Die neue Realität: Wasserwirtschaft als zentrale Herausforderung der Energiewende
Die Nachricht, dass in Rheinland-Pfalz zahlreiche Kläranlagen bis 2045 eine vierte Reinigungsstufe erhalten müssen, um Arzneimittelrückstände und Pestizide zu eliminieren, ist auf den ersten Blick ein Thema für die Wasserwirtschaft. Die prognostizierten Kosten von rund 600 Millionen Euro für dieses Bundesland allein zeigen die Dimension (Quelle: WW-Kurier, 2024). Doch für uns, die wir die Energiewende systemisch denken, ist dies mehr als nur eine Investition in sauberes Wasser: Es ist eine der größten strategischen Herausforderungen für die lokale Netzplanung und die Sektorkopplung der kommenden zwei Jahrzehnte.
Als Emma Energie, Ihre Strategin für die systemische Energiewende, stelle ich daher die entscheidende Frage: Wie passt das in die Energiewende und was bedeutet das für unser Netz?
Die Antwort ist klar: Die Integration der 4. Reinigungsstufe ist ein massiver Lastfaktor, der ohne vorausschauende, systemische Planung zu Engpässen im Verteilnetz führen wird. Kläranlagen müssen sich transformieren – vom größten kommunalen Stromverbraucher zum flexiblen Energie-Hub, der aktiv zur Netzstabilität beiträgt.
Warum die 4. Reinigungsstufe den VNB betrifft
Kläranlagen (KLA) gelten bereits heute als immense Stromverbraucher. Sie sind für rund 20 bis 40 Prozent des gesamten kommunalen Stromverbrauchs bzw. der Stromrechnung verantwortlich (Quellen: Wikipedia; IDW, 2024). Der Löwenanteil entfällt dabei auf die Belüftung der biologischen Stufe. Die Einführung der vierten Reinigungsstufe – typischerweise durch Ozonung oder den Einsatz von Aktivkohlefiltern – führt zu einem signifikanten Anstieg des spezifischen Energiebedarfs.
Technisch fundiert: Die Ozonerzeugung beispielsweise ist hoch energieintensiv. Fachstudien der DWA (Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall) gehen je nach Verfahren von einem Mehrverbrauch von 15 bis 30 Prozent aus (Quelle: DWA-Themenband T4/2019). Wir sprechen hier also nicht nur über einen linearen Anstieg des jährlichen kWh-Verbrauchs, sondern über potenziell kritische Spitzenlasten (kW), die das lokale Verteilnetz zu bestimmten Zeiten – etwa während des Nachtbetriebs oder bei der Regeneration von Filtern – an seine Grenzen bringen können. Wenn zahlreiche Anlagen in einer Region sukzessive bis 2045 aufgerüstet werden, müssen wir diese Laststeigerung im Netzentwicklungsplan antizipieren.
Strategische Implikation für Stadtwerke: Wenn die KLA, die Sie als VNB versorgen, ihren Strombedarf signifikant erhöht, müssen Sie:
- Die Netzkapazitäten (Trafostationen, Mittelspannungsleitungen) prüfen und ggf. massiv ausbauen.
- Die Herkunft des zusätzlichen Stroms dekarbonisieren (Scope 2).
- Die KLA in die lokale Flexibilitätsstrategie einbinden, um die Kosten der Lastspitzen zu minimieren.
Die Dekarbonisierung bis 2045 (wie es das Bundes-Klimaschutzgesetz vorgibt [1]) erfordert, dass diese zusätzliche Energie grün ist. Das bedeutet, die KLA muss Teil der lokalen Erneuerbaren-Strategie werden.
Die Chance: Von der Lastspitze zum Flexibilitäts-Anker
Die Transformation der Kläranlage ist eine Pflichtübung, aber auch eine riesige Chance, die Sektorkopplung auf kommunaler Ebene voranzutreiben. Kläranlagen sind aufgrund ihrer Prozesse ideal für die Entwicklung zu echten Energie-Hubs:
1. Eigenversorgung und Sektorkopplung vor Ort
Die KLA bietet oft große, ungenutzte Flächen für PV-Anlagen. Zudem ist die Klärschlammfaulung eine stabile Quelle für Biogas. Die Wärme- und Stromerzeugung aus dem Klärgas in Blockheizkraftwerken (BHKW) kann durch die Integration von PV und gegebenenfalls Wind ergänzt werden, um den erhöhten Bedarf der 4. Stufe zu decken. Der Restwärme-Einsatz in benachbarten Quartieren schließt den Kreis der Sektorkopplung.
2. Flexibilität vermarkten nach §14a EnWG
Hier liegt der Schlüssel für den VNB. Der Betrieb der KLA ist nicht starr. Große Becken bieten inhärente Speicherkapazität. Wir können die Belüftung, die Pumpen und zukünftig die Ozonung zeitlich so steuern, dass sie in Zeiten hoher lokaler PV-Einspeisung oder niedriger Netzbelastung laufen.
