PV-Förderung

Das Ende der Solar-Förderung? Warum Kleinanlagen für unsere Netze unverzichtbar bleiben

Ein Plädoyer gegen den Förderstopp für Klein-PV und für eine systemische Integration in das Verteilnetz der Zukunft

In der schleswig-holsteinischen Politik braut sich ein Sturm zusammen, der weit über die Deiche des Nordens hinausreicht. Die Forderung der SPD, die Förderung für kleine Solaranlagen auch nach 2027 fortzuführen, trifft den Kern unserer aktuellen Herausforderungen in der Energiewirtschaft. Als Ingenieurin, die täglich mit Netzberechnungen und Lastprofilen arbeitet, sage ich Ihnen: Hier geht es nicht nur um ein paar Euro Einspeisevergütung. Es geht um das Fundament unserer zukünftigen Energiearchitektur.

Der Status Quo: Ein politisches Signal mit Nebenwirkungen

Das Bundeswirtschaftsministerium plant, die Förderung für Photovoltaik-Anlagen unter 25 Kilowatt Peak (kWp) ab 2027 einzustellen. Das Argument: Die Technologie sei marktreif, die Preise für Module im Keller, die Wirtschaftlichkeit durch Eigenverbrauch gegeben. Doch diese Sichtweise ist zu kurz gegriffen. Sie betrachtet die PV-Anlage als isoliertes Investmentobjekt und ignoriert ihre systemische Funktion im Verteilnetz.

Die Kritik aus Schleswig-Holstein ist berechtigt. In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit und der dringenden Notwendigkeit, uns von fossilen Importen unabhängig zu machen, ist jedes Kilowatt dezentraler Erzeugung ein Sicherheitsgewinn. Aber blicken wir tiefer – durch die Brille der Netzplanung und der Sektorkopplung.

Warum Sie als Stadtwerk dieses Thema auf dem Schreibtisch brauchen

Sie fragen sich vielleicht: „Warum sollte ich mich in meiner Rolle im Stadtwerk mit dieser politischen Debatte belasten? Wir setzen doch nur um, was das EEG vorgibt.“

Die Antwort ist simpel: Die dezentrale Klein-PV ist der natürliche Partner der Sektorkopplung. Wenn wir die Förderung streichen, riskieren wir einen massiven Einbruch bei den Zubauzahlen im privaten und kleingewerblichen Bereich. Das trifft Sie direkt in drei Kernbereichen:

  1. Netzentlastung vs. Netzausbau: Gut geplante Kleinanlagen mit hohem Eigenverbrauch (dank Wärmepumpe und E-Auto) reduzieren die Gleichzeitigkeit des Bezugs aus dem Netz. Ohne den Anreiz zur Installation sinkt die Bereitschaft der Kunden, in diese integrierten Systeme zu investieren.
  2. Kundenbindung und neue Geschäftsmodelle: Das Stadtwerk der Zukunft ist kein reiner Lieferant mehr, sondern ein Plattformbetreiber. Wenn der Markt für Klein-PV wegbricht, verlieren Sie die Basis für Smart-Home-Services, virtuelle Kraftwerke und Flexibilitätsvermarktung.
  3. §14a EnWG und die Steuerbarkeit: Wir brauchen steuerbare Verbrauchseinrichtungen. Doch diese funktionieren am effizientesten, wenn sie mit lokaler Erzeugung korrespondieren. Ein Förderstopp könnte dazu führen, dass Anlagen „unter dem Radar“ (ohne Netzanmeldung oder als reine Inseln) betrieben werden, was die Netztransparenz massiv gefährdet.

Die technologische Realität: Sektorkopplung braucht Anreize

Physikalisch gesehen ist die Energiewende ein Puzzle. Die 25-kWp-Klasse ist dabei kein lästiges Kleinteil, sondern der Klebstoff. Wenn wir über Wärmepumpen und Elektromobilität sprechen, reden wir über eine Verdopplung bis Verdreifachung des Strombedarfs in den Haushalten.

Ein Förderstopp ab 2027 würde genau jene Akteure demotivieren, die wir für die „Systemdienlichkeit“ brauchen. Die SPD Schleswig-Holstein weist völlig korrekt darauf hin, dass kleinere Solaranlagen eine wirtschaftlich tragfähige Eigenversorgung ermöglichen. Aber ich gehe weiter: Sie ermöglichen die Flexibilität, die wir für den stabilen Netzbetrieb benötigen.

Stellen Sie sich vor, wir haben 2030 Millionen von Haushalten mit E-Autos und Wärmepumpen, aber die PV-Zubaukurve knickt ab 2027 ein. Die Folge? Wir müssen die Spitzenlasten komplett über das übergeordnete Netz decken, anstatt sie lokal abzufangen. Das erhöht den Druck auf die Spannungshaltung und zwingt uns zu einem Netzausbau, der teurer ist als jede EEG-Umlage.

Administrative Hürden: Der wahre Bremsklotz

Unsere Recherche zeigt deutlich: Es ist nicht nur die fehlende Förderung, die Sorgen bereitet. Die Komplexität der technischen Anschlussbedingungen (TAB) und der bürokratische Aufwand bei der Anmeldung im Marktstammdatenregister (MaStR) sind schon heute abschreckend.

Wenn die Förderung wegfällt, muss im Gegenzug eine radikale Vereinfachung her. Wir brauchen eine „Pauschaloption“ für den Netzanschluss von Kleinanlagen. Es kann nicht sein, dass die Planungskosten und der administrative Aufwand bei einer 10-kWp-Anlage prozentual höher sind als bei einem Solarpark. Hier müssen wir als Branche – VNB und MSB – zusammenrücken und standardisierte Prozesse schaffen, die eine „Plug-and-Play“-Integration ermöglichen.

Die wirtschaftliche Perspektive: Unabhängigkeit hat keinen Festpreis

Die aktuelle Wirtschaftskrise hat uns gelehrt, dass Energieautarkie ein hohes Gut ist. Ein Stadtwerk, das seinen Kunden hilft, sich unabhängig von volatilen Weltmarktpreisen für Gas und Kohle zu machen, positioniert sich als Partner der Daseinsvorsorge.

Wenn der Bund die Förderung einstellt, entsteht eine Lücke. Stadtwerke könnten diese Lücke durch innovative Pachtmodelle oder lokale Bürgerenergie-Tarife füllen. Aber dafür brauchen wir Planungssicherheit. Ein abrupter Stopp 2027 ist das Gegenteil von Planungssicherheit.

Fazit: Die Energiewende ist keine Pflichtübung, sondern eine Chance

2030 wird die Integration von Millionen Kleinerzeugern der Standard sein. Ob wir diesen Standard durch ein kluges Anreizsystem oder durch teure Reparaturmaßnahmen am Netz erreichen, liegt jetzt in der Hand der Politik – und in Ihrer strategischen Ausrichtung.

Wir dürfen die Energiewende nicht gegen die Wirtschaftlichkeit ausspielen. Die Forderung aus Schleswig-Holstein ist ein Weckruf, die dezentrale Erzeugung als systemrelevante Komponente zu begreifen.

Meine Empfehlung für Sie als Entscheider im Stadtwerk:

  • Lobbyarbeit: Setzen Sie sich über Ihre Verbände für eine Fortführung oder zumindest eine gleitende Anpassung der Förderung ein.
  • Prozessoptimierung: Vereinfachen Sie die Netzanschlussprüfung für Anlagen unter 25 kWp radikal. Werden Sie zum „Einfach-Macher“ in Ihrer Region.
  • Sektorkopplung forcieren: Entwickeln Sie Produkte, die PV, Speicher und §14a-Geräte (Wallboxen, Wärmepumpen) bündeln. Machen Sie die Förderung durch Systemvorteile wett.

Die Energiewende findet im Verteilnetz statt. Sorgen wir dafür, dass die Werkzeuge dafür – die kleinen PV-Anlagen – nicht im Schuppen bleiben, sondern auf die Dächer kommen.

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Emma Energie

Das Stadtwerk sollte eine radikale Prozessvereinfachung durch eine 'Pauschaloption' beim Netzanschluss einführen, um den administrativen Aufwand für Kleinanlagen unter 25 kWp zu minimieren. Durch standardisierte 'Plug-and-Play'-Anmeldeprozesse und digitale Schnittstellen zum Marktstammdatenregister wird der Anreiz erhöht, Anlagen trotz fehlender Förderung offiziell anzumelden, was die Netztransparenz sichert und den Betrieb steuerbarer Lasten nach §14a EnWG erst ermöglicht.

Das Stadtwerk sollte integrierte Bündelprodukte aus PV-Anlagen, Speichern und steuerbaren Verbrauchseinrichtungen (Wallboxen, Wärmepumpen) über Pachtmodelle oder lokale Bürgerenergie-Tarife anbieten. Indem das Stadtwerk als Plattformbetreiber auftritt und die Flexibilitätsvermarktung sowie Smart-Home-Services übernimmt, kann der Wegfall der Einspeisevergütung durch optimierten Eigenverbrauch und systemische Vorteile kompensiert werden.

Ohne den Anreiz für dezentrale PV-Kleinanlagen sinkt die lokale Erzeugungskapazität, was dazu führt, dass die durch Wärmepumpen und E-Mobilität entstehenden Lastspitzen vollständig über das übergeordnete Netz gedeckt werden müssen. Dies erzwingt einen teureren und massiveren Netzausbau (CAPEX) zur Spannungshaltung. Eine Fortführung der Förderung oder lokale Anreize sind daher systemrelevant, um die Gleichzeitigkeit des Bezugs zu reduzieren und den Netzausbaubedarf zu dämpfen.