SAIDI

Das SAIDI-Paradoxon: Warum die Berliner Blackouts die Resilienz-Strategie jedes VNB neu definieren

Die tagelange Großstörung in Berlin entlarvt systemische Lücken und fordert eine strategische Neuausrichtung des Asset Managements.

Die Blackouts in Berlin, ausgelöst durch Sabotage, zeigen, dass unser Netz zwar effizient, aber nicht ausreichend resilient ist. Der Ausschluss von 'Höherer Gewalt' aus der SAIDI-Statistik verzerrt das Bild der tatsächlichen Versorgungsqualität. Für VNBs ist jetzt der Moment, Asset Management und Krisenvorsorge strategisch neu zu bewerten, denn die Abhängigkeit von kritischer Infrastruktur steigt exponentiell durch Sektorkopplung und Digitalisierung.

Das SAIDI-Paradoxon: Warum die Berliner Blackouts die Resilienz-Strategie jedes VNB neu definieren

Das Systemische Blindfeld: Höhere Gewalt und die SAIDI-Lüge

Die deutsche Stromversorgung gilt mit einem durchschnittlichen SAIDI-Wert von nur 10,2 Minuten pro Letztverbraucher und Jahr (Stand 2023, Quelle: Bundesnetzagentur, Versorgungsunterbrechungen Strom) international als Spitzenreiter. Berlin selbst liegt sogar noch darunter. Diese Zahlen suggerieren Perfektion. Die Realität des mehrtägigen Blackouts in Teilen Berlins nach einem Anschlag im März 2024 zeigt jedoch eine gefährliche statistische Verzerrung.

Der Grund liegt in der Methodik der Anreizregulierung: Gemäß § 52 EnWG und den regulatorischen Vorgaben werden Versorgungsunterbrechungen, die durch „Höhere Gewalt“ – wozu Sabotage und Terroranschläge zählen – verursacht werden, nicht in die SAIDI-Berechnung einbezogen (siehe BNetzA, Festlegung BK8-22/012-A). Diese Diskrepanz zwischen statistischer Perfektion und realer Verwundbarkeit ist das, was ich als die SAIDI-Lüge bezeichne.

Der Schock in Zahlen: Um die Dimension zu verdeutlichen: Hätte der viertägige Berliner Ausfall (ca. 96 Stunden) für die betroffenen rund 47.000 Anschlüsse regulatorisch erfasst werden müssen, hätte allein dieser Vorfall den stadtweiten SAIDI-Wert um rund 118 Minuten erhöht (Berechnung: 47.000 Kunden * 96 Stunden * 60 min / 2,3 Mio. Kunden). Das ist mehr als das Elffache des bundesdeutschen Jahresdurchschnitts. Als Grundlage dienen die rund 2,3 Millionen Netzkunden der Stromnetz Berlin GmbH (Quelle: Stromnetz Berlin, Zahlen & Fakten 2024). Das Qualitätselement nach § 20 ARegV, das über Bonus-Malus-Systeme die Investitionsanreize steuern soll und direkt an den offiziellen SAIDI-Wert gekoppelt ist, greift in diesem kritischsten aller Fälle nicht.

Warum ist das für Stadtwerk XYZ relevant? Wenn die größten, gesellschaftlich und wirtschaftlich verheerendsten Ausfälle nicht im regulatorischen Monitoring auftauchen, entsteht ein Anreiz, Investitionen in genau jene Redundanz und physische Sicherheit zu vernachlässigen, die im Ernstfall kritisch sind. Wir messen die Effizienz, ignorieren aber die Resilienz. VNB-Geschäftsführer müssen diese Lücke strategisch schließen, da der Reputationsschaden und die gesellschaftlichen Folgekosten die regulatorischen Einsparungen bei Weitem übertreffen.

Sektorkopplung: Die exponentiell steigende Vulnerabilität

Die Energiewende verschärft die Konsequenzen eines Netzausfalls dramatisch. Ein Blackout heute ist nicht mehr vergleichbar mit einem Blackout vor zehn Jahren. Wir sehen eine massive Zunahme an kritischen, stromabhängigen Lasten:

  1. Wärmewende: Wärmepumpen, die in Millionen Haushalten die Gasheizung ersetzen, machen ganze Stadtviertel im Winter stromabhängig.
  2. E-Mobilität: Die Ladeinfrastruktur wird zur kritischen Säule der Verkehrswende.
  3. Digitalisierung: Nicht nur Mobilfunknetze (die in Berlin nach Erschöpfung des Batteriepuffers zusammenbrachen), sondern auch Wasserversorgung, Fernwärmepumpen und lokale Steuerungssysteme sind auf eine stabile Stromversorgung angewiesen.

Der gesellschaftliche Value of Lost Load (VoLL) steigt exponentiell. Wenn Pflegeheime evakuiert und Krankenhäuser auf Notstrom umschalten müssen, weil die Fernwärme ausfällt (ein Kaskadeneffekt, der in Berlin eintrat), dann erleben wir, wie die Sektorkopplung die Abhängigkeitsketten verkürzt und die Schadenswirkung vervielfacht.

