Batteriespeicher

Batteriespeicher: Wie Regulierungs-Wirrwarr die systemische Flexibilität ausbremst

Netzanschluss, Netzentgelte, FCAs: Warum Stadtwerke jetzt eine klare Infrastrukturstrategie fordern müssen.

Executive Summary

Batteriespeicher sind das Rückgrat der Flexibilität im zukünftigen Energiesystem. Doch politische Unsicherheit und ein Flickenteppich an Netzanschlussverfahren bremsen den dringend notwendigen Hochlauf. Für Verteilnetzbetreiber (VNB) und Stadtwerke bedeutet dies: höhere administrative Last, fehlende Netzentlastung und das Risiko teuren Netzausbaus. Wir analysieren die drei größten Bremsen und zeigen auf, welche strategischen Schritte jetzt nötig sind, um Investitionssicherheit und Netzdienlichkeit zu schaffen.

Die große Transformation braucht Speicher: Wo Emma Energie den Engpass sieht

Als Ingenieurin für Netzplanung sehe ich die Energiewende nicht als abstraktes politisches Ziel, sondern als massive, physikalische Herausforderung für unsere Infrastruktur. Die Integration von Photovoltaik (PV) und Windkraft im Verteilnetz hat uns in eine Ära der Volatilität geführt. Die einzige systemisch tragfähige Antwort darauf ist Flexibilität – und hier spielen Großbatteriespeicher (BESS) die Hauptrolle.

Die Zahlen sprechen für sich: Bis 2037 benötigen wir laut ÜNB-Szenarien zwischen 41,1 GW und 94,1 GW an Speicherkapazität. Dies ist der Mindestbedarf, um die Netzstabilität ohne exzessiven Netzausbau zu gewährleisten. Gleichzeitig sehen wir einen Tsunami an Netzanschlussbegehren im hohen dreistelligen Gigawattbereich. Die Kluft zwischen dem realisierten Ausbau (aktuell ca. 2,6 GW) und dem notwendigen Hochlauf ist alarmierend.

Warum sollte sich das Stadtwerk XYZ mit diesen Hürden beschäftigen?

Die Geschwindigkeit, mit der private Investoren in BESS investieren können, entscheidet direkt über die zukünftige Belastung Ihres Verteilnetzes. Wenn der Markt die notwendige Flexibilität nicht liefert, fallen die Kosten für die Netzstabilisierung und den Netzausbau (gemäß §17 EnWG) direkt auf Ihr Stadtwerk zurück. Wir müssen sicherstellen, dass private Investitionen in die Netzdienlichkeit gelenkt werden, bevor wir zu teuren, unflexiblen Lösungen greifen müssen. Dafür muss die Politik die Investitionssicherheit garantieren.

1. Systemische Bremse: Der Flickenteppich im Netzanschlussverfahren

Der sprunghafte Anstieg der Anschlussanfragen für BESS im Jahr 2025 hat viele Verteilnetzbetreiber (VNB) an ihre administrativen Grenzen gebracht. Seit der Herauslösung von Speichern aus der KraftNAV ist §17 EnWG zum zentralen Sammelbecken geworden. Was fehlt, ist eine bundesweit einheitliche, standardisierte Logik.

Für Projektentwickler bedeutet dies: hohe Komplexität, lange Wartezeiten und sechsstellige Vorlaufkosten, ohne die Gewissheit eines Anschlusses. Für uns VNBs bedeutet dies: eine Antragsflut, die unsere Ressourcen bindet, weil Entwickler „auf gut Glück“ anfragen müssen.

Strategische Forderung für VNBs: Wir müssen gemeinsam mit dem Regulator auf eine zentrale Transparenzoffensive drängen. Es ist paradox, dass wir einerseits belastbare Projekte fordern, andererseits aber keine klaren Informationen über verfügbare Kapazitäten und Warteschlangen bereitstellen können. Würde eine standardisierte Plattform die Netzkapazitäten transparent machen, könnten Projekte gezielt dort geplant werden, wo sie systemisch am sinnvollsten sind. Dies würde die Antragsflut reduzieren und die Qualität der verbleibenden Anfragen erhöhen – eine Win-Win-Situation für VNB und Investor.

2. Das Vertrauensproblem: Netzentgelte als Investitionsrisiko

Die Netzentgeltfrage ist ein massiver Unsicherheitsfaktor. Batteriespeicher profitieren derzeit von einer Netzentgeltbefreiung, da sie systemisch als Speicher definiert sind, die Energie nur zwischenspeichern. Diese Befreiung war essenziell, um die Asset-Klasse ohne Subventionen marktfähig zu machen.

Die laufenden Diskussionen im Rahmen des AgNes-Prozesses – insbesondere die Andeutung der Bundesnetzagentur (BNetzA), Speicher nachträglich in die Entgeltsystematik einzugliedern – untergräbt das Vertrauen der Investoren massiv. Investitionssicherheit basiert auf Verlässlichkeit. Eine nachträgliche Änderung der Spielregeln erhöht die Risikozuschläge und verzögert die Finanzierungszusagen.

