Kraftwerksstrategie

Die Kraftwerksstrategie: Eine Brücke zur gesicherten Leistung und ihre Implikationen für das Netz

12 GW gesicherte Kapazität bis 2031: Warum Stadtwerke jetzt auf dezentrale Flexibilität setzen müssen.

Die Systemische Notwendigkeit: Warum 12 GW nur der Anfang sind

Seit Jahren diskutieren wir über die Lücke, die der Ausstieg aus Kernkraft und Kohle hinterlässt. Die Abschaltung von dargebotsunabhängigen Erzeugungskapazitäten im Umfang von fast 30 GW (seit 2011, inkl. KKW) ist systemisch spürbar. Während der Ausbau von Wind und PV rasant voranschreitet, fehlt es an der sogenannten gesicherten Leistung – also der Kapazität, die garantiert einspringt, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht.

Die nun gefundene Einigung zwischen der Bundesregierung und der EU-Kommission zur Kraftwerksstrategie ist die dringend benötigte Brücke. Sie adressiert den erheblichen Handlungsdruck, der bis 2030 in Bezug auf die Versorgungssicherheit besteht, bevor eine umfassende Reform des Marktdesigns (der Kapazitätsmarkt ab 2032) greifen kann [3].

Als Nachhaltigkeits-Strategin sehe ich diese 12 Gigawatt (GW) Ausschreibung nicht als Rückkehr zur zentralen Energieversorgung, sondern als notwendiges Fundament für die Transformation. Aber die wahre Herausforderung – und damit die Chance für Stadtwerke – liegt in der Dezentralität und der Flexibilität, die diese zentralen Kapazitäten ergänzen muss.


Die Eckpunkte: Was bedeutet „Langfristkapazität“?

Die Strategie sieht vor, bis 2031 insgesamt 12 GW neu zu schaffen oder zu sichern. Die Aufteilung ist hierbei entscheidend:

  1. 10 GW Neubau mit Langfristkapazität: Diese Anlagen – voraussichtlich H2-ready Gaskraftwerke – müssen über einen längeren Zeitraum am Stück Strom erzeugen können. Dies adressiert die sogenannten „Dunkelflauten“ und sichert die Robustheit des Gesamtsystems.
  2. 2 GW Technologieoffene gesicherte Leistung: Hier ist der Spielraum für innovative Lösungen größer, möglicherweise auch für Großspeicher oder Power-to-X-Anlagen, die gesicherte Leistung bereitstellen können.

Parallel dazu sollen ab 2027 und 2029 technologieoffene Ausschreibungen für Neu- und Bestandsanlagen erfolgen, die auf das Zieljahr 2031 ausgerichtet sind. Der große Wurf ist jedoch das Konzept für einen Kapazitätsmarkt, das die Bundesregierung zeitnah vorlegen muss und das ab 2032 die langfristige Investitionssicherheit gewährleisten soll.

Emma's Analyse: Die technischen Anforderungen jenseits der Kilowatts

Diese neuen Kraftwerke müssen mehr als nur Megawatt liefern. Sie müssen die systemrelevanten Dienstleistungen erbringen, die bisher Kohle- und Kernkraftwerke leisteten:

  • Spannungshaltung und Blindleistung: Wichtig für die Stabilität im Übertragungsnetz.
  • Schwarzstartfähigkeit: Die Fähigkeit, das Netz nach einem großflächigen Ausfall wieder hochzufahren.
  • Trägheit (Inertia): Die physikalische Eigenschaft großer Generatoren, die Frequenzschwankungen dämpfen – eine Eigenschaft, die PV- und Windanlagen nur über komplexe Umrichter nachbilden können.

Diese zentralen Kapazitäten sind also primär ein Werkzeug zur Sicherung des Übertragungsnetzes (ÜNB-Ebene). Doch was bedeutet das für die Verteilnetzbetreiber (VNB) – also für Sie als Stadtwerk?


Die Rolle der Stadtwerke: Flexibilität als dezentraler Gegenspieler

Die Kraftwerksstrategie ist eine Reaktion auf die Makro-Ebene der Energiewende. Ihre Aufgabe als Stadtwerk ist es, die Mikro-Ebene zu beherrschen. Denn während der Bund 12 GW zentrale Leistung sichert, fluten Sie Ihre Netze weiterhin mit PV-Anlagen, Wärmepumpen und E-Autos. Die Belastung für Ihr Verteilnetz steigt exponentiell.

Die Kernfrage lautet: Wie verhindern Sie, dass Sie Netzausbau in Milliardenhöhe betreiben müssen, nur weil in der Mittagsspitze alle E-Autos laden oder abends alle Wärmepumpen gleichzeitig starten?

