Die Wende braucht Kontrolle: Warum der Steuerbarkeitscheck essentiell ist
Als Ingenieurin für Netzplanung sehe ich die Energiewende als ein gigantisches Physikproblem, das wir nur mit smarter Technologie lösen können. Die dezentrale Einspeisung – PV auf jedem Dach, Windparks in der Fläche – ist das Rückgrat der Dekarbonisierung. Doch sie stellt unsere Verteilnetze vor enorme Herausforderungen in Bezug auf Spannungshaltung und Netzengpässe.
Genau hier setzt der verpflichtende Steuerbarkeitscheck nach dem novellierten § 12 Abs. 2a–h EnWG an. Das Ziel ist klar: Wir müssen sicherstellen, dass wir jederzeit in der Lage sind, die Einspeiseleistung der angeschlossenen Anlagen zu steuern und ihre Ist-Einspeisung abzurufen. Der Netzbetreiber muss das Netz aktiv managen, nicht nur passiv auf Fehler reagieren.
Der Check 2025, dessen Ergebnis von den Übertragungsnetzbetreibern (ÜNB) positiv bewertet wurde, war ein wichtiger, aber überschaubarer Probelauf. Er hat gezeigt, dass die grundsätzliche Infrastruktur funktioniert. Doch was uns 2026 erwartet, ist eine qualitative und quantitative Steigerung, die eine tiefgreifende strategische Auseinandersetzung in jedem Stadtwerk erfordert.
2026: Die massive Ausweitung der Prüfpflicht
Die Vorgaben für den Testzeitraum 2026 sind deutlich ambitionierter. Während 2025 oft nur eine definierte Stichprobe oder spezifische Neuanlagen betroffen waren, erweitert sich der Scope nun dramatisch:
- Alle Anlagen ab 100 kW: Unabhängig von der Technologie (EEG, KWKG, etc.) müssen diese Anlagen auf Steuerbarkeit geprüft werden.
- Sämtliche steuerbaren Anlagen unter 100 kW: Dies schließt insbesondere Speicher und steuerbare Verbrauchseinrichtungen (SVE) ein, die bereits unter den neuen §14a EnWG fallen oder fallen werden. Diese Anlagen sind der Schlüssel zur Flexibilität der Zukunft.
- Stichtag 30. September 2025: Alle Anlagen, die bis zu diesem Datum in Betrieb genommen wurden, sind einzubeziehen. Dies bedeutet, dass nicht nur neue, digital-native Anlagen getestet werden, sondern auch ein großer Bestand an Altanlagen.
Die Konsequenz für die Verteilnetzbetreiber (VNB) ist eine exponentielle Zunahme der zu testenden Einheiten. Für viele Stadtwerke geht die Zahl der relevanten Anlagen von einigen Dutzend in 2025 auf Hunderte oder sogar Tausende in 2026. Dies ist keine IT-Aufgabe mehr, sondern eine logistische Herausforderung der Netzführung.
Die strategische Relevanz: Netz und Markt verschmelzen
Warum sollten Sie als Stadtwerk jetzt handeln? Weil der Steuerbarkeitscheck 2026 der direkte Vorläufer für die netzorientierte Steuerung ist – sei es im Rahmen von Redispatch 2.0 oder der zukünftigen Anwendung des §14a EnWG für die präventive Steuerung.
Wenn wir 2030 über ein flexibles, sektor-gekoppeltes Energiesystem sprechen, dann ist die Sicherstellung der technischen Ansteuerbarkeit die Basis. Wer jetzt Schwachstellen in der Kommunikation, der Datenqualität oder der physischen Steuerfähigkeit identifiziert, investiert direkt in die Betriebssicherheit der nächsten Dekade.
Die Herausforderung: Technik, Logistik und Bürokratie
Die Hauptschwierigkeiten, die wir in den kommenden Monaten bewältigen müssen, liegen an der Schnittstelle von regulatorischer Pflicht und technischer Realität:
1. Die Heterogenität des Bestands
Viele Altanlagen, insbesondere im 100-kW-Bereich, wurden noch mit älteren Rundsteuertechnik-Systemen oder proprietären Fernwirktechniken ausgestattet. Der Check erfordert oft eine Überprüfung, ob die heute geforderte standardisierte Kommunikation – insbesondere der Abruf der Ist-Einspeisung – überhaupt möglich ist. Die bloße Fähigkeit zur Reduktion der Einspeiseleistung genügt nicht mehr; wir brauchen aktuelle Messwerte zur Netzbeurteilung.