Als steuerbare Verbrauchseinrichtungen im Sinne des §14a EnWG sind Kläranlagen, insbesondere mit ihren großen Lasten und der Möglichkeit, Prozesse temporär zu verschieben (Demand-Side-Management), prädestiniert. Sie könnten dem VNB Blindleistung zur Verfügung stellen und Lasten verschieben, um das Netz in kritischen Situationen zu entlasten. Die Mehrkosten der 4. Reinigungsstufe könnten so teilweise durch die Bereitstellung von Flexibilitätsdiensten kompensiert werden.
3. Synergien mit der Wasserstoff-Strategie 2045
Die genannte Frist von 2045 für die KLA-Aufrüstung fügt sich nahtlos in die Zeitachse des übergeordneten Ziels der Klimaneutralität [1] und des geplanten Hochlaufs einer Wasserstoffwirtschaft ein [2]. Überschüssiger, regenerativer Strom, der lokal erzeugt wird (z.B. durch große PV-Anlagen auf der KLA), könnte zukünftig zur lokalen Wasserstoff-Erzeugung (Power-to-Gas) genutzt werden, um die regionale H2-Versorgung zu stabilisieren und die Gestehungskosten für grünen Wasserstoff zu senken.
Handlungsauftrag für die Strategieabteilung
Der Investitionsbedarf von 600 Millionen Euro (Quelle: WW-Kurier, 2024) allein in Rheinland-Pfalz ist Ihr Signal, jetzt aktiv zu werden. Warten Sie nicht, bis die Bauanträge für die 4. Stufe auf dem Tisch liegen und der Netzausbau unter Zeitdruck steht. Das Silodenken zwischen Wasserwirtschaft, Netzbetrieb und Erzeugung muss enden.
Was jetzt zu tun ist (Strategische Roadmap):
- Gemeinsame Bedarfsanalyse (VNB & KLA): Detaillierte Analyse der zukünftigen Lastprofile der Kläranlagen in Ihrem Versorgungsgebiet, Ermittlung des kW-Anstiegs durch Ozonung oder Aktivkohle und Identifikation kritischer Netzpunkte.
- Flexibilitäts-Audit: Identifikation der Flexibilitätspotenziale der KLA (Speicher, Pumpen, BHKW-Steuerung) und Entwicklung eines Business Case für die Bereitstellung von Netzdienstleistungen (§14a EnWG).
- Infrastruktur-Mapping: Planung der Integration von lokalen Erneuerbaren (PV-Freifläche, Biogas-Optimierung) auf dem KLA-Gelände zur Deckung des Mehrbedarfs. Prüfung der Möglichkeit, die KLA als Knotenpunkt für ein lokales Wärmenetz oder zukünftige P2X-Anwendungen zu nutzen.
Die Kläranlage von morgen ist ein Grünes Technologiezentrum – ein Ort, an dem Wasser gereinigt, Energie erzeugt, Flexibilität bereitgestellt und Ressourcen intelligent gemanagt werden. Die Aufrüstung zur 4. Reinigungsstufe ist der ideale Hebel, um diese Transformation jetzt systemisch und zukunftsorientiert voranzutreiben.
Quellen
[1] Bundes-Klimaschutzgesetz (KSG): Gesetz zur Einhaltung der Klimaschutzziele 2030 und zur Festlegung nationaler Klimaschutzziele bis 2045. In der Fassung vom 18. August 2021.
[2] Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK): "Fortschreibung der Nationalen Wasserstoffstrategie" (2023). Beschreibt den geplanten Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft bis 2030 und darüber hinaus.
WW-Kurier (2024): "Neue Reinigungsstufe für Kläranlagen in Rheinland-Pfalz bis 2045". Verfügbar unter: https://www.ww-kurier.de/artikel/165645-neue-reinigungsstufe-fuer-klaeranlagen-in-rheinland-pfalz-bis-2045 (Bestätigt Kosten von 600 Mio. € und Frist 2045).
Informationsdienst Wissenschaft (IDW), 2024: "Klärwerke auf dem Energiemarkt". Verfügbar unter: https://nachrichten.idw-online.de/2024/02/05/klaerwerke-auf-dem-energiemarkt (Belegt Anteil von 30-40% an der kommunalen Stromrechnung).
Wikipedia, "Kläranlage": Belegt den Anteil von ca. 20% am kommunalen Energieverbrauch.
Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA): DWA-Themenband T4/2019 "Energiebedarf für die weitergehende Abwasserreinigung zur Spurenstoffelimination". (Fachquelle für den Mehrverbrauch von 15-30%).