Nina Scheer

Die fossile Falle: Warum neue Gas-Infrastruktur die Netzplanung torpediert

Nina Scheers Warnung vor der schleichenden Verlängerung fossiler Abhängigkeiten – und was das für Stadtwerke bedeutet.

Kommentar von Emma Energie

Die fossile Falle: Warum neue Gas-Infrastruktur die Netzplanung torpediert

Als Ingenieurin und Nachhaltigkeits-Strategin betrachte ich die Energiewende stets systemisch: Netz, Markt, Erzeugung – alles greift ineinander. Die Warnung von Nina Scheer, energiepolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, vor einer „schleichenden Verlängerung und Begünstigung“ fossiler Erdgas-Strukturen trifft daher einen Nerv, der weit über die Geopolitik hinausreicht.

Es geht nicht nur um Importverträge; es geht um Pfadabhängigkeit und die Frage, ob wir unsere begrenzten Investitionsressourcen in die Technologie der Vergangenheit oder in die Infrastruktur der Zukunft lenken. Für uns, die wir die Transformation auf der Ebene der Verteilnetzbetreiber (VNB) managen, ist diese strategische Weichenstellung von existentieller Bedeutung.

Die Notwendigkeit der Diversifizierung vs. die Gefahr der Verlängerung

Die Reaktion auf den russischen Angriffskrieg und den nahezu vollständigen Ausfall der Erdgaslieferungen war richtig und notwendig: Versorgungssicherheit musste gewährleistet werden. Der Aufbau von LNG-Terminals und die Diversifizierung der Bezugsquellen (siehe Recherche [3], [4]) waren eine kurzfristige Überlebensstrategie.

Das Problem beginnt, wenn diese Notfallstrukturen zu langfristigen, ökonomisch zementierten Realitäten werden. Ein LNG-Terminal oder ein langfristiger Liefervertrag (oft über 15 bis 20 Jahre) schafft eine ökonomische Trägheit. Wenn Kapazitäten und Lieferverpflichtungen bestehen, entsteht der politische und wirtschaftliche Druck, diese auch auszulasten.

Der Haken aus der Systemperspektive: Jedes Molekül fossiles Gas, das länger als nötig im System gehalten wird, konkurriert direkt mit der notwendigen Beschleunigung der Sektorkopplung und dem Hochlauf von Wasserstoff und Biomethan (Recherche [10]). Es verzögert die dringend notwendige Entscheidung, welche Teile des Gasnetzes stillgelegt, umgewidmet oder auf Wasserstoff umgestellt werden – eine Entscheidung, die für die Netzentwicklungsplanung (NEP) der Fernleitungsnetzbetreiber (FNB) und die nachgelagerte Planung der VNBs entscheidend ist (Recherche [8]).

Warum das Stadtwerk XYZ betroffen ist: Die Bremswirkung auf die Sektorkopplung

Die Warnung Scheers mag auf nationaler Ebene klingen, ihre direkten Auswirkungen spüren wir aber auf der VNB-Ebene.

1. Verzögerung der Wärmewende und Netzbelastung:

Die Wärmewende ist die „Königsdisziplin“ (Recherche [9]). Unser Ziel ist es, die Wärmeversorgung zu dekarbonisieren, primär durch Wärmepumpen, die den Gasverbrauch massiv senken. Wenn durch neue, vermeintlich günstige Gasquellen das Signal an Endverbraucher gesendet wird, dass Gas noch lange eine tragfähige und bezahlbare Option bleibt, sinkt die Wechselbereitschaft.

  • Konsequenz für das Stromnetz: Wenn der Umstieg auf Wärmepumpen (und damit die Elektrifizierung der Wärme) verlangsamt wird, verlangsamt sich auch die Notwendigkeit, das Stromnetz für diesen Lastanstieg zu ertüchtigen. Das klingt paradox, aber: Wir brauchen den Druck der Transformation, um die notwendigen Investitionen in Digitalisierung, Spannungshaltung und Flexibilitätsmanagement (z.B. durch §14a EnWG) zu rechtfertigen und zu beschleunigen. Eine verlängerte Gas-Ära schafft eine Investitionsunsicherheit.

2. Flexibilitätspotenziale bleiben ungenutzt:

Die wahre strategische Chance der Energiewende liegt in der Flexibilität. Wir müssen die volatile Einspeisung von PV und Wind (EE-Integration) durch steuerbare Lasten ausgleichen. Das sind genau die Verbrauchseinrichtungen, die in der Sektorkopplung entstehen: Wärmepumpen, Batteriespeicher, E-Auto-Lader.

Wenn die Transformation durch eine verlängerte Gas-Ära gebremst wird, bleiben diese Flexibilitätspotenziale ungenutzt. Das Netz wird starrer, die Kosten für den notwendigen Netzausbau (Leitungen, Transformatoren) steigen unnötig, weil wir die vorhandenen Kapazitäten nicht intelligent mittels Lastmanagement nutzen können.

3. Ambivalenz in der Infrastrukturplanung:

Stadtwerke managen oft Strom-, Gas- und Wärmenetze. Die strategische Frage, die wir heute beantworten müssen, lautet: Wie viel Gasnetz brauchen wir in 10 Jahren? Wenn die Politik durch neue Importstrukturen suggeriert, dass der Gasverbrauch nicht so schnell sinkt wie geplant, wird die Planung für Biomethan-Cluster, Wasserstoff-Inseln und die Stilllegung von Gasleitungen extrem schwierig. Wir verschwenden Ressourcen, indem wir Infrastrukturen parallel betreiben und warten, deren Nutzungsdauer eigentlich abläuft.

