Energy Sharing

Energy Sharing nach § 42c EnWG: Ein regulatorischer Sprint wird zum Backend-Marathon

Warum die neue Flexibilität die Verteilnetzbetreiber vor eine Zerreißprobe ihrer IT-Infrastruktur stellt

Es ist ein Muster, das wir in der Energiewirtschaft nur zu gut kennen: Der Gesetzgeber schafft mit großem politischem Willen einen neuen Rahmen für die Partizipation von Bürgern am Energiemarkt, doch die technische Umsetzung im Maschinenraum der Verteilnetzbetreiber (VNB) hinkt Monate, wenn nicht Jahre hinterher. Mit dem „Solarpaket I“ und der Einführung des § 42c EnWG (Energy Sharing) stehen wir nun exakt an diesem Punkt.

Ab dem 1. Juni 2025 soll Energy Sharing in Deutschland Realität werden. Während die Vertriebsabteilungen bereits White-Label-Portale und schicke Dashboards für Bürgerenergiegenossenschaften einkaufen, wächst in den Abteilungen für Energiedatenmanagement (EDM) und Netzwirtschaft die Sorge. Wir steuern sehenden Auges auf ein „Redispatch 2.0“-Szenario zu – ein regulatorisches Trauma, bei dem die Komplexität der Datenverarbeitung die Kapazität der Bestandssysteme sprengt.

Warum Sie sich jetzt mit Energy Sharing beschäftigen müssen

Als Verantwortlicher bei einem Stadtwerk oder VNB könnten Sie geneigt sein, das Thema als reines „Vertriebsthema“ abzutun. Das ist ein gefährlicher Trugschluss. Die regulatorische Last des Energy Sharings liegt massiv auf den Schultern des Netzbetreibers. Gemäß § 42c Abs. 2 EnWG ist der Netzbetreiber verpflichtet, die für die Abrechnung des Energy Sharings erforderlichen Daten (Viertelstundenwerte) aufzubereiten und den beteiligten Akteuren zur Verfügung zu stellen.

Wenn Sie diese Prozesse nicht im Griff haben, riskieren Sie:

  1. Verstoß gegen die GPKE/MaBiS-Konformität: Die Bilanzierung muss trotz fehlender automatisierter Prozesse sauber bleiben.
  2. Hohe Prozesskosten: Manuelle Excel-Workarounds fressen die Marge und binden wertvolle Fachkräfte.
  3. Reputationsverlust: Wenn die „Cloud-Lösung“ des Vertriebs keine validen Daten aus dem Netz-Backend erhält, scheitert das Projekt beim Kunden.

Die regulatorische Lücke: Juni bis Oktober

Das Kernproblem ist das Timing. Der Gesetzgeber hat den Startschuss für den 1. Juni 2025 gesetzt. Die Bundesnetzagentur (BNetzA) ist zwar bemüht, die notwendigen Anpassungen in den Marktprozessen für Strom (GPKE), den Wechselprozessen im Messwesen (WiM) und den Marktregeln für die Bilanzkreisabrechnung (MaBiS) voranzutreiben, doch die offiziellen EDIFACT-Releases (z.B. neue Versionen der UTILMD oder MSCONS) folgen meist einem starren Turnus. Es ist absehbar, dass die vollautomatisierten Marktprozesse erst zum Oktober-Release 2025 (oder später) greifen werden.

In dieser Übergangsphase müssen VNB die viertelstundenscharfe Verrechnung (§ 12 StromNZV) zwischen Erzeugungs- und Verbrauchsanlagen innerhalb einer „Shared Energy Community“ (SEC) händisch oder über Provisorien abbilden. Das bedeutet: Sie müssen Netzentgelte, Umlagen und Steuern für Energiemengen berechnen, die physisch durch Ihr Netz fließen, aber bilanziell anders behandelt werden.

Die Legacy-Falle: Warum SAP und Co. an ihre Grenzen stoßen

Die bestehende IT-Landschaft vieler Stadtwerke – oft geprägt durch monolithische Systeme wie SAP IS-U oder Schleupen – ist für diese Art der agilen, kleinteiligen Datenverarbeitung nicht ausgelegt. Diese Systeme sind auf statische Lieferantenwechsel und monatliche oder jährliche Rollouts optimiert.

