Die Energiewende ist keine ferne Vision mehr – sie ist mitten im Verteilnetz angekommen. Und mit ihr vollzieht sich eine wirtschaftliche Disruption, die viele Stadtwerke kalt erwischen könnte. Wer heute noch glaubt, dass die dezentrale Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) auf fossiler oder biogener Basis dauerhaft die wirtschaftlichste Brücke in die CO2-Freiheit baut, muss umdenken. Die Kostendynamik hat sich fundamental verschoben.
Erneuerbare Energien in Kombination mit dezentralen Speichern hängen das klassische fossile Backup in puncto Wirtschaftlichkeit rasant ab. Wir sprechen hier nicht von marginalen Unterschieden: Während die Vollkosten für fossile Backup-Kapazitäten bei rund 31 Cent pro Kilowattstunde liegen, bewegen wir uns bei der Kombination aus Wind, PV und modernen Batteriespeichern (insbesondere unter Einbindung von Second-Life-Batterien) bereits in Größenordnungen von etwa 11 Cent pro Kilowattstunde.
Gleichzeitig sendet die Politik ein klares Signal: In der aktuellen 10-GW-Kraftwerksstrategie der Bundesregierung fällt die dezentrale KWK schlicht durchs Raster. Für Stadtwerke bedeutet das: Der bisherige Pfad ist blockiert. Wir müssen Flexibilität neu denken – als systemische Ressource, als Geschäftsmodell und als zentrales Werkzeug der Netzplanung.
Warum Sie sich als Stadtwerk jetzt mit diesem Thema beschäftigen müssen
Vielleicht fragen Sie sich in Ihrer Rolle als Geschäftsführer, Netzplaner oder Vertriebsleiter eines kommunalen EVU: „Warum betrifft mich das heute schon? Unsere KWK-Anlagen laufen doch noch, und die Netze sind stabil.“
Die Antwort ist pragmatisch: Weil sich das Spielfeld gerade radikal verändert.
- Für den Vertrieb & die Strategie: Das klassische Geschäftsmodell der fossilen oder erdgasbasierten KWK verliert seine ökonomische Daseinsberechtigung. Wenn Speicher-Flexibilität Strom zu einem Drittel der Kosten eines fossilen Backups bereitstellen kann, werden industrielle und private Kunden ihre Flexibilität selbst vermarkten oder direkt auf Speicher setzen.
- Für den Netzbetrieb: Die Integration von Speichern ist kein reines „Anschlussthema“ mehr. Sie entscheidet darüber, ob Ihr Verteilnetz kollabiert oder ob Sie die Sektorkopplung (E-Mobilität, Wärmepumpen nach §14a EnWG) ohne astronomische Netzausbaukosten meistern.
- Für die lokale Resilienz: Stadtwerke, die jetzt Speicher- und Flexibilitätskonzepte in ihre Portfolios integrieren, sichern sich die Rolle als lokaler Energiemanager. Wer zögert, wird zum reinen Kabelbetreiber degradiert.
Die ökonomische Realität: Speicher schlagen fossiles Backup
Der enorme Preisverfall bei Lithium-Ionen-Batterien und das Aufkommen von standardisierten Second-Life-Konzepten (die Weiterverwendung von ausgedienten E-Auto-Batterien im stationären Betrieb) haben die Spielregeln verändert. Speicher sind keine teure Nischentechnologie mehr. Sie sind der günstigste Weg, um volatile Erzeugung aus Sonne und Wind zeitlich zu verschieben.
Die dezentrale KWK, die jahrelang als die „eierlegende Wollmilchsau“ der kommunalen Wärme- und Stromwende galt, gerät dadurch wirtschaftlich ins Hintertreffen. Da die Kraftwerksstrategie der Bundesregierung primär auf Großkraftwerke und wasserstofffähige Gaskraftwerke im Übertragungsnetz abzielt, bleiben kleinere, dezentrale KWK-Anlagen bei den staatlichen Förderungen außen vor. Ohne diese Subventionen und angesichts steigender CO2-Preise ist der wirtschaftliche Betrieb reiner Backup-Verbrenner im Vergleich zu intelligent gesteuerten Batteriespeichern schlicht nicht mehr konkurrenzfähig.
