Kraftwerkssicherheitsgesetz

Die Speicher-Lücke: Warum Deutschland ohne mehrtägige Energiespeicher in der fossilen Falle sitzt

Das Kraftwerkssicherheitsgesetz muss jetzt die Weichen für echte Langzeitspeicher stellen, um Versorgungssicherheit klimaneutral zu garantieren.

Die Speicher-Lücke: Warum Deutschland ohne mehrtägige Energiespeicher in der fossilen Falle sitzt

Wir schreiben das Jahr 2025. Ein Blick auf die Zahlen der Nettostromerzeugung lässt mein Herz als Ingenieurin höherschlagen: 55,9 Prozent unseres Stroms stammen bereits aus erneuerbaren Quellen. Wir sind auf dem richtigen Weg. Doch wenn ich als Strategin auf die Netzplanung für 2030 und darüber hinaus blicke, sehe ich eine dunkle Wolke am Horizont – und ich meine nicht nur die sprichwörtliche Dunkelflaute.

Wir stehen an einem kritischen Wendepunkt der Energiewende. Die Bundesregierung und die EU haben sich grundsätzlich zum Kraftwerkssicherheitsgesetz (KWSG) geeinigt. Das klingt zunächst nach trockener Regulatorik, ist aber in Wahrheit die Entscheidung über das Betriebssystem unserer Zukunft. Die Kernfrage lautet: Werden wir es schaffen, die Kohle- und Gasabhängigkeit wirklich zu brechen, oder zementieren wir fossile Strukturen für weitere Jahrzehnte, weil uns der Mut zur technologischen Breite fehlt?

Das Paradoxon der Kurzzeit-Optimierung

Verstehen Sie mich nicht falsch: Die aktuelle Welle an Lithium-Ionen-Großspeichern ist fantastisch. Diese Systeme sind die „Sprinter“ unseres Netzes. Sie reagieren in Millisekunden, stabilisieren die Frequenz und glätten die täglichen PV-Kurven. Für den Ausgleich zwischen Mittagssonne und Abendnachfrage sind sie unschlagbar.

Doch als Netzplanerin weiß ich: Ein Marathon lässt sich nicht mit Sprintern gewinnen. Wenn der Wind über drei Tage einschläft und der Himmel grau bleibt, stoßen Lithium-Ionen-Batterien an ihre wirtschaftliche und physikalische Grenze. Um eine mehrtägige Flaute zu überbrücken, müssten wir Unmengen an Batteriezellen installieren, die 95 Prozent des Jahres ungenutzt herumstehen. Das ist, als würde man für einen einwöchigen Campingausflug 50 kleine Powerbanks kaufen, anstatt ein vernünftiges Stromaggregat oder einen großen Akkublock mitzunehmen. Es ist ineffizient und schlicht zu teuer.

Bisher war die Antwort auf dieses Problem simpel: Wir lassen die Gaskraftwerke laufen. Doch wenn wir es mit der Dekarbonisierung ernst meinen, darf Gas (auch wenn es „H2-ready“ ist) nur die allerletzte Verteidigungslinie sein, nicht der Standard-Puffer für jede trübe Woche.

LDES: Die vergessene Säule der Versorgungssicherheit

Hier kommen die sogenannten Long Duration Energy Storage (LDES) Technologien ins Spiel. Wir reden hier von Speichern, die nicht nur vier, sondern 24, 48 oder gar 100 Stunden kontinuierlich Energie abgeben können.

In den frühen Entwürfen des KWSG gab es noch eine dedizierte 500-MW-Auktion für solche Langzeitspeicher. Dass dieser Baustein im aktuellen Zyklus gestrichen wurde, halte ich für einen strategischen Fehler. Stattdessen setzen wir nun fast alles auf die Karte der wasserstofffähigen Gaskraftwerke (10 GW plus 2 GW technologienneutral).

Warum ist das riskant? Wenn die Ausschreibungsbedingungen nicht explizit die Dauer der Leistungsabgabe bewerten, werden erneut die Technologien gewinnen, die heute schon den Markt dominieren. Das Fenster für echte Innovationen wie thermische Speicher (die Hitze in Steinen oder Salz speichern), Druckluftspeicher oder Eisen-Luft-Batterien schließt sich dann, bevor es richtig offen war.

Warum Sie als Stadtwerk dieses Thema heute besetzen müssen

Vielleicht fragen Sie sich: „Emma, das ist doch ein Thema für die Übertragungsnetzbetreiber und die Bundespolitik. Was hat das mit meinem Stadtwerk in der Region zu tun?“

Meine Antwort ist klar: Alles.

Als Stadtwerk sind Sie der lokale Orchestrator der Energiewende. Sie sitzen an der Schnittstelle zwischen Erzeugung (lokale Wind- und PV-Parks), Verbrauch (Industrie, Haushalte) und den neuen Herausforderungen durch §14a EnWG.