Die Antwort liegt in der Nachfrageflexibilität. Die Expertenkommission zum Energiewende-Monitoring weist explizit auf die zukünftige Rolle und die Robustheit der Nachfrageflexibilität hin [1]. Hier liegt Ihr strategischer Hebel.

1. §14a EnWG und steuerbare Verbrauchseinrichtungen (SteV)

Seit Januar 2024 ist der §14a EnWG scharf gestellt. Er gibt Ihnen als VNB das Recht, steuerbare Verbrauchseinrichtungen (SteV) im Bedarfsfall zu drosseln, im Gegenzug für reduzierte Netzentgelte. Dies ist Ihr dezentrales Kapazitätsmanagement.

Wenn Sie es schaffen, die Flexibilität von Tausenden von Wärmepumpen und Wallboxen intelligent zu aggregieren und zu steuern, können Sie lokale Engpässe vermeiden, die sonst teure Netzverstärkungen erfordern würden. Dies schafft eine lokale, gesicherte Leistung, die die zentralen 12 GW perfekt ergänzt.

Zukunftsorientierte Sicht: In einigen Jahren wird die Aggregation dieser dezentralen Flexibilität so weit entwickelt sein, dass diese Kapazitäten auch am Kapazitätsmarkt teilnehmen können, den der Bund ab 2032 plant. Die 2 GW technologieoffene Ausschreibung sind ein Fingerzeig in diese Richtung.

2. Sektorkopplung als Netzstabilisator

Die Sektorkopplung (Wärme, Verkehr, Strom) ist nicht nur ein Dekarbonisierungstool, sondern auch ein Netzmanagement-Instrument. Lokale Batteriespeicher, die an PV-Anlagen gekoppelt sind, oder Power-to-Heat-Anlagen in Fernwärmenetzen können kurzfristige Netzengpässe abfedern und Blindleistung bereitstellen, ohne dass die zentralen Kraftwerke hochgefahren werden müssen.

Die Kraftwerksstrategie bietet eine zentrale Absicherung, aber die Effizienz und Wirtschaftlichkeit der Energiewende wird im Verteilnetz entschieden. Jedes Kilowatt, das Sie durch intelligentes Management lokal abfangen, reduziert den Bedarf an teuren zentralen Backup-Lösungen.


Strategische Handlungsempfehlungen für Stadtwerke

Der Gesetzgebungsprozess zur Kraftwerksstrategie wird zeitnah beginnen, mit ersten Ausschreibungen womöglich schon 2026. Das gibt Ihnen Zeit, Ihre eigene Strategie zu schärfen:

  1. Flexibilitäts-Inventur starten: Identifizieren Sie alle steuerbaren Assets in Ihrem Netzgebiet (WP, E-Ladesäulen, Speicher, industrielle Lasten). Entwickeln Sie die IT-Infrastruktur, um diese Assets über den §14a EnWG steuern zu können.
  2. Kapazitätsmarkt 2032 vorbereiten: Auch wenn der Kapazitätsmarkt erst in einigen Jahren startet, müssen die Grundlagen heute gelegt werden. Wie können Sie lokale Flexibilitätspools aggregieren und zertifizieren, um sie später am Markt anzubieten? Investieren Sie in Smart Meter Gateways (SMGWs) als Basis für die Kommunikation.
  3. H2-Strategie lokalisieren: Die 10 GW Neubau werden H2-ready sein. Dies schafft eine zukünftige Abnahmebasis für grünen Wasserstoff. Stadtwerke sollten jetzt prüfen, welche lokalen Power-to-X-Projekte oder H2-Infrastrukturen (z.B. in der Wärmeversorgung oder im ÖPNV) Synergien mit der zentralen Strategie nutzen können.

Die Kraftwerksstrategie ist ein klares Signal: Die gesicherte Leistung hat ihren Preis und ihre Notwendigkeit. Aber sie ist nur die Hälfte der Miete. Die andere Hälfte – die intelligente Nutzung und Steuerung des dezentralen Stroms – liegt in Ihrer Hand. Die Transformation ist eine Chance, und sie beginnt im Verteilnetz.

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Emma Energie

Diese Frage adressiert die praktische Umsetzung und die notwendigen Investitionen (CAPEX/OPEX) in IT-Infrastruktur und Personal, um die regulatorischen Anforderungen des §14a EnWG als dezentralen Gegenspieler zur zentralen Kraftwerksstrategie zu erfüllen.

Diese Frage beleuchtet die wirtschaftlichen Auswirkungen und Risiken/Chancen des zukünftigen Kapazitätsmarktes und fordert eine Abwägung zwischen dezentraler Flexibilität (Sektorkopplung) und teurem Netzausbau.

Diese Frage verbindet die strategische Ausrichtung auf H2 (basierend auf den 10 GW H2-ready Anlagen) mit den operativen und kundenorientierten Herausforderungen des Flexibilitätsmanagements (§14a EnWG).