2. Der logistische Kraftakt und die Automatisierungslücke
Der Testzeitraum erstreckt sich von Februar bis September 2026. Tausende Einzeltests manuell durchzuführen, ist personell kaum leistbar. Stadtwerke müssen dringend Prozesse zur teilautomatisierten Testung aufsetzen. Dies erfordert eine enge Abstimmung zwischen Netzführung, Messstellenbetrieb (MSB) und der IT-Infrastruktur, die die Kommunikation zu den Anlagen herstellt (oft über die GWA-Infrastruktur oder dedizierte Fernwirkanlagen).
3. Die Rolle des MSB und §14a EnWG
Ein großer Teil der steuerbaren Anlagen (Speicher, Wärmepumpen, E-Auto-Lader) wird zukünftig über das intelligente Messsystem (iMSys) und die Steuerboxen nach § 29 MsbG gesteuert. Der Steuerbarkeitscheck ist hier eng verzahnt mit dem Smart-Meter-Rollout. Die rechtlichen Grundlagen (siehe Recherche [3]) sehen vor, dass die Testung spätestens im Rahmen der nächsten iMSys-Installation erfolgen soll. Dies erfordert eine präzise Koordination zwischen der regulatorischen Pflicht des VNB und der Ausbauplanung des MSB.
4. Die Bürokratiebremse
Die BDEW-Position, die sich für eine Straffung und Entbürokratisierung der Vorgaben eingesetzt hat, ist verständlich. Große Testvolumina bedeuten hohen Aufwand bei der Dokumentation und der Kommunikation mit den Anlagenbetreibern. Da die angestrebte Vereinfachung aufgrund der politischen Umstände nicht zustande kam, müssen Stadtwerke nun darauf achten, die Prozesse so schlank und praxistauglich wie möglich zu gestalten. Die Leitlinien der ÜNB, die am 30. Januar 2026 erwartet werden, sind hier entscheidend für die Ausgestaltung der Testmethodik.
Emmas Energie-Strategie: Vom Check zur Flexibilitäts-Plattform
Der Steuerbarkeitscheck ist mehr als nur eine Compliance-Aufgabe; er ist die Inventur des Flexibilitätspotenzials in Ihrem Netzgebiet.
Was Sie jetzt tun müssen:
- Datenfusion und Asset-Identifikation: Erstellen Sie eine präzise Datenbank aller Anlagen > 100 kW und aller SVEs. Verknüpfen Sie die Netzanschlussdaten mit den Kommunikationswegen (Fernwirktechnik, iMSys-Anbindung). Wissen Sie genau, wie Sie jede einzelne Anlage erreichen.
- Kommunikations-Audit: Überprüfen Sie die Kommunikationsschnittstellen der kritischen Bestandsanlagen. Wo fehlen die technischen Einrichtungen zur Fernsteuerung oder zum Abruf der Ist-Werte? Planen Sie die Ertüchtigung frühzeitig, um Engpässe bei Hardware-Lieferanten zu vermeiden.
- Prozessdigitalisierung: Entwickeln Sie automatisierte Testprotokolle. Ein manuelles Testen ist bei der Masse der Anlagen nicht wirtschaftlich. Nutzen Sie die gewonnenen Daten zur Netztopologie und zur Belastungsanalyse.
- Strategische Verknüpfung: Betrachten Sie den Steuerbarkeitscheck im Kontext der §14a EnWG-Umsetzung. Die Anlagen, die Sie jetzt auf Steuerbarkeit prüfen, sind die gleichen Einheiten, die Sie zukünftig netzdienlich steuern werden, um Netzentgelte zu optimieren und den Netzausbau zu verzögern.
Fazit: Der Steuerbarkeitscheck 2026 ist der Beweis, dass unsere dezentralen Netze erwachsen werden. Er zwingt uns, die digitale Infrastruktur bereitzustellen, die notwendig ist, um die physischen Grenzen unserer Netze zu erweitern. Wer diese Herausforderung jetzt systematisch und zukunftsorientiert angeht, legt den Grundstein für ein resilienteres und flexibleres Energiesystem 2030.