Erneuerbare Energien

Die 11-Cent-Revolution: Warum Wind und Sonne trotz Systemkosten das Erdgas abhängen

Eine neue Kostenanalyse rüttelt am Fundament der Kraftwerksstrategie und fordert Stadtwerke zum strategischen Umdenken heraus.

Es ist eine Zahl, die in der Branche für ordentlich Wirbel sorgt: 11 Cent. Laut einer aktuellen Studie der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und des Wirtschaftsverbandes Windkraftwerke kosten Wind- und Solarenergie inklusive der notwendigen Systemkosten – also Netzausbau und Speicher – lediglich elf Cent pro Kilowattstunde. Im direkten Vergleich dazu stehen moderne Erdgaskraftwerke, die mit bis zu 31 Cent zu Buche schlagen sollen.

Als Ingenieurin sehe ich solche Zahlen natürlich sofort durch die Brille der Netzplanung und der Systemintegration. Die Kernbotschaft ist klar: Die ökonomische Gravitation hat sich endgültig zugunsten der Erneuerbaren verschoben. Doch während die einen vom Ende des Erdgaszeitalters träumen, warnen die anderen vor der physikalischen Realität der Dunkelflaute. Wer hat recht? Und viel wichtiger: Was bedeutet das für Sie als Akteur in einem Stadtwerk?

Die Lernkurve lügt nicht

Um die Ergebnisse der Studie einzuordnen, müssen wir uns die technologische Entwicklung ansehen. Wir beobachten seit Jahren eine beeindruckende Lernkurve. Bei der Windenergie sinken die Kosten um etwa 10 % je Verdoppelung der installierten Leistung, bei der Photovoltaik sind es sogar rund 20 %. Diese Skaleneffekte haben dazu geführt, dass Erneuerbare Energien bereits bei einem Anteil von etwa 20 % im Netz ihre volle Wettbewerbsfähigkeit gegenüber fossilen Trägern erreicht haben.

Heute sind wir weit darüber hinaus. Die Herausforderung ist nicht mehr die Erzeugung an sich, sondern die Systemintegration. Die Studie kalkuliert hier fair: Sie rechnet nicht nur die reinen Gestehungskosten (LCOE), sondern inkludiert die Kosten für Batteriespeicher und den Netzausbau. Dass wir hier bei 11 Cent landen, zeigt, dass die Flexibilisierung des Systems günstiger ist als das bloße Verbrennen von fossilen Ressourcen.

Das Netz als Flaschenhals oder Enabler?

Ein kritischer Punkt in der Debatte sind die Netzkosten. Kritiker der Studie, insbesondere aus der Gaswirtschaft, betonen oft, dass der massive Ausbau der Erneuerbaren die Netze überlastet und die Kosten in die Höhe treibt. Hier müssen wir systemisch denken. Ja, sinkende Kosten bei der Erzeugung führen potenziell zu einem höheren Investitionsdruck im Verteilnetz. Das beeinflusst die Erlösobergrenzen der Netzbetreiber.

Aber – und das ist das entscheidende Aber: Wenn wir die Integration intelligent steuern, können wir den Netzausbau effizienter gestalten. Hier kommt der §14a EnWG ins Spiel. Steuerbare Verbrauchseinrichtungen wie Wärmepumpen und Wallboxen sind keine Last, sondern wertvolle Flexibilitätspotenziale. Wenn wir diese nutzen, um Erzeugungsspitzen lokal abzufangen (Stichwort: Peak Shaving), sinken die notwendigen Investitionen in die „passive“ Kupfer-Infrastruktur.

Die Kontroverse: Dunkelflaute vs. Flexibilität

Der Verband der Gas- und Wasserstoffwirtschaft hält dagegen: Ein System, das nur auf Sonne und Wind basiert, könne keine Versorgungssicherheit garantieren, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Sie fordern steuerbare Kraftwerke als notwendige Ergänzung.

Aus meiner Sicht ist das kein „Entweder-oder“, sondern ein „Sowohl-als-auch“ mit verschobenen Prioritäten. Wir brauchen gesicherte Leistung. Aber muss diese zwingend von neuen, teuren Erdgaskraftwerken kommen, die 31 Cent pro kWh kosten? Die Antwort liegt in der Sektorkopplung und in großskaligen Speichern.

Wir haben heute bereits ein Arsenal an Werkzeugen:

  1. Batteriespeicher: Für die kurzfristige Stabilisierung und Spannungshaltung (ms bis h).
  2. Demand-Side-Management (DSM): Die Anpassung des Verbrauchs an die Erzeugung. Das ist die kostengünstigste Form der „Erzeugung“.
  3. Power-to-X: Die Nutzung des bestehenden Erdgasnetzes als Speicher für grünen Wasserstoff oder synthetisches Methan.
  4. Elektromobilität: Millionen von rollenden Batterien, die über bidirektionales Laden das Netz stützen können.

