Die Flexibilitäts-Revolution: Warum Stadtwerke jetzt die Flexibilitäts-Revolution anführen müssen
Stellen Sie sich einen strahlenden Pfingstsonntag vor: Die PV-Anlagen im Land laufen auf Hochtouren, der Wind weht stetig, doch die Industrie ruht. Die Folge? Ein massiver Stromüberschuss, der die Börsenpreise tief ins Minus stürzen lässt. Was früher wie eine seltene Anomalie wirkte, ist heute die neue Realität unseres Energiesystems.
Laut Daten des Energieanbieters 1Komma5° gab es in diesem Jahr bereits bis zum Mai mehr Stunden mit negativen Strompreisen als in sechs der letzten zehn Jahre insgesamt. Für uns als Gestalter der Energiewende ist das kein theoretisches Problem, sondern ein unüberhörbares Signal: Unser Energiesystem muss flexibel werden. Und das Bindeglied zwischen diesem volatilen Markt und dem physikalischen Netz sind dynamische Stromtarife.
Warum Sie sich in Ihrer Rolle im Stadtwerk JETZT damit beschäftigen müssen
Vielleicht fragen Sie sich: „Warum sollte ich dieses heiße Eisen anfassen? Unsere klassischen Festpreistarife laufen doch gut und sind kalkulierbar.“
Die Antwort ist einfach: Weil Sie sonst Ihre wertvollsten Kunden verlieren und gleichzeitig die Kontrolle über Ihr Netz abgeben.
Die Kundengruppe der Zukunft sind die „Prosumer“ – Haushalte mit PV-Anlagen, Batteriespeichern, Wärmepumpen und Elektrofahrzeugen. Diese Kunden besitzen enorme Flexibilitätspotenziale (Sektorkopplung). Wenn Sie diesen Akteuren keine dynamischen Tarife anbieten, werden es agile, rein digitale Wettbewerber tun. Diese fischen sich die lukrativen, flexiblen Lasten ab, während Sie auf den trägen, unflexiblen Restkunden sitzen bleiben.
Gleichzeitig stehen Sie vor der Herausforderung, Ihr Verteilnetz stabil zu halten. Dynamische Tarife sind – richtig aufgesetzt – kein Risiko, sondern das eleganteste Werkzeug zur Netzplanung und Lastverschiebung, das wir je hatten.
Der gesetzliche Rahmen: Keine Option, sondern Pflicht ab 2025
Die Regulatorik lässt uns ohnehin keine Wahl mehr. Der Gesetzgeber hat die Weichen gestellt:
- § 41a EnWG: Ab dem 1. Januar 2025 ist jeder Stromversorger verpflichtet, Letztverbrauchern mit einem intelligenten Messsystem (iMSys) mindestens einen dynamischen Stromtarif anzubieten.
- Der Smart-Meter-Rollout: Gemäß dem Messstellenbetriebsgesetz (MsbG) nimmt der Rollout der „Smart Meter“ nun endlich Fahrt auf. Diese digitalen, bidirektional kommunizierenden Zähler sind die zwingende technische Voraussetzung, um den Verbrauch im 15-Minuten-Takt zu erfassen und abzurechnen.
- § 12 Abs. 4 StromNZV: Netzbetreiber sind verpflichtet, variable Netzentgelte und Tarife zu unterstützen, um Anreize zur Netzentlastung zu schaffen.
Das bedeutet: Die technische und regulatorische Infrastruktur steht bereit. Es liegt nun an den Stadtwerken, diese Pflichtaufgabe in ein Geschäftsmodell zu übersetzen.
Netz vs. Markt: Das physikalische Dilemma lösen
Als Ingenieurin sehe ich hier ein spannendes physikalisches und systemisches Zusammenspiel. Ein rein marktgetriebener dynamischer Tarif birgt nämlich Gefahren für das lokale Verteilnetz.
Ein Rechenbeispiel: Wenn am Sonntagnachmittag der Börsenpreis negativ ist, schalten in einer Siedlung plötzlich fünfzig Haushalte gleichzeitig ihre 11-kW-Wallboxen ein. Aus Marktperspektive ist das perfekt – der überschüssige Strom wird verbraucht. Aus Sicht des lokalen Verteilnetzbetreibers (VNB) kann dieser plötzliche Lastanstieg jedoch zu lokalen Spannungsbandverletzungen oder Überlastungen der Ortsnetztransformatoren führen.
Deshalb müssen wir Marktsignale (dynamische Tarife) und Netzsignale (§ 14a EnWG) miteinander verheiraten.
Ab 2024 dürfen VNBs steuerbare Verbrauchseinrichtungen (Wärmepumpen, Wallboxen) bei drohender Netzüberlastung temporär dimmen. Ein zukunftsfähiges Stadtwerk kombiniert daher den dynamischen Tarif mit einem intelligenten Energiemanagementsystem (EMS) beim Kunden. Das EMS optimiert den Verbrauch nach den günstigsten Börsenpreisen, respektiert dabei aber die physikalischen Grenzen des Netzes und die Vorgaben des § 14a EnWG.