Asset Management: Von reaktiver Instandhaltung zu Resilienz-Strategie

Die Berliner Vorfälle – sowohl der Anschlag auf die Kabelbrücke in Lichterfelde als auch der frühere Anschlag auf Hochspannungsmasten in Köpenick – zeigen, dass oberirdische oder konzentrierte Infrastruktur (Kabelbrücken, Umspannwerke) exponierte Angriffspunkte darstellen. Der Großteil des Berliner Netzes ist verkabelt, aber die wenigen kritischen Engpässe sind entscheidend.

Für regionale VNBs, die oft ältere, weniger redundante Netze betreiben als die Hauptstadt, ergeben sich unmittelbare Handlungsfelder, die im Rahmen des Strategic Asset Management Plan (SAMP) nach ISO 55000 priorisiert werden müssen:

1. Auflösung von Inselnetzen und n-1-Redundanz

Alte Stadtstrukturen weisen oft Netzabschnitte auf, in denen das (n-1)-Kriterium – die Fähigkeit, einen Ausfall einer Komponente ohne Versorgungsunterbrechung zu kompensieren – faktisch nicht erfüllt ist. Die Auflösung dieser Inselnetze durch den Aufbau alternativer Trassen und die Ertüchtigung von Schaltanlagen ist eine teure, aber unverzichtbare Investition in die Grundsicherheit. Hier müssen Investitionsmaßnahmen (IM) nach § 23 ARegV beantragt werden, um die notwendige Redundanz zu finanzieren.

2. Systematische Kabeldiagnose und Predictive Maintenance

Viele Netze kämpfen mit überalterten Papier-Masse-Kabeln, deren Lebensdauer (30-50 Jahre) oft überschritten ist. Diese sind anfällig für thermische Alterung und mechanische Beanspruchung. Statt auf den Ausfall zu warten, müssen VNBs flächendeckend Condition Monitoring, Teilentladungsmessungen und Verlustfaktormessungen im Mittelspannungsnetz einführen. Forschungsprojekte zur KI-basierten Predictive Maintenance wie FLEMING ('Flexibilitätsmanagement und -einsatz im intelligenten Netz der Zukunft', Quelle: SINTEG-Programm, Projektdatenbank) zeigen den Weg: Wir müssen wissen, wann und wo der nächste Ausfall droht, bevor er eintritt.

3. Schwarzfallfeste Kommunikation und Digitalisierung

Der Zusammenbruch des Mobilfunks in Berlin nach kurzer Zeit unterstreicht die Notwendigkeit robuster, autarker Kommunikationswege. Das im Aufbau befindliche 450-MHz-Funknetz für kritische Infrastrukturen (betrieben durch die 450connect GmbH) ist hier nicht nur eine Option, sondern eine Notwendigkeit, um die Netzführung und das Krisenmanagement auch bei einem Blackout aufrechtzuerhalten. Zusätzlich müssen automatisierte Schaltpunkte (Smart Grids in der Mittelspannung) die Fähigkeit zur schnellen Fehlerisolation und Wiederversorgung (Fault Location, Isolation, and Service Restoration – FLISR) verbessern.

Fazit: Resilienz ist die Lizenz zum Betrieb der Energiewende

Die Berliner Blackouts sind ein mahnendes Beispiel dafür, dass die Energiewende nicht nur eine Aufgabe der Erzeugungs- oder Marktintegration ist, sondern zwingend eine Führungsaufgabe im Bereich der physischen Sicherheit und des Asset Managements. Die Investitionen, die allein die Stromnetz Berlin GmbH nun tätigen muss, zeigen die Dimension der notwendigen Ertüchtigung. Laut ihrer Mittelfristplanung investiert das Unternehmen „in den kommenden zehn Jahren rund 2,3 Milliarden Euro“ in die Modernisierung, Digitalisierung und den Ausbau der Netzinfrastruktur (Quelle: Stromnetz Berlin, Pressemitteilung, 21.03.2024).

Für jeden VNB-Geschäftsführer lautet die zentrale Aufgabe daher, die eigene Resilienz-Strategie sofort zu überprüfen. Beginnen Sie mit diesen drei Kernfragen:

  1. Inselnetze: Wo genau existieren in Ihrem Netz topologische Inseln ohne echte n-1-Sicherheit und welche Investitionsmaßnahme kann dies beheben?
  2. Predictive Maintenance: Wie weit fortgeschritten ist Ihr Programm zur zustandsorientierten Wartung kritischer Kabeltrassen und Schaltanlagen?
  3. Krisenkommunikation: Ist Ihr Krisenmanagement inklusive Netzleittechnik zu 100% vom öffentlichen Mobilfunk- und Festnetz unabhängig und somit schwarzfallfest?

Nur wenn Sie diese Fragen mit konkreten Maßnahmen beantworten können, ist gewährleistet, dass die steigende Abhängigkeit unserer Gesellschaft von Strom – getrieben durch E-Mobilität und Wärmepumpen – nicht zur Achillesferse der Dekarbonisierung wird. Die Energiewende ist eine Chance, aber sie benötigt ein Fundament aus höchster Resilienz.

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Emma Energie

Muss intern erarbeitet werden (Fokus: Regulatorische Argumentation und Wirtschaftliche Auswirkungen).

Muss intern erarbeitet werden (Fokus: Praktische Umsetzung und CAPEX/OPEX).

Muss intern erarbeitet werden (Fokus: Infrastruktur und Geschäftsprozesse/Krisenkommunikation).