AgNeS

AgNeS: Das regulatorische Fundament für das flexible Netz von 2030

Die Konsultation zur Allgemeinen Netzentgeltsystematik spaltet Netzkosten in Finanzierung und Anreiz – eine strategische Chance für VNBs.

AgNeS: Das regulatorische Fundament für das flexible Netz von 2030

Als Ingenieurin für Netzplanung sehe ich die Energiewende nicht nur als technische, sondern vor allem als systemische Herausforderung. Die massive Dezentralisierung durch PV, die Elektrifizierung des Wärmesektors (Wärmepumpen) und der Mobilität (E-Fahrzeuge) transformiert unsere Verteilnetze von passiven Versorgern zu aktiven Managementsystemen. Doch damit diese Transformation gelingt, brauchen wir das richtige Fundament: eine Netzentgeltsystematik, die nicht nur die enormen Investitionen finanziert, sondern auch die Nutzer zu systemdienlichem Verhalten anregt.

Genau hier setzt die Konsultation zur Allgemeinen Netzentgeltsystematik Strom (AgNeS) der BNetzA an. Sie ist mehr als nur eine technische Anpassung; sie ist der strategische Bauplan für das Verteilnetz von 2030. Die Frist zur Stellungnahme mag noch entfernt scheinen, aber die Weichenstellungen, die jetzt getroffen werden, bestimmen die Wirtschaftlichkeit und Stabilität unserer Netze in den kommenden Jahrzehnten.

Die Dualität der Netzentgelte: Finanzierung trifft Flexibilität

Das zentrale und systemisch wichtige Element des AgNeS-Konzepts ist die klare Trennung der Netzentgelte in zwei Hauptkomponenten: Finanzierungsfunktion und Anreizfunktion.

  1. Entgeltkomponenten mit Finanzierungsfunktion: Diese dienen der weitgehend sicheren Refinanzierung der regulatorisch festgelegten Erlösobergrenze (EOG). Sie müssen die angefallenen Netzkosten decken.
  2. Entgeltkomponenten mit Anreizfunktion: Diese sind das Herzstück der Wende. Sie sollen Investitions- und Einsatzentscheidungen von Netznutzern so beeinflussen, dass die Kostenwirkungen dieser Entscheidungen auf die Netzkosten internalisiert werden. Ziel ist die Reduktion der Gesamtsystemkosten durch netz- und systemdienliches Verhalten.

Für uns als Verteilnetzbetreiber (VNB) ist diese Gliederung essenziell. Bisher mussten wir oft den Spagat zwischen Kostenwahrheit und Verhaltenssteuerung leisten. AgNeS erlaubt es, die notwendige Finanzierung nahezu vollständig über die erste Komponente abzusichern, während die zweite Komponente gezielt als Steuerungsinstrument eingesetzt werden kann.

Warum die bisherige Logik an ihre Grenzen stößt

Die Notwendigkeit dieser Trennung ergibt sich aus den massiven Fehlanreizen, die das aktuelle System setzt. Die Netzinfrastruktur wird zwar wesentlich durch die Jahreshöchstlast getrieben – und es ist richtig, dass Leistung bepreist werden muss. Doch die bisherige Ermittlung des Leistungspreises steht massiv in der Kritik.

Der aktuelle Ansatz belohnt den Letztverbraucher dafür, seine individuelle Leistungsspitze zu glätten. Das führt dazu, dass Flexibilitäten (wie Speicher oder steuerbare Ladeeinrichtungen) nicht dort eingesetzt werden, wo sie dem Gesamtsystem am meisten nützen (z.B. zur Entlastung eines regionalen Engpasses), sondern dort, wo sie die individuelle Rechnung minimieren. Das ist betriebswirtschaftlich rational, aber systemisch ineffizient [4].

Emma Energien’s Fazit: Wir benötigen einen Paradigmenwechsel: weg von der Minimierung der individuellen Leistungsspitze hin zur Maximierung des systemischen Beitrags. Die Anreizfunktion muss regional und zeitlich differenzierte Preissignale liefern, um Flexibilität wertoptimal zu nutzen [3].

Die strategische Bedeutung der Komponenten-Kombination

Die BNetzA diskutiert die Kombination von Komponenten (Arbeitspreis, Leistungs-/Kapazitätspreis, Grundpreis) und tendiert aktuell zu einer zweigliedrigen Systematik, um die Komplexität nicht zu überfrachten.

Komponente Vorteil (AgNeS-Sicht) Nachteil (VNB-Sicht) Strategische Relevanz für VNB
Arbeitspreis Unmittelbar nachvollziehbar. Fördert Eigenverbrauchsvorteile (Entsolidarisierung), verteuert Strom generell. Muss als Finanzierungskomponente minimal gehalten werden, um Fehlanreize zu vermeiden.
Grundpreis Keine Fehlanreize für Flexibilitätseinsatz, beteiligt Prosumer angemessen. Führt bei einheitlicher Anwendung zu starker Heterogenität der spezifischen Kostenbelastung. Wichtig zur fairen Beteiligung von Prosumern an Fixkosten (Netzvorhaltung) [1].
Leistungspreis (Neu) Adäquate Bepreisung des Kostentreibers Netzinfrastruktur. Aktuelle Berechnung führt zu Fehlanreizen. Der wichtigste Hebel: Muss dynamisch, regional und zeitlich differenziert werden, um Flexibilität zu steuern.