Die Stolpersteine: Warum dynamische Tarife kein Selbstläufer sind
Wir dürfen die Augen nicht vor den Risiken verschließen. Eine grüne Romantik hilft uns hier nicht weiter – wir müssen die wirtschaftliche Realität betrachten.
- Die Kostenfalle für unvorbereitete Kunden: Wer einen dynamischen Tarif bucht, aber keine Möglichkeit hat, seinen Verbrauch aktiv zu verschieben (z. B. weil er keine Wärmepumpe oder kein E-Auto besitzt und die Waschmaschine abends um 18:00 Uhr zu Spitzenpreis-Zeiten laufen lassen muss), zahlt am Ende drauf. Das zeigt auch die Kritik von Verbraucherschützern. Dynamische Tarife benötigen zwingend Automatisierung. Ein manuelles „Ich schaue auf die App und schalte dann den Trockner an“ funktioniert im Alltag der Menschen nicht dauerhaft.
- Die Margen-Erosion für Versorger: Traditionelle Tarife leben von Risikoaufschlägen, die sich die Versorger für die Absicherung langfristiger Beschaffungspreise bezahlen lassen. Bei dynamischen Tarifen reichen Sie den Spotmarktpreis (zzgl. Netzentgelten, Steuern und einer fixen Vertriebsgebühr) direkt durch. Das ist transparent, schmälert aber die klassischen Margen im Stromvertrieb. Stadtwerke müssen lernen, Geld mit Dienstleistungen (Bereitstellung von EMS, Installation von iMSys, Wartung von Wärmepumpen) statt rein mit der verkauften Kilowattstunde (kWh) zu verdienen.
Strategischer Fahrplan für Stadtwerke: So gelingt der Einstieg
Wie sollten Sie als Stadtwerk nun konkret vorgehen? Hier ist ein pragmatischer 3-Schritte-Plan:
Schritt 1: Vertrieb und Netz an einen Tisch bringen
Brechen Sie die internen Silos auf. Der Vertrieb muss verstehen, welche Netzkapazitäten vorhanden sind, und der Netzbetreiber muss lernen, die Flexibilität der Kunden als Asset in der Netzplanung zu berücksichtigen. Entwickeln Sie gemeinsam ein Produkt, das dem Kunden nicht nur den nackten Börsenpreis liefert, sondern ein „Rundum-Sorglos-Paket“ aus dynamischem Tarif, Smart Meter und intelligentem Steuerungs-Gateway.
Schritt 2: Partnerschaften für das EMS-Ökosystem schließen
Entwickeln Sie die Software für die Heim-Optimierung nicht selbst. Der Markt bietet bereits hervorragende White-Label-Lösungen für Energiemanagementsysteme. Suchen Sie Kooperationen mit Herstellern von Wallboxen und Wärmepumpen, um Ihren Kunden eine integrierte Lösung anzubieten: „Wir liefern den Tarif, die Box und die Software, die Ihr Auto automatisch lädt, wenn der Strom günstig ist.“
Schritt 3: Proaktive Kundenkommunikation und Aufklärung
Warten Sie nicht, bis die Kunden danach fragen. Klären Sie aktiv auf. Zeigen Sie transparent, für wen sich ein dynamischer Tarif lohnt (E-Mobilisten, Wärmepumpen-Besitzer) und für wen ein klassischer Festpreistarif vorerst die sicherere Wahl bleibt. Das schafft Vertrauen und positioniert Sie als ehrlichen, kompetenten Partner vor Ort.
Fazit: Der Blick auf das Jahr 2030
Im Jahr 2030 werden dynamische Tarife keine Nische mehr sein, sondern der absolute Standard. Wer dann noch versucht, Strom wie im 20. Jahrhundert als starres, unteilbares Gut zu verkaufen, wird am Markt keine Rolle mehr spielen.
Die Energiewende ist kein lästiges regulatorisches Übel, das uns Geld kostet. Sie ist die größte Transformation unseres Sektors seit der Elektrifizierung. Wenn wir die Netze digitalisieren, die Sektoren koppeln und den Kunden finanzielle Anreize bieten, ihren Verbrauch an das Angebot anzupassen, schaffen wir ein resilienteres, günstigeres und zu 100 % erneuerbares Energiesystem.
Packen wir es an – die Zukunft wartet nicht!
Quellen
- https://www.memodo.de/m/photovoltaik-wissen/sektorenkopplung/dynamische-stromtarife/
- https://www.vzbv.de/pressemitteilungen/dynamische-stromtarife-19-millionen-haushalte-im-dunkeln
- http://www.bundesnetzagentur.de/DE/Vportal/Energie/Vertragsarten/DynStromtarife/start.html
- https://www.finanztip.de/stromtarife/dynamischer-stromtarif/
- https://energielenker.de/wissen/blog/energiemanagement/dynamische-stromtarife-pflicht/
- https://www.youtube.com/watch?v=rsnfvubYe3A
- https://kw-baustoffe.de/dynamische-stromtarife/
- https://1komma5.com/de/strommarkt/dynamische-netzentgelte/
- https://www.bpc.ag/insights/dynamische-tarife-fuer-energieversorger/
- https://www.stromvermittlung.de/meldungen/dynamische-stromtarife-sind-pflicht-aber-kaum-verbraucher-steigen-um