Die deutsche Energiewende befindet sich an einem kritischen Wendepunkt. Während wir auf der Erzeugungsseite über die physikalischen und ökonomischen Grenzen unseres Stromnetzes diskutieren, holt uns auf der Verbraucherseite die harte Realität der Wärmewende ein. Zwei aktuelle Debatten zeigen diese Zerrissenheit wie unter einem Brennglas: Die lauter werdende Forderung nach einer Aufteilung der deutschen Stromgebotszone und die massiven wirtschaftlichen Risiken des neuen Gebäudeenergiegesetzes (GEG) für Gewerbetreibende.
Für Sie als Entscheidungsträger im Stadtwerk ist das keine theoretische Zukunftsmusik. Es betrifft direkt Ihr Kerngeschäft – von der Netzplanung über den Vertrieb bis hin zur strategischen Beratung Ihrer lokalen Schlüsselkunden. Werfen wir gemeinsam den Blick durch die Energiewende-Brille auf diese Entwicklungen.
Die Gebotszonen-Debatte: Droht die Spaltung des deutschen Strommarktes?
Es ist ein offenes Geheimnis in der Netzplanung: Die physikalische Realität unseres Stromnetzes passt nicht mehr zur ökonomischen Realität des einheitlichen deutschen Strommarktes. Nord- und Ostdeutschland produzieren gigantische Mengen günstigen Windstroms. Doch weil die Netzinfrastruktur den Strom nicht schnell genug in die industriellen Zentren des Südens transportieren kann, müssen Anlagen abgeregelt und teure Redispatch-Maßnahmen ergriffen werden.
Die Folge: Trotz hoher Investitionen in erneuerbare Energien vor Ort profitieren die Verbraucher im Norden nicht von den günstigen Erzeugungskosten. Die EU-Kommission empfiehlt daher seit Längerem eine Aufteilung der deutschen Stromgebotszone, um lokale Preissignale zu schaffen.
Der Impuls aus dem Norden: Die „Nordic Twin Sea Zone“
Neue Dynamik erhält diese Diskussion durch eine aktuelle Studie der IHK Schleswig-Holstein. Der revolutionäre Vorschlag: Die Schaffung einer neuen, grenzüberschreitenden Strompreiszone – der Nordic Twin Sea Zone –, die West-Dänemark, Hamburg und Schleswig-Holstein umfassen soll.
- Das Versprechen: Durch den direkten Marktzugang zu den skandinavischen Wind- und Wasserkraftkapazitäten sowie den eigenen Offshore-Windparks könnten die Strompreise in dieser Zone drastisch sinken. Dies würde einen enormen Standortvorteil für die norddeutsche Industrie bedeuten und die Ansiedlung von Power-to-X-Anlagen und Rechenzentren massiv beschleunigen.
- Die Kehrseite: Für den Süden Deutschlands würde eine solche Aufteilung steigende Strompreise bedeuten. Stadtwerke in Bayern oder Baden-Württemberg stünden plötzlich vor der Herausforderung, signifikant teureren Strom einkaufen zu müssen, was die Wettbewerbsfähigkeit der dortigen Industrie gefährdet.
2030 wird das Standard sein: Lokale und regionale Preissignale sind die logische Konsequenz einer dezentralen Energiewelt. Ob durch eine harte Aufteilung der Gebotszonen oder durch die Einführung dynamischer Netzentgelte – die Zeit des einheitlichen „Bundesland-Tarifs“ neigt sich dem Ende zu.
Das Heizungsgesetz und die gewerbliche Klippe: Ein unterschätztes Risiko
Während auf dem Strommarkt über Zonen gestritten wird, droht im Wärmesektor für viele Stadtwerke-Kunden ein böses Erwachen. Das neue Heizungsgesetz (GEG) der Bundesregierung sieht vor, dass beim Einbau von neuen Gas- oder Ölheizungen schrittweise steigende Anteile von Biobrennstoffen (wie Biomethan oder grünem Wasserstoff) beigemischt werden müssen.
Der grüne Bundestagsabgeordnete Taher Saleh warnte jüngst eindringlich vor den Folgen für den Mittelstand: Im Gegensatz zu Privatleuten sollen Gewerbetreibende bei dieser Umstellung finanziell kaum entlastet werden.
Warum Biomasse eine Sackgasse für die breite Masse ist
Viele Gewerbetreibende wiegen sich in falscher Sicherheit und planen, ihre fossilen Kessel einfach durch den Betrieb mit Biomasse oder Biomethan zukunftsfähig zu machen. Doch das ist eine riskante Wette:
- Begrenzte Verfügbarkeit: Biomasse ist eine extrem knappe Ressource. Sie wird dringend in Sektoren benötigt, die sich nicht so leicht elektrifizieren lassen – etwa als Grundstoff in der chemischen Industrie oder im Flugverkehr [1].
- Ökologischer Fußabdruck: Auch die Verbrennung von Holz und Biomasse verursacht CO2-Emissionen und Feinstaub [1]. Eine nachhaltige Dekarbonisierung sieht anders aus.
- Kostenfalle: Da der Anteil erneuerbarer Energien am Wärmemarkt heute erst bei rund 19 % liegt – und dieser Großteil primär auf fester Biomasse beruht, deren Verbrauch seit Jahren stagniert [6] –, wird der Preis für zertifizierte Biobrennstoffe bei steigender Nachfrage explodieren.