Emma Energies Perspektive: Eine eventuelle dauerhafte Befreiung muss an einen messbaren Beitrag zur Netzdienlichkeit gekoppelt sein (vgl. Recherche [3]). Wir brauchen keine Übergangslösungen, sondern ein diskriminierungsfreies, klar definiertes Anreizsystem. Dieses System muss Netzdienlichkeit konkret definieren, messbar machen und angemessen vergüten. Die Politik muss hierbei die Prozesse von BMWK und BNetzA enger verzahnen, um Doppelbelastungen zu vermeiden.

3. Die Zwickmühle der Flexiblen Netzanschlussverträge (FCAs)

Flexible Connection Agreements (FCAs) sind prinzipiell ein hervorragendes Instrument. Sie ermöglichen es VNBs, Speicher netzdienlich zu integrieren, ohne sofort teuren Netzausbau betreiben zu müssen. Sie stellen sicher, dass die Speicher ihre Leistung an die aktuelle Netzkapazität anpassen.

Doch die aktuelle Umsetzung ist ein strategisches Desaster. Praktisch alle Netzbetreiber geben neue Speicheranschlüsse nur noch als FCAs heraus, was in der Regel signifikante Einschränkungen für Bezug und/oder Einspeisung bedeutet. Das Problem: Diese Netzstabilisierungsaufgaben werden ohne jegliche Vergütung vom Speicherbetreiber verlangt. Hinzu kommt, dass der VNB einen Baukostenzuschuss (BKZ) verlangt, obwohl der Anschluss nicht frei genutzt werden kann.

Die Folge ist ein Flickenteppich an individuellen FCA-Strukturen:

  • Hüllkurvenpflicht: Der Speicher muss zu bestimmten Zeiten laden/entladen, unabhängig von Marktpreisen.
  • Wetterabhängige Abregelung: Die Leistung wird an Windgeschwindigkeit oder Sonneneinstrahlung im Umkreis gekoppelt.
  • Strafbewehrte Fahrpläne: Extrem lange Ramp-Kurven oder frühe, verbindliche Fahrplanmeldungen reduzieren die Umsatzpotenziale.

Die Gefahr für die Energiewende: Wenn Speicherbetreiber im Gegenzug für einen Netzanschluss verpflichtet werden, signifikante Netzstabilisierungsaufgaben kostenlos zu leisten und zusätzlich BKZ zu zahlen, wird diese Asset-Klasse – die einzige, die bisher ohne Subventionen funktioniert – nicht mehr privat finanzierbar sein. Das ist eine klare Fehlsteuerung der Marktanreize.

Fazit: Vom politischen Hin und Her zur Strategischen Infrastruktur

Die Energiewende ist eine Marathon-Disziplin, die Verlässlichkeit erfordert. Rechtsunsicherheit ist der größte Feind der Investitionsbereitschaft. Wenn wir die notwendige Flexibilität nicht über den Markt generieren können, verzögert sich die Dekarbonisierung, und die Kosten für die Netzstabilität steigen für alle Letztverbraucher.

Wir brauchen jetzt einen harmonisierten, systemischen Rahmen, der folgende Punkte adressiert:

  1. Harmonisierung der Netzanschlussverfahren: Einheitliche Standards und Prozesse nach §17 EnWG, differenziert nach Spannungsebene (vgl. Recherche [1]).
  2. Transparenz über Netzkapazitäten: Schaffung einer zentralen Informationsbasis, damit Projekte dort entstehen, wo sie systemisch gebraucht werden, und VNBs entlastet werden.
  3. Standardisierung der FCAs: Musterverträge, die eine faire Vergütung für netzdienliches Verhalten (z.B. die Bereitstellung von Blindleistung oder die Vermeidung von Engpässen) vorsehen. Die Entschädigung muss die Einschränkung der Marktteilnahme kompensieren.
  4. Klare Netzentgelt-Perspektive: Definition einer diskriminierungsfreien Entgeltsystematik, die Anreize zur Netzentlastung schafft und Investorenvertrauen nicht durch rückwirkende Änderungen torpediert.

Die Großspeicher sind die notwendige Brücke zwischen volatiler Erzeugung und einem stabilen Netz. Stadtwerke müssen jetzt ihre Stimme erheben, um diesen systemischen Hebel durch klare, verlässliche Regeln zu entsperren. Nur so können wir den Weg zu einem dekarbonisierten und resilienten Energiesystem 2030 ebnen.

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Emma Energie

Wirtschaftliche Auswirkungen und ROI-Risikobewertung

Regulatorische Anforderungen und Vertragsgestaltung (FCAs)

Praktische Umsetzung und Infrastrukturstrategie