Energy Sharing

Energy Sharing Communities: Warum § 42c EnWG das Verteilnetz neu definiert

Die größte Transformation der Kundenbeziehung: Strategische Implikationen für Stadtwerke bis 2026.

Die Energiewende wird persönlich: Vom Einspeiser zum Energie-Teiler

Als Nachhaltigkeitsexpertin sehe ich die Energiewende immer als systemischen Wandel. Jede neue Regulatorik, jede neue Technologie, muss sich die zentrale Frage stellen lassen: Wie stabilisiert oder wie entlastet sie unser Netz?

Die Einführung der Gemeinschaftlichen Gebäudeversorgung (GGV) durch den neuen § 42b EnWG im Rahmen des Solarpaket I ist weit mehr als nur eine bürokratieärmere Form des Mieterstroms. Aus meiner Sicht ist sie der erste, entscheidende gesetzliche Schritt hin zu echten Energy Sharing Communities (ESC). Die umfassendere Regelung für diese Communities (ursprünglich geplant für § 42c EnWG) wurde von der Bundesregierung zwar vorerst zurückgestellt, doch die GGV legt bereits heute die Grundlage für eine tiefgreifende Veränderung der Kunden-Netz-Beziehung. Aus der passiven Einspeisung wird eine aktive, lokale Energiebeziehung.

Für uns als Stadtwerke und Verteilnetzbetreiber (VNB) bedeutet das: Wir müssen uns strategisch auf eine Ära vorbereiten, in der Energieflüsse nicht mehr nur Top-Down oder Bottom-Up erfolgen, sondern hochgradig lateral und dezentral gemanagt werden müssen.

Der Systemische Wandel: Flexibilität statt nur Durchleitung

Bisher war die Rolle des VNB klar: Erzeugung anbinden, Durchleitung garantieren und die Spannung halten. Die Einspeisung erfolgte gegen eine feste EEG-Vergütung – der Strom musste ins Netz aufgenommen werden.

Die GGV durchbricht dieses Schema. Wenn Prosumer ihren Überschussstrom nicht mehr für die klassische Einspeisevergütung (ca. 8,1 ct/kWh für Kleinanlagen, Quelle: Bundesnetzagentur, 2024) in das öffentliche Netz schicken, sondern ihn im Rahmen eines beispielhaften Rechenmodells für 15 ct/kWh an den Nachbarn im selben Gebäude liefern, ändert sich die Bilanzierung und der physische Stromfluss im Niederspannungsnetz signifikant.

Die zentrale Herausforderung für das Netz: Der lokale Verbrauch von dezentral erzeugtem Strom steigt. Das klingt zunächst gut, da es die Netze entlasten kann. Aber es erschwert die traditionelle Netzplanung und das Lastfluss-Monitoring erheblich, da die Energieflüsse innerhalb der Gemeinschaft dem VNB nur indirekt bekannt sind und nur über die Smart Meter Gateways (SMGW) exakt abgebildet werden können.

Die Forschung zeigt klar: Wenn wir die Energiewende mit 100% EE schaffen wollen, werden wir längere Phasen mit Windflauten und geringer PV-Einspeisung haben. Regionale Versorgung und Transparenz sind hier entscheidend (siehe Quelle [6]). Modelle wie die GGV sind ein Instrument, um diese regionale Versorgung zu stärken, aber sie funktionieren nur mit einer hochauflösenden Datenbasis.

Die VNB-Perspektive: Datenmanagement als Kernkompetenz

Die Einführung der GGV seit Mai 2024 und die Vision umfassenderer Energy Sharing Communities machen den Smart Meter Rollout zur strategischen Priorität Nummer eins. Ohne intelligente Messsysteme, die den Energiefluss in Echtzeit erfassen, können diese neuen Modelle nicht systemdienlich funktionieren.

Warum ist das für uns als Stadtwerk relevant?

  1. Messstellenbetrieb (MSB) im Fokus: Das Messstellenbetriebsgesetz (MsbG) regelt, dass die Smart Meter die Grundlage für die Vermarktung von Energie und Flexibilitäten bilden. Die GGV erhöht den Druck auf den MSB, den Rollout beschleunigt und funktional durchzuführen. Die Datenqualität und die Zuordnung der Messwerte sind essenziell für die Abrechnung und die korrekte Bilanzierung der Netzentgelte.
  2. Komplexität der Bilanzierung: Der Strom, der innerhalb der Gemeinschaft geteilt wird, ist von der Gesamtandienungspflicht ausgenommen (Quelle [2]). Dies erfordert neue Prozesse beim VNB, um die Netzentgelte korrekt zu verarbeiten. Die genaue Ausgestaltung von Netzentgeltreduzierungen für zukünftige, breitere ESCs bleibt ein kritischer Punkt künftiger Verordnungen (Quelle [7]).
  3. Flexibilitätspotenziale erschließen: Das eigentliche strategische Gold liegt in der Flexibilität. Wenn wir wissen, wann und wo Strom lokal verbraucht wird (und wann er gespeichert wird), können wir diese dezentralen Einheiten steuern. Die Gemeinschaften sind oft mit Batteriespeichern verbunden, wie es in Pilotprojekten erprobt wird. Diese Speicher können im Rahmen von Multi-Use-Konzepten (Quelle [1]) nicht nur die Community versorgen, sondern dem VNB auch Blindleistung und Spannungshaltung bereitstellen. Diese Multi-Use-Fahrweise wird in den kommenden Jahren voraussichtlich erheblich an Bedeutung gewinnen.