Ohne staatliche Förderung droht Gewerbetreibenden, die stur auf „Green Gas“ setzen, eine massive Kostenwelle, die im schlimmsten Fall in der Insolvenz enden kann. Für Sie als Stadtwerk bedeutet dies ein erhöhtes Ausfallrisiko bei Ihren Gewerbekunden und langfristig den Verlust von treuen Abnehmern.
Warum Sie sich als Stadtwerk HEUTE mit diesen Themen beschäftigen müssen
Vielleicht fragen Sie sich: „Ich leite ein Stadtwerk in der Mitte Deutschlands – warum betrifft mich das überhaupt?“ Die Antwort ist einfach: Sektorkopplung und Netzstabilität lassen sich nicht mehr getrennt betrachten.
1. Das Flexibilitätspotenzial nutzen
Um die Klimaziele im Gebäudesektor zu erreichen, müssen wir nicht nur die Sanierungsrate von Gebäuden dringend auf 1,3 bis 2 % pro Jahr steigern [2, 3, 7], sondern vor allem den Ausbau von Wärmepumpen massiv beschleunigen. Dies gelingt jedoch nur, wenn der Strompreis im Verhältnis zu fossilen Brennstoffen sinkt [8].
Hier schließt sich der Kreis zur Gebotszonen-Debatte: Regionale Preissignale und die Einführung dynamischer Netzentgelte [4, 8] sind die Schlüsselwerkzeuge, um den Betrieb von Großwärmepumpen und privaten Heizungssystemen netzdienlich zu steuern. Wer heute die Weichen für den Smart-Meter-Rollout [11, 12] und flexible Tarife stellt, sichert sich die Flexibilität von morgen.
2. Der Investitionsdruck auf die Netze
Der BDEW und der VKU warnen bereits eindringlich vor einer Schwächung der Investitionsfähigkeit der Verteilnetzbetreiber. Um die Netze fit für Wärmepumpen, E-Mobilität und dezentrale Einspeisung zu machen, sind in Deutschland Investitionen von rund 280 Milliarden Euro notwendig [10]. Gleichzeitig drohen durch regulatorische Anpassungen Ertragseinbußen von bis zu einem Drittel der Eigenkapitalrenditen für die Netzbetreiber [10].
Als Stadtwerk müssen Sie jetzt jeden Euro strategisch investieren. Eine Fehlinvestition in Gasnetze, die später mangels Biomethan-Verfügbarkeit stillgelegt werden müssen (Stichwort: Stranded Assets), können Sie sich schlicht nicht leisten.
Strategischer Fahrplan für Stadtwerke: Was jetzt zu tun ist
- Gewerbekunden-Beratung proaktiv starten: Warten Sie nicht, bis Ihre Gewerbekunden vor dem Ruin stehen. Gehen Sie aktiv auf mittelständische Betriebe zu und zeigen Sie die Risiken der Biomasse-Sackgasse auf. Werben Sie für die Elektrifizierung der Prozess- und Raumwärme mittels Wärmepumpen.
- Kommunale Wärmeplanung als Steuerungsinstrument nutzen: Gestalten Sie die kommunale Wärmeplanung aktiv mit. Nutzen Sie lokale Potenziale für Abwärme und Flusswärmepumpen, statt auf vage Wasserstoff- oder Biomethan-Versprechen zu setzen.
- Flexibilitäts-Infrastruktur aufbauen: Bereiten Sie Ihre Netze und IT-Systeme auf §14a EnWG und dynamische Netzentgelte vor. Nur so können Sie künftige Preissignale aus potenziell geteilten Gebotszonen optimal an Ihre Kunden durchreichen und gleichzeitig Ihr Netz entlasten.
- Kooperationen suchen: Ob „Nordic Twin Sea Zone“ oder regionale Energie-Hubs – denken Sie über Ihre Stadtgrenzen hinaus. Vernetzen Sie sich mit benachbarten Stadtwerken, um Erzeugungs- und Verbrauchspotenziale effizienter auszugleichen.
Fazit: Die Energiewende ist kein Pflichtprogramm, sondern Ihre größte Chance
Ja, die Regulatorik ist oft träge und die Kritik des BDEW an zu kurzen Fristen für Stellungnahmen ist absolut berechtigt. Doch das darf uns nicht blockieren. Die Transformation des Energiesystems ist die größte wirtschaftliche Chance unserer Generation.
Indem wir die Strom- und Wärmewende systemisch zusammendenken, regionale Potenziale heben und unsere Netze intelligent digitalisieren, sichern wir nicht nur die Existenz unserer lokalen Gewerbebetriebe, sondern machen unsere Stadtwerke zu den Gestaltern der klimaneutralen Zukunft. Packen wir es an!
Quellen
- https://www.instagram.com/p/DZW4UvVDQH0/
- https://www.cleanthinking.de/grenzueberschreitende-strompreiszone/
- https://www.t-online.de/finanzen/energie/id_101298644/strompreiszone-schleswig-holstein-will-sich-mit-daenemark-zusammenschliessen.html
- https://www.instagram.com/reel/DQWPZOlj8mZ/
- https://www.instagram.com/p/DZmb4UwuDEl/
- https://www.instagram.com/p/DZX4fYpFyKU/?img_index=3
- https://www.facebook.com/groups/europaeischeenergiewende/
- https://www.tiktok.com/@gutachterkail/video/7651518847580753184
- https://www.instagram.com/reel/DVtiWOElphY/
- https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Pressemitteilungen/2025/12/20251215-erhalt-der-einheitlichen-stromgebotszone.html