Emmas Strategie: Die lokale Dekarbonisierung als Gegengewicht

Wir können die geopolitischen Handelsverträge nicht direkt beeinflussen, aber wir können die lokale Nachfrageseite steuern. Die beste Verteidigung gegen die „schleichende Verlängerung“ fossiler Abhängigkeiten ist die aggressive Beschleunigung der lokalen Dekarbonisierung.

1. Konsequente Wärmeplanung und Elektrifizierung:

Nutzen Sie die kommunale Wärmeplanung (KWK) als strategisches Instrument, um klare Ausstiegsfahrpläne für Gas zu definieren. Jeder Bürger, jede Industrieanlage, die heute auf eine Wärmepumpe, ein Nahwärmenetz oder Geothermie umsteigt, reduziert den nationalen Gasimportbedarf und entzieht den fossilen Strukturen die ökonomische Basis. Wir müssen die Akzeptanz und Bezahlbarkeit der Wärmewende klar kommunizieren und fördern (Recherche [9]).

2. Flexibilität jetzt monetarisieren:

Beschleunigen Sie den Rollout digitaler Infrastruktur (Smart Meter Gateways) und die Vorbereitung auf die Umsetzung des §14a EnWG. Diese technischen Voraussetzungen ermöglichen es, die neuen elektrischen Lasten intelligent zu steuern und damit die Integration von Erneuerbaren zu optimieren. Das ist die beste Versicherung gegen unnötigen Netzausbau und die effizienteste Nutzung der vorhandenen EE-Kapazitäten.

3. Wasserstoff-Realismus:

Die Diversifizierung der Gasversorgung ist wichtig, aber wir müssen realistisch bleiben, was den Zeitplan für grünen Wasserstoff angeht. Während FNBs die Wasserstoff-Korridore planen (Recherche [10]), müssen Stadtwerke strategisch entscheiden, wo Biomethan oder grüner Wasserstoff als Ergänzung zur direkten Elektrifizierung wirklich benötigt wird (z.B. in der Industrie oder im Schwerlastverkehr), und wo die direkte Elektrifizierung effizienter ist. Wir dürfen nicht warten, bis teurer Wasserstoff die fossilen Gasstrukturen ersetzt, wo eine Wärmepumpe es heute schon könnte.

Fazit: Die Energiewende ist Disziplin

Die Krise hat uns gelehrt, dass Versorgungssicherheit oberste Priorität hat. Die nächste Phase verlangt jedoch strategische Disziplin. Die Warnung vor der Verlängerung fossiler Abhängigkeiten ist ein Aufruf an die Stadtwerke, die Transformation auf der lokalen Ebene mit voller Kraft voranzutreiben.

Jede Kilowattstunde erneuerbarer Strom, die effizient genutzt wird, jede installierte Wärmepumpe und jeder dezentrale Speicher sind ein direkter Beitrag zur Unabhängigkeit von fossilen Importstrukturen. Wir müssen die Energiewende als die Chance begreifen, die sie ist – eine systemische Neuausrichtung, die wir nicht durch kurzfristige, ineffiziente Rückfallpositionen gefährden dürfen. 2030 wird uns zeigen, ob wir diese strategische Chance genutzt oder uns in der fossilen Falle verfangen haben.

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Emma Energie

Die Pfadabhängigkeit zwingt das Stadtwerk zu einer strategischen Priorisierung: Um Fehlinvestitionen (Stranded Assets) zu vermeiden, müssen Investitionen in das Gasnetz auf das absolut notwendige Sicherheitsmaß reduziert werden, während CAPEX-Mittel massiv in die Stromnetzverstärkung und Digitalisierung fließen sollten. Die Herausforderung besteht darin, die Investitionssicherheit für das Stromnetz trotz der durch billige Gasimporte suggerierten 'Gas-Verlängerung' aufrechtzuerhalten und klare Stilllegungspfade in der Netzplanung zu definieren.

Es besteht das Risiko, dass die für das Flexibilitätsmanagement notwendige digitale Infrastruktur (Smart Meter Rollout) zu langsam ausgebaut wird, da der unmittelbare Handlungsdruck durch eine verzögerte Sektorkopplung sinkt. Regulatorisch führt dies zu Problemen bei der Einhaltung von Digitalisierungsquoten; technisch fehlen dem VNB die notwendigen Daten und Steuerungsmöglichkeiten, um das Stromnetz bei einem dann plötzlich eintretenden Lastanstieg effizient zu managen, was die Netzkosten langfristig durch konventionellen Ausbau statt intelligenter Steuerung erhöht.

Die Kommunikation muss 'Wasserstoff-Realismus' und langfristige Preistransparenz in den Fokus rücken. Anstatt die kurzfristige Verfügbarkeit von Erdgas zu betonen, müssen die Risiken steigender CO2-Preise und die ökonomische Ineffizienz von Gas-Infrastrukturen bei sinkenden Nutzerzahlen (Degression der Netzentgelte) verdeutlicht werden. Vertrieblich sollte die lokale Wärmeplanung als verbindlicher Fahrplan genutzt werden, um Kunden frühzeitig Planungssicherheit für den Umstieg auf Wärmepumpen oder Fernwärme zu geben und sie vor der Kostenfalle fossiler Neuanschaffungen zu bewahren.