  1. Netzdienlichkeit und Kostenkontrolle: Wenn wir keine Langzeitspeicher im System haben, steigen die Kosten für den Redispatch und die Netzeingriffe massiv an. Diese Kosten landen am Ende über die Netzentgelte bei Ihren Kunden.
  2. Dekarbonisierung der Wärme: Viele LDES-Technologien sind thermische Speicher. Für Stadtwerke mit Fernwärmenetz ist das die perfekte Sektorkopplung. Sie können überschüssigen Windstrom in Hochtemperaturwärme speichern und diese Tage später entweder verstromen oder direkt in Ihr Wärmenetz einspeisen.
  3. Standortsicherung für die Industrie: Ihre Gewerbekunden brauchen grüne Energie – und zwar rund um die Uhr. Ein lokaler Langzeitspeicher kann ein schlagkräftiges Argument sein, um energieintensive Betriebe in Ihrer Region zu halten, auch wenn das nationale Netz gerade unter Stress steht.

Drei Hebel für ein zukunftsfestes Kraftwerkssicherheitsgesetz

Damit wir nicht in der fossilen Falle hängen bleiben, muss die Politik jetzt nachbessern. Ich plädiere für drei konkrete Anpassungen:

1. Entladedauer beschaffen, nicht nur Megawatt

Ein System, das 100 MW über 48 Stunden liefern kann, hat für die Resilienz unseres Netzes einen völlig anderen Wert als ein 100-MW-System, das nach 4 Stunden leer ist. Wir brauchen in den Ausschreibungen eine laufzeitgewichtete Bewertung. Wer länger durchhält, muss einen Bonus erhalten.

2. Transparente Leistungsstandards statt „Billig-Prinzip“

Wir müssen Kriterien definieren, die über den reinen Preis pro Megawatt hinausgehen. Dazu gehören Schwarzstartfähigkeit, die Verfügbarkeit in kritischen Wetterfenstern und die lokale Netzentlastung. Wir brauchen Qualität für die Versorgungssicherheit, keinen Ramsch.

3. Technologische Souveränität und Resilienz

Wir sehen bei Lithium-Ionen-Batterien eine starke Abhängigkeit von globalen Lieferketten. Viele LDES-Technologien (wie thermische Speicher oder Eisen-Fluss-Batterien) nutzen reichhaltig vorhandene Materialien wie Stahl, Salz oder Wasser. Das ist nicht nur nachhaltiger im Sinne des ESG-Reportings (Scope 3!), sondern erhöht auch unsere strategische Souveränität.

Fazit: Die Energiewende ist ein Systemspiel

Die Integration von Erneuerbaren ist keine reine Erzeugungsaufgabe mehr. Es ist eine Speicheraufgabe. Wenn wir 2030 ein stabiles Netz haben wollen, dürfen wir uns nicht darauf verlassen, dass „irgendwann mal genug Wasserstoff da ist“, um die Lücken zu füllen. Wasserstoff ist der Champagner der Energiewende – wertvoll und teuer. Für das tägliche Brot der mehrtägigen Überbrückung brauchen wir effizientere, dedizierte Langzeitspeicher.

Für uns Stadtwerke bedeutet das: Wir müssen jetzt die Potenziale in unseren Netzen prüfen. Wo könnten thermische Speicher stehen? Wo können wir durch §14a EnWG Flexibilitäten bündeln? Die Energiewende ist eine Chance, die wir nur ergreifen können, wenn wir das System als Ganzes verstehen.

Lassen Sie uns die Energiewende nicht nur verwalten, sondern gestalten. Mit Weitblick, technischem Sachverstand und dem Mut zu neuen Lösungen.

Eure Emma Energie

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Emma Energie

Der ROI verbessert sich maßgeblich, da thermische Speicher (LDES) im Vergleich zu Lithium-Ionen-Batterien geringere Kosten pro Kapazität aufweisen und durch die Sektorkopplung zwei Erlösströme bedienen. Das Stadtwerk kann bei Windüberschuss Strom extrem günstig beziehen, diesen über Tage als Hochtemperaturwärme speichern und bei Bedarf entweder verstromen oder direkt ins Fernwärmenetz einspeisen, wodurch teure Gaskessel-Einsätze während Dunkelflauten vermieden werden.

Die Geschäftsführung sollte lokale Flexibilitätspotenziale bewerten und eigene Ausschreibungsmodelle für Langzeitspeicher entwickeln, die die 'Entladedauer' gewichten. Da das KWSG derzeit primär Megawatt statt Stunden fördert, kann das Stadtwerk durch die Investition in Eisen-Luft- oder Flussbatterien eine physische Absicherung gegen hohe Redispatch-Kosten schaffen und Industriekunden exklusive 'Resilienz-Tarife' anbieten, die unabhängiger von der nationalen (fossilen) Reservesituation sind.

Das Stadtwerk muss sein Portfoliomanagement von kurzfristigen Intraday-Zyklen auf ein prädiktives Mehrtages-Energiemanagement umstellen. Hierzu ist eine IT-Integration erforderlich, die Wetterprognosen über 48-100 Stunden mit den Ladezuständen (SoC) der LDES-Anlagen und den steuerbaren Verbrauchseinrichtungen nach §14a EnWG verknüpft, um eine automatisierte Fahrplanoptimierung zu gewährleisten, die über die bloße Glättung von PV-Mittagsspitzen hinausgeht.