Die Netzperspektive: Wo Speicher helfen – und wo nicht (Der Reality-Check)
Als Ingenieurin warne ich vor Technologie-Hype und grünem Wunschdenken. Speicher sind ein genialer Hebel, aber sie sind kein Allheilmittel, das den Netzausbau komplett überflüssig macht. Hier müssen wir systemisch differenzieren, wie auch aktuelle Untersuchungen (wie die Agora Speicherstudie) zeigen:
1. Hoch- und Mittelspannung: Netzausbau bleibt die wirtschaftlichere Lösung
Auf der Ebene der Mittel- und Hochspannungsnetze ist der großflächige Einsatz von Batteriespeichern keine kosteneffiziente Lösung, um den Netzausbau zu vermeiden. Warum? Um die enormen Lastflüsse und Erzeugungsspitzen von Windparks und solaren Großanlagen über Tage oder Wochen auszugleichen, wären gigantische Speicherkapazitäten erforderlich. Die Investitionskosten für solche Speicher übersteigen die Kosten eines konventionellen Netzausbaus (Kabelverlegung, Trafostationen) in fast allen Szenarien deutlich. Hier ist der physikalische Netzausbau nach wie vor das Mittel der Wahl.
2. Niederspannung: Das enorme Potenzial netzdienlicher Heimspeicher
Ganz anders sieht es im Niederspannungsnetz aus. Hier erleben wir einen Boom von privaten und gewerblichen PV-Speichern. Wenn diese Speicher rein eigenverbrauchsoptimiert laufen, laden sie oft genau dann, wenn ohnehin die Sonne scheint, und sind am frühen Nachmittag voll – genau dann, wenn die maximale Einspeisespitze das Netz belastet.
Das Gute ist: Durch eine geeignete Auslegung und Parametrierung können diese Speicher netzdienlich wirken – und das völlig ohne teure Investitionen in komplexe Kommunikationstechnik. Eine einfache, statische Programmierung (z. B. eine verzögerte Ladung, die erst ab Mittags startet, oder eine Kappung der Einspeisespitze) reicht aus, um das lokale Verteilnetz massiv zu entlasten. Das ist „Low-Tech-Flexibilität“ mit maximaler Wirkung!
Regulatorische Hebel: §14a EnWG und Redispatch 2.0
Wie bringen wir diese Flexibilität nun in die Praxis? Die regulatorischen Werkzeuge liegen auf dem Tisch:
- §14a EnWG: Seit Januar 2024 dürfen Netzbetreiber steuerbare Verbrauchseinrichtungen (Wärmepumpen, Wallboxen, aber auch Batteriespeicher) bei drohender Netzüberlastung dimmen. Im Gegenzug erhalten die Betreiber reduzierte Netzentgelte. Dies ist der Einstieg in das aktive Engpassmanagement auf Niederspannungsebene.
- Flexible Netzanschlussverträge: Netzbetreiber können zukünftig flexible Anschlüsse anbieten. Das bedeutet: Ein neuer Großverbraucher oder ein Speicher erhält schneller einen Netzanschluss, stimmt aber zu, in seltenen Engpasszeiten seine Leistung temporär zu drosseln. Das überbrückt die Zeit bis zum physischen Netzausbau.
- Clusterbildung im Redispatch 2.0: Um die Komplexität von tausenden dezentralen Anlagen zu beherrschen, müssen Stadtwerke lernen, Netze in „Cluster“ einzuteilen. Durch Sensitivitätsanalysen können wir Engpässe an Transformatoren identifizieren und gezielt die Flexibilität innerhalb eines Clusters abrufen (SD-Clusterabrufe), anstatt das gesamte Netz pauschal abzuregeln.
Fazit & Roadmap: Was Stadtwerke jetzt tun müssen
Die Energiewende wartet nicht. Ein „Weiter-wie-bisher“ mit Fokus auf fossile KWK ist eine ökonomische Sackgasse. Für ein Stadtwerk mit 20.000 oder 100.000 Einwohnern gilt es jetzt, die Weichen für 2030 zu stellen:
- Speicher-Portfolio aufbauen: Prüfen Sie den Einsatz von Großbatteriespeichern an Ihren eigenen PV- und Windstandorten zur Eigenoptimierung und Vermarktung am Intraday-Markt.
- Second-Life-Konzepte prüfen: Nutzen Sie die Kooperation mit lokalen Industrie- und Gewerbekunden, um ausgediente Batterien aus Flottenfahrzeugen als stationäre Speicher zu etablieren.
- Netzplanung modernisieren: Verabschieden Sie sich von der rein statischen Netzplanung. Integrieren Sie das Wissen über lokale Flexibilitätspotenziale und §14a-Steuerung in Ihre Netzzustandsanalysen.
- Kunden mitnehmen: Bieten Sie Ihren Prosumern Tarife und Anreize für eine netzdienliche Parametrierung ihrer Heimspeicher an. Das ist eine Win-Win-Situation für Ihren Netzbetrieb und den Geldbeutel Ihrer Kunden.
Die Flexibilitäts-Revolution ist keine Bedrohung – sie ist die größte Chance für Stadtwerke, sich als Gestalter der resilienten, dezentralen Energiewelt von morgen neu zu erfinden. Packen wir es an!