nach. Wenn Sie keinen Zugang zu günstigen EE-Strukturen bieten, wandert die Wertschöpfung ab.
Die Lernkurve: Warum Wind und Solar unschlagbar werden
Ein Blick in die Historie zeigt, warum diese Zahlen keine Utopie sind. Seit den 2010er Jahren sehen wir bei der Windenergie einen Kostenrückgang von etwa 10 % je Verdoppelung der installierten Leistung. Bei der Photovoltaik sind es sogar rund 20 %. Diese Lernkurven sind technologisch bedingt und im Gegensatz zu fossilen Brennstoffen nicht von geopolitischen Förderquoten abhängig.
Die Studie von DUH und WVW setzt genau hier an. Sie betrachtet nicht nur die reinen Gestehungskosten (LCOE), sondern die Systemkosten. Das ist der entscheidende Punkt: Bisher hieß es oft, Erneuerbare seien nur „billig“, weil sie die Kosten für Backup und Netze auf die Allgemeinheit abwälzen. Die aktuelle Analyse rechnet diese Kosten nun ein – und kommt trotzdem zu einem Ergebnis, das die fossile Welt alt aussehen lässt.
Das Veto der Gaswirtschaft: Die Angst vor der Dunkelflaute
Natürlich blieb die Reaktion nicht aus. Der Verband der Gas- und Wasserstoffwirtschaft kritisiert, dass zentrale Anforderungen an das Energiesystem ausgeblendet würden. Das Schlagwort lautet: Dunkelflaute. Was machen wir, wenn fünf Tage lang kein Wind weht und die Sonne nicht scheint?
Der Verband betont, dass steuerbare Kraftwerke kein Gegenmodell, sondern eine notwendige Ergänzung seien. Und hier muss ich als Strategin zustimmen, aber mit einer Einschränkung: Die Rolle dieser Kraftwerke ändert sich fundamental. Sie sind nicht mehr die „Basis“, sondern die „Versicherung“. Eine Versicherung, die wir brauchen, die aber so selten wie möglich einspringen sollte, weil jede Betriebsstunde bei 31 Cent/kWh den Durchschnittspreis für unsere Endkunden nach oben treibt.
Flexibilität als neue Währung: §14a EnWG und Sektorkopplung
Hier kommen wir zu meinem Lieblingsthema: der Intelligenz im Netz. Wenn wir die Systemkosten der Erneuerbaren niedrig halten wollen, dürfen wir nicht nur in Kupfer und Beton (Netzausbau) investieren. Wir müssen die Flexibilität nutzen.
Der neue §14a EnWG ist hierbei unser schärfstes Schwert. Steuerbare Verbrauchseinrichtungen – also Wärmepumpen, E-Auto-Wallboxen und Heimspeicher – müssen so in das Netz integriert werden, dass sie Lastspitzen glätten. Wenn wir es schaffen, den Verbrauch an die Erzeugung anzupassen (Demand-Side-Management), sinkt der Bedarf an teuren Gaskraftwerken für die Residuallast massiv.
Ein modernes Stadtwerk muss sich heute fragen: Wie kann ich die Flexibilität meiner Kunden bündeln? Batteriespeicher sind hierbei nur ein Baustein. Wir müssen Sektorkopplung als Systemdienstleistung begreifen. Power-to-Heat in den Fernwärmenetzen ist beispielsweise eine hervorragende Möglichkeit, EE-Überschüsse kostengünstig zu speichern und gleichzeitig die Dekarbonisierung der Wärme voranzutreiben.
Die Rolle der Netzbetreiber: Redispatch und Effizienz
Ein oft unterschätzter Punkt in der Kostendebatte ist der Redispatch. Wenn wir Netzengpässe haben, müssen wir Erzeuger abregeln und andere hochfahren – das kostet Milliarden. In der Branche wird heftig diskutiert, ob Redispatchkosten als „beeinflussbare Kosten“ in den Effizienzvergleich der Netzbetreiber einfließen sollten.
Ich sage: Ja, wir brauchen Anreize für Netzbetreiber, Engpässe aktiv zu reduzieren. Ein effizientes Netzmanagement senkt die Systemkosten der Erneuerbaren weiter. Wer Monitoring-Systeme und digitale Ortsnetzstationen einsetzt, kann die vorhandene Infrastruktur besser auslasten und spart sich teuren Zubau. Das ist Ingenieurskunst im 21. Jahrhundert.
Strategische Handlungsempfehlungen für 2030
Was bedeutet das nun konkret für Ihre Strategieklausur im Stadtwerk?
- Raus aus der fossilen Komfortzone: Planen Sie neue Gaskraftwerke nur noch als H2-ready Backup-Anlagen mit minimalen Betriebsstunden ein. Die ökonomische Basis für Grundlast-Gas ist weg.
- Speicher-Offensive: Prüfen Sie Standorte für Quartierspeicher oder Großbatterien an Netzknotenpunkten. Die Studie zeigt, dass Speicher in Kombination mit EE bereits heute wettbewerbsfähig sind.
- Digitalisierung der Verteilnetze: Ohne Transparenz im Niederspannungsnetz können Sie die Potenziale des §14a EnWG nicht heben. Investieren Sie in Smart Metering und Steuerungsboxen.
- Kommunikation: Erklären Sie Ihren Kunden und kommunalen Anteilseignern, warum die Transformation kurzfristig Investitionen erfordert, aber langfristig die einzige Garantie für bezahlbare Energiepreise ist.
Fazit: Die Energiewende ist eine Chance, keine Pflichtübung
Die Studie der DUH mag in manchen Annahmen optimistisch sein, aber die Richtung stimmt: Die Grenzkosten der Erneuerbaren sind unschlagbar. Die Herausforderung für uns Stadtwerke liegt darin, das „System drumherum“ so effizient zu gestalten, dass dieser Preisvorteil auch beim Kunden ankommt.
2030 wird es Standard sein, dass wir Strom dann verbrauchen, wenn er im Überfluss vorhanden ist. Wer heute die Weichen stellt – technisch durch intelligente Netze und strategisch durch den Abschied von fossilen Dogmen – wird als Gewinner aus dieser Transformation hervorgehen. Die Energiewende kostet Geld, ja. Aber keine Energiewende zu machen, wird uns am Ende dreimal so teuer zu stehen kommen. Packen wir es an!