Strategische Handlungsfelder für Stadtwerke

Ich bin überzeugt: Die Einführung der GGV ist keine Pflichtübung, sondern eine Chance, die eigene Position im dezentralen Energiemarkt neu zu definieren. Wir müssen vom reinen Netzinfrastruktur-Anbieter zum Enabler der lokalen Energiewende werden.

1. Beschleunigung des Smart-Meter-Rollouts (MSB)

Ohne SMGWs keine GGV/ESCs, keine Flexibilität, keine § 14a EnWG Steuerung. Die Technologie ist die Basis für den neuen, dezentralen Energiemarkt. Der MSB muss die technische Infrastruktur schaffen, die die hochauflösende Messung (Erzeugung, Verbrauch, Speicherung) ermöglicht.

2. Entwicklung neuer Tarif- und Plattformmodelle (Vertrieb)

Der Vertrieb kann die GGV nutzen, um sich vom reinen Lieferanten zum Dienstleister für Gemeinschaftsmodelle zu entwickeln. Statt nur den Reststrom zu liefern, können Stadtwerke eigene Plattformen (White-Label-Lösungen) anbieten, die die Abrechnung, die Bilanzierung und die regulatorische Compliance für die GGV übernehmen. Dies schafft Kundenbindung in einem zunehmend kompetitiven Umfeld.

3. Integration von Flexibilität in die Netzplanung (VNB)

Wir müssen lernen, die durch GGV entstehenden lokalen Stromflüsse in unsere Netzberechnungen einzubeziehen. Dies erfordert Investitionen in Monitoring-Systeme. Die räumliche Nähe von Erzeugung und Verbrauch minimiert Transportverluste und kann bei richtiger Steuerung (z.B. durch Speicher) zur Spitzenkappung im Niederspannungsnetz beitragen. Studien wie die des Fraunhofer ISE (2022) belegen, dass lokal optimierter Eigenverbrauch die lokalen Netzspitzen um bis zu 30 % reduzieren kann (Quelle [5]).

Fazit: Die Energiewende braucht dezentrale Intelligenz

Die Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung nach § 42b EnWG ist der erste logische Schritt in Richtung einer bürgernahen und dezentralen Energiewende. Sie fördert die Akzeptanz erneuerbarer Energien und bietet Prosumern eine höhere Wirtschaftlichkeit. Ein offizieller Zeitplan für die Einführung der umfassenderen Energy Sharing Communities steht zwar noch nicht fest, doch der Grundstein ist gelegt.

Für uns als Stadtwerke ist dies der klare Auftrag, unsere Infrastruktur – insbesondere den Messstellenbetrieb und die Netzplanung – auf diese neuen, komplexen, aber auch chancenreichen lateralen Energieflüsse vorzubereiten. Es geht darum, die technische und regulatorische Grundlage zu schaffen, damit aus dem Prinzip „Teilen und Profitieren“ ein belastbares, systemdienliches Multi-Use-Konzept wird, das unser Netz stabilisiert, anstatt es zu überlasten. Nur so stellen wir sicher, dass die Energiewende nicht nur grün, sondern auch smart und systemisch funktioniert.


Quellen und Literaturhinweise

[1] BDEW (2023): Whitepaper Multi-Use-Anwendungen von Batteriespeichern im Verteilnetz. Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V., Berlin.

[2] BMWK (2024): Gesetz zur Änderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und weiterer energiewirtschaftsrechtlicher Vorschriften zur Steigerung des Ausbaus photovoltaischer Energieerzeugung (Solarpaket I). Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, Gesetzentwurf.

[3] Bundesnetzagentur (2024): Vergütungssätze für PV-Anlagen. (URL: https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/ElektrizitaetundGas/ErneuerbareEnergien/ZahlenundDaten/start.html)

[4] FNN (2023): Anwendungsregel VDE-AR-N 4100: Technische Regeln für den Anschluss von Kundenanlagen an das Niederspannungsnetz. Forum Netztechnik/Netzbetrieb im VDE.

[5] Fraunhofer ISE (2022): Studie zur Netzdienlichkeit von dezentralen Erzeugungsanlagen und Speichern. Freiburg.

[6] Agora Energiewende (2023): Klimaneutrale Stromsysteme: Flexibilität und regionale Versorgung als Schlüssel. Berlin.

[7] E-Control (2022): Leitfaden für Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften. (Anmerkung: Österreichisches Beispiel, da Regulatorik dort weiter fortgeschritten ist und als Orientierung dienen kann).

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Emma Energie

Fokus auf: Beschleunigungsstrategie (Personelle und technische Ressourcen), Kosten-Nutzen-Analyse vs. Vertragsstrafen, Aufbau einer IT-Infrastruktur zur Verarbeitung hochauflösender Daten, sowie Prozessanpassung für die Bilanzierung der Netzentgelte von GGV-Anlagen.

Fokus auf: Investition in hochauflösendes Lastfluss-Monitoring (ggf. SMGW-Datenintegration), Entwicklung von Steuerungskonzepten für Multi-Use-Speicher (Blindleistung, Spitzenkappung), Quantifizierung des vermiedenen Netzausbaus und Ertragsmodelle für die Bereitstellung von Systemdienstleistungen.

Fokus auf: Kosten-Nutzen-Analyse (Make-or-Buy) der Plattform, Kalkulation des zusätzlichen Deckungsbeitrags pro GGV-Kunde, interne Schulungen zur Sicherstellung der regulatorischen Compliance (insbesondere bei Netzentgeltabwicklung), sowie Risikobewertung bezüglich Datenmanagement und Datenqualität.