Energy Sharing verlangt jedoch:

  • Viertelstündliche Bilanzierung auf Geräteebene: Die Zuordnung von Erzeugung zu Verbrauch in Echtzeit (oder zeitnah).
  • Dynamische Gruppenzuordnungen: Mitglieder treten Communities bei oder aus – die MaBiS-Zuordnung muss folgen.
  • Auditierbarkeit: Jede Verrechnung muss im Falle einer Prüfung durch die BNetzA gemäß § 75 EnWG (Monitoring) standhalten.

Der Versuch, diese Anforderungen direkt in den Kern der Legacy-Systeme zu programmieren, gleicht einer Operation am offenen Herzen während eines Marathons. Die Projektlaufzeiten für solche Anpassungen betragen oft 18 bis 36 Monate – viel zu lang für den 1. Juni.

Die Lösung: Ein methodischer Puffer durch Data Pre-Conditioning

Wie verhindern wir also das drohende Chaos? Wir müssen aufhören, das Backend für Anforderungen zu missbrauchen, für die es nie gebaut wurde. Die Lösung liegt in einer Schicht zwischen der neuen, agilen Welt (Vertrieb/Kunden-Frontend) und der stabilen, aber trägen Welt (Netz-Backend/EDM).

Hier kommt das Konzept des Data Pre-Conditioning Agents ins Spiel, wie ihn beispielsweise Cernion realisiert. Anstatt die Legacy-IT mit Rohdaten und komplexen Verrechnungslogiken zu fluten, agiert dieser Agent als intelligenter Puffer:

  1. Ingenieurgetriebenes Wissensmanagement: Anstatt auf „naive KI“ zu setzen, die bei regulatorischen Details oft halluziniert, nutzt ein Agentic MDM (Meter Data Management) harte regulatorische Logiken, um die 15-Minuten-Werte vorzuverarbeiten.
  2. Aggregation und Konsistenzprüfung: Der Agent validiert die Daten gegen die aktuellen BNetzA-Festlegungen und bereitet sie so auf, dass das Legacy-System nur noch „mundgerechte“, konsistente Datensätze erhält.
  3. Entkopplung der Release-Zyklen: Während die BNetzA noch an den UTILMD-Formaten feilt, kann der Agent bereits die internen Verrechnungen vornehmen und die Ergebnisse revisionssicher vorhalten.

Fazit: Lernen aus Redispatch 2.0

Bei Redispatch 2.0 haben viele Netzbetreiber den Fehler gemacht, zu lange auf die „große Lösung“ ihrer Software-Hersteller zu warten, nur um dann in einer Flut von Fehlermeldungen und manuellen Korrekturen zu versinken. Bei Energy Sharing nach § 42c EnWG haben wir jetzt die Chance, es besser zu machen.

Wir müssen die regulatorische Komplexität akzeptieren, aber die technische Umsetzung modularisieren. Ein Data Pre-Conditioning Agent ist keine bloße „Zwischenlösung“, sondern die notwendige Brücke in eine dezentrale Energiewelt. Sorgen Sie dafür, dass Ihr Netzbetrieb am 1. Juni nicht unter der Last der Daten zusammenbricht, während der Vertrieb draußen die Sektkorken knallen lässt.

Bleiben Sie rechtssicher, bleiben Sie proaktiv – und vor allem: Schützen Sie Ihre Backend-Systeme.

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Regina Recht

Um die regulatorische Lücke zwischen Juni und Oktober zu schließen, sollte das Stadtwerk auf eine modulare Zwischenschicht wie einen 'Data Pre-Conditioning Agent' setzen. Diese Lösung bereitet die Rohdaten der 15-Minuten-Werte vorab auf und validiert sie gegen aktuelle BNetzA-Logiken, sodass das bestehende Legacy-Backend (z. B. SAP IS-U) entlastet wird und nicht auf ein verspätetes System-Update warten muss.

Manuelle Prozesse binden wertvolle Fachkräfte in der Netzwirtschaft und führen zu signifikant steigenden Prozesskosten (OPEX). Zudem steigt das Risiko von Bilanzierungsfehlern, was zu Verstößen gegen die GPKE/MaBiS-Konformität sowie zu rechtlichen Risiken gemäß dem Monitoring der BNetzA nach § 75 EnWG führen kann.

Die Lösung liegt in der Entkopplung der Release-Zyklen von