Warum Sie sich als Stadtwerk damit beschäftigen müssen

Vielleicht fragen Sie sich: „Das ist Bundespolitik, was hat das mit meinem Stadtwerk in der Region zu tun?“ Die Antwort ist simpel: Die Energiewende findet im Verteilnetz statt.

1. Investitionssicherheit: Wenn Sie heute in neue Gasinfrastruktur investieren, riskieren Sie „Stranded Assets“. Wenn die Grenzkosten der Erneuerbaren inklusive Speicher tatsächlich so massiv unter denen von Gas liegen, wird der Markt die fossilen Kraftwerke schneller verdrängen, als viele Abschreibungspläne vorsehen.

2. Neue Geschäftsmodelle: Als Stadtwerk wandeln Sie sich vom reinen Energieverkäufer zum Flexibilitätsmanager. Das Management von lokalen Speichern und die Vermarktung von DSM-Potenzialen Ihrer Industriekunden wird 2030 Ihr Kerngeschäft sein.

3. Redispatch und Engpassmanagement: Die Kosten für Redispatch steigen. Werden diese als „beeinflussbare Kosten“ in den Effizienzvergleich der Regulierungsbehörde aufgenommen, stehen Sie unter Zugzwang. Ein intelligentes Netzmanagement, das Erneuerbare effizient integriert, wird zum direkten Wettbewerbsvorteil.

Fazit: Die Energiewende ist eine Chance, keine Pflichtübung

Die Studie von DUH und Windkraftverband mag in ihren Annahmen optimistisch sein, aber sie zeigt die Richtung vor. Die physikalische Basis – die Lernkurve der Technologie – ist unbestreitbar. Wir müssen aufhören, steuerbare Kraftwerke gegen Erneuerbare auszuspielen. Stattdessen sollten wir uns darauf konzentrieren, wie wir die „11 Cent“ in die Fläche bringen.

Für Stadtwerke bedeutet das: Investieren Sie in Digitalisierung, in Monitoring-Systeme für Ihre Ortsnetzstationen und in die Kommunikation mit Ihren Prosumern. Die Energiewende ist die größte Transformation seit der Elektrifizierung. Und wir als Ingenieure und Strategen haben das Privileg, das Betriebssystem dafür zu bauen.

Lassen Sie uns das Netz nicht nur als Kabel im Boden sehen, sondern als das Rückgrat einer dekarbonisierten Gesellschaft. Das ist technisch anspruchsvoll, ja. Es kostet Geld, ja. Aber am Ende ist es – wie die 11 Cent eindrucksvoll zeigen – schlicht die vernünftigere Lösung für unsere wirtschaftliche Zukunft.

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Emma Energie

Das Stadtwerk sollte die kalkulatorischen Abschreibungszeiträume verkürzen und Sensitivitätsanalysen durchführen, die Szenarien mit drastisch sinkenden Einsatzstunden für Gaskraftwerke berücksichtigen. Investitionsentscheidungen sollten primär auf 'H2-ready' Flexibilitätsoptionen oder die Kombination aus Großspeichern und Demand-Side-Management geprüft werden, da diese langfristig besser mit den niedrigen Grenzkosten der Erneuerbaren konkurrieren können.

Priorität hat die flächendeckende Ausrüstung der Ortsnetzstationen mit intelligenter Sensorik und Smart-Meter-Gateways, um eine Echtzeit-Transparenz der Lastflüsse im Niederspannungsnetz zu erhalten. Darauf aufbauend muss ein aktives Einspeisemanagement und eine Steuerungsschnittstelle nach §14a EnWG implementiert werden, um steuerbare Verbrauchseinrichtungen als Flexibilitätspuffer zu nutzen, statt das Netz allein durch teuren Tiefbau („passive Kupfer-Infrastruktur“) zu verstärken.

Das Stadtwerk kann Power-to-Heat-Anlagen (Elektrodenkessel) in Verbindung mit großen thermischen Speichern installieren. Durch diese Sektorkopplung kann bei Erzeugungsspitzen günstiger Wind- oder PV-Strom zur Wärmeerzeugung genutzt werden, was das Netz entlastet. Diese Flexibilität kann aktiv im Redispatch 2.0 vermarktet werden, wodurch das Stadtwerk zusätzliche Erlöse generiert und gleichzeitig die Abhängigkeit von teuren fossilen Brennstoffen für die Wärmeerzeugung reduziert.