Das Infrastruktur-Dilemma: Beschleunigung darf Wasser- und Netzschutz nicht opfern
Das Tempo der Transformation: Chance und Risiko
Wir, die Akteure der kommunalen Energie- und Wasserwirtschaft, stehen vor der größten Bau- und Planungsherausforderung seit Jahrzehnten. Um die ambitionierten Klimaziele zu erreichen, muss das Tempo beim Ausbau der Erneuerbaren Energien, der Modernisierung der Verteilnetze und der Etablierung neuer Infrastrukturen wie dem Wasserstoff-Kernnetz massiv anziehen.
Die Forderung des BDEW nach wirksamem Bürokratieabbau und beschleunigten Planungs- und Genehmigungsverfahren ist daher absolut richtig und überfällig. Aktuelle Gesetzesinitiativen zur Planungsbeschleunigung und zur Stärkung der Resilienz, wie das KRITIS-Dachgesetz, setzen hier wichtige Impulse. Insbesondere der verbesserte Schutz für kritische Infrastrukturen (KRITIS) ist ein Fortschritt.
Doch als Nachhaltigkeits-Strategin und Ingenieurin mit Fokus auf die Systemzusammenhänge muss ich warnen: Beschleunigung darf niemals zu Lasten der Systemresilienz und des Schutzes unserer fundamentalen Lebensgrundlagen gehen. Genau an diesem Punkt sehe ich in den aktuellen Debatten und Entwürfen kritische Fallstricke, die uns in der Energiewende teuer zu stehen kommen könnten.
1. Die KRITIS-Achillesferse: Der Schutz der Wasserressourcen
Für Stadtwerke sind Energie- und Wasserversorgung untrennbar miteinander verbunden. Wir sind die Hüter beider kritischer Infrastrukturen. Die im Rahmen des „Pakts für Planungsbeschleunigung“ diskutierte Änderung, bei Planungsverfahren das erforderliche Einvernehmen der zuständigen Wasserbehörden durch ein reines Benehmen zu ersetzen, ist aus meiner Sicht ein massives Risiko für die Daseinsvorsorge. Verbände wie der VKU warnen eindringlich vor einer solchen Abschwächung, die den Schutz unserer Wasserressourcen unmittelbar gefährden würde.
Warum ist das für die Netztransformation so relevant?
Trinkwassersicherheit: Die Trinkwasserversorgung ist die Basis jeder kommunalen Infrastruktur. Schutzgebietszonen wurden über Jahrzehnte mühsam etabliert. Wenn diese Schutzmechanismen aufgeweicht werden, kann der Schutz der Wasserressourcen ausgehebelt werden. Ein Schaden an der Trinkwasserbasis kann nicht schnell repariert werden – das ist eine langfristige Systemgefährdung.
Sektorkopplung und Power-to-X: Die Energiewende ist auf Wasser angewiesen. Sei es für die Kühlung, die Wasserkraft (insbesondere Pumpspeicher, deren systemische Bedeutung u.a. die Studie 'Energiespeicher für die Energiewende' des Fraunhofer ISE (2022) belegt) oder zukünftig insbesondere für die Wasserstoffproduktion (Elektrolyse). Wenn wir die Wasserressourcen durch kurzfristige Genehmigungsbeschleunigung gefährden, legen wir uns selbst Fesseln für die notwendige Sektorkopplung an. Ein robustes Wasser-Management ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche Wasserstoffstrategie, wie sie die Bundesregierung in ihrer Nationalen Wasserstoffstrategie formuliert hat (Quelle: bundesregierung.de).
Lokale Verantwortung: Stadtwerke tragen die Verantwortung für die lokale Wasserqualität. Wenn übergeordnete Behörden ohne das volle Einvernehmen der Wasserbehörden Planungen durchdrücken können, wird die lokale Expertise und die spezifische Kenntnis der Schutzgebiete ignoriert. Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Integration der Wasserwirtschaft in die kritischen Planungsphasen.
Die Regelungen zum digitalen Schutz von KRITIS sind positiv, aber die physische Sicherheit der Ressource Wasser selbst muss höchste Priorität behalten. Ohne eine sichere Wasserversorgung gibt es keine resiliente Energiewende.
2. Dilemma Naturschutz: Kompensation und Netzausbau
Die Beschleunigung des Netzausbaus ist essenziell. Jedes Jahr Verzögerung bei der Errichtung von Leitungen, Umspannwerken oder neuen PV-Freiflächenanlagen bedeutet verlorene Einspeisungskapazität und steigende Netzbelastung. Wir müssen die Integration der Erneuerbaren (Wind, PV) ins Verteilnetz schnellstmöglich vorantreiben.
Ein Hauptgrund für Planungsverzögerungen sind die komplexen Anforderungen im Naturschutzrecht. Branchenverbände wie der BDEW bezeichnen die Suche nach geeigneten Flächen für die Realkompensation in der Praxis wiederholt als massiven Flaschenhals, der Projekte verzögert und den politischen Willen zur Beschleunigung konterkariert.
Die Gleichstellung von Realkompensation und Ersatzzahlung
Die bisherige Ungleichbehandlung von Realkompensation (die Schaffung neuer Naturflächen) und Ersatzzahlung (finanzielle Ausgleichszahlung) ist hierbei ein zentrales Problem. Meine Forderung lautet daher: Für den Ausbau der Energienetze, der unbestreitbar im überragenden öffentlichen Interesse liegt, muss eine Ersatzzahlung als gleichwertige Option etabliert werden.
Wenn Stadtwerke oder Netzbetreiber neue Infrastruktur – etwa eine neue Trafostation zur Aufnahme von PV-Spitzenlasten oder eine Leitungstrasse – bauen müssen, wird die Suche nach geeigneten Real-Kompensationsflächen oft zur unlösbaren Aufgabe. Wir brauchen eine bundeseinheitliche und praxistaugliche Regelung, die eine Ersatzzahlung als gleichwertige Option etabliert, insbesondere für lineare Infrastruktur wie Mast- und Turmbauten.
3. Was wir wirklich brauchen: Systemische Planungssicherheit
Die Energiewende ist ein Systemprojekt. Die Gesetzgebung muss diesen systemischen Ansatz widerspiegeln. Zwei weitere Punkte sind kritisch:
A. Klare Fristen im Raumordnungsrecht: Ohne klare, verbindliche Fristen besteht die Gefahr, dass die Ausweisung von Windenergie-Beschleunigungsgebieten faktisch ins Leere läuft. Die Unsicherheit in der Raumplanung schlägt direkt auf die Investitionsentscheidungen der Stadtwerke und Projektentwickler durch. Wir brauchen hier Planungssicherheit und Konsequenz.
B. Qualität vor Hektik bei Kompensation: Die Ankündigung der Bundesregierung, die Bereitstellung von Flächen für Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen zu erleichtern, ist grundsätzlich zu begrüßen. Aber es darf nicht nur um das Abwehren von Eingriffen gehen. Wir müssen einen Paradigmenwechsel vollziehen: weg von einem rein abwehrenden Naturschutz hin zu einer biodiversitätsfördernden Gestaltung von Naturflächen, die gleichzeitig Erleichterungen für die Vorhabenträger schafft. Qualität und Ökologie müssen dabei im Vordergrund stehen, nicht nur das überstürzte Tempo.
Emmas Fazit: Netztransformation braucht Vertrauen und Schutz
Die aktuellen Initiativen zur Planungsbeschleunigung sind notwendig. Aber die Beschleunigung darf nicht zu Lasten der Systemresilienz gehen. Für Stadtwerke, die sowohl die Energie- als auch die Wasserversorgung verantworten, ist eine Schwächung der Wasserbehörden inakzeptabel.
Die Energiewende ist eine Chance, aber sie ist auch ein Ingenieurprojekt. Wir müssen die Physik (Netzstabilität, Lastflüsse) und die Ökologie (Wasser, Fläche) gleichermaßen respektieren. Die Nachbesserungen beim Schutz der Wasserressourcen und die pragmatische Vereinfachung der Kompensationsmaßnahmen sind keine Fußnoten, sondern zentrale Stellschrauben für eine erfolgreiche, resiliente und schnelle Transformation unseres Systems. Lassen Sie uns diese Punkte in unseren Verbänden und gegenüber der Politik mit einer starken, gemeinsamen Stimme vertreten.