Die Kombination ist der Schlüssel. Der Grundpreis (als Teil der Finanzierung) sorgt für eine Basisbeteiligung der Prosumer – ein notwendiges Korrektiv zur Entsolidarisierung durch den Eigenverbrauch [7]. Der neue, flexible Leistungspreis (als Anreizkomponente) wird das Signal für systemdienliches Verhalten liefern.

Die Rolle der Stadtwerke: Vom Verwalter zum Gestalter

Warum muss sich das Stadtwerk XYZ jetzt mit AgNeS beschäftigen? Weil die neue Systematik die Art und Weise verändert, wie Sie Ihre Netze planen, betreiben und finanzieren. AgNeS ist der Missing Link zwischen dem Smart Meter Rollout, §14a EnWG und Ihren Investitionsentscheidungen.

1. Integration von §14a EnWG und Flexibilität

Die Anreizkomponenten sind der ökonomische Arm der technischen Steuerbarkeit nach §14a EnWG. Wenn wir E-Autos und Wärmepumpen steuern können, muss das Netzentgelt dieses Verhalten auch belohnen. Ein dynamischer Leistungs- oder Kapazitätspreis, der teuer ist, wenn das Netz ausgelastet ist, und günstig, wenn Kapazitäten frei sind, wird die Nutzer motivieren, ihre steuerbaren Lasten (oder Speicher) genau dann einzusetzen, wenn das Netz es braucht.

Strategische Handlung: Stadtwerke müssen jetzt die notwendigen Mess- und Steuerungsinstrumente implementieren, um zukünftige dynamische Tarife überhaupt abbilden zu können. Ohne Smart Meter Gateways (SMGWs) ist eine zeitlich differenzierte Bepreisung nicht möglich.

2. Netzplanung wird datengesteuert und aktiv

Wenn Preissignale regional und zeitlich variieren, wird die Netzplanung komplexer, aber auch präziser. Die Investitionsentscheidungen für den konventionellen Netzausbau (Kabel, Trafos) stehen in direkter Konkurrenz zur Nutzung von Flexibilität. AgNeS soll Anreize schaffen, Engpässe zuerst durch netzorientierten Flexibilitätseinsatz zu entschärfen, bevor teurer Netzausbau erfolgt [4, 5].

Strategische Handlung: VNBs müssen ihre Engpass- und Lastflussdaten transparent machen, um die Basis für regionale Preiszonen zu schaffen. Die Fähigkeit, die kurzfristigen Auswirkungen von Einsatzentscheidungen auf die Netzkosten zu modellieren, wird zur Kernkompetenz.

3. Beteiligung von Einspeisern und Speichern

Obwohl die genaue Beteiligung von Einspeisern und Speichern in einem separaten Sachstandspapier behandelt wird, ist die grundsätzliche Diskussion eng mit AgNeS verknüpft [1, 7]. Das Ziel der Kostenverursachungsgerechtigkeit spricht dafür, dass auch dezentrale Erzeuger, die Netzverstärkung verursachen, einen Beitrag leisten müssen. Ein neues Netzentgeltsystem muss sicherstellen, dass Speicher nicht nur als Verbraucher, sondern auch als Erzeuger fair in das System integriert werden, ohne dass sie doppelt belastet werden.

Strategische Handlung: VNBs sollten sich aktiv in die Diskussion um die Einspeiser-Beteiligung einbringen, um sicherzustellen, dass die neue Systematik die Investitionen in Speichertechnologien (Sektorkopplung) nicht behindert, sondern fördert, sofern sie netzdienlich agieren.

Ausblick: Die Balance zwischen Komplexität und Anreiz

Die BNetzA steht vor der schwierigen Aufgabe, die ideale Balance zwischen einem effektiven Anreizsystem und der notwendigen Umsetzbarkeit zu finden. Eine Kombination aus nur zwei Komponenten – beispielsweise einem fairen Grundpreis zur Finanzierung und einem dynamischen, flexiblen Leistungspreis zur Steuerung – scheint der vielversprechendste Weg [6].

Die Energiewende ist eine Chance, nicht nur eine Pflichtübung. AgNeS bietet uns das Werkzeug, um die Dezentralisierung wirtschaftlich und systemstabil zu managen. Stadtwerke, die jetzt strategisch in datengestützte Netzplanung und die Vorbereitung auf dynamische Tarife investieren, werden in der Lage sein, die entstehenden Flexibilitätspotenziale optimal zu nutzen und so die Gesamtkosten für ihre Kunden und das System nachhaltig zu senken. 2030 wird dieses systemische Denken der Standard sein – wir müssen die Grundlagen dafür heute legen.

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Emma Energie

Fokus liegt auf der Beschleunigung des Smart Meter Rollouts und der Implementierung neuer Abrechnungssysteme, die zeit- und ortsabhängige Tarife verarbeiten können, um Flexibilitätsnutzung dem Netzausbau vorzuziehen (AgNeS-Zielsetzung).

Der VNB muss aktiv in der Konsultation Stellung nehmen, um einen angemessenen, jedoch nicht prohibitiven Grundpreisanteil zu forcieren, der die Netzvorhaltung refinanziert und gleichzeitig Speicherlösungen über die Anreizkomponente (dynamischer Leistungspreis) belohnt, wenn sie netzdienlich agieren.

Es sind neue Kommunikations- und Abrechnungsprozesse erforderlich, die §14a Steuerung mit den AgNeS-Signalen verknüpfen. Das Stadtwerk muss nutzerfreundliche Dashboards bereitstellen, die Engpasszeiten und günstige Flexibilitätseinsatzfenster in Echtzeit visualisieren, um die Akzeptanz und Wirksamkeit der Anreizfunktion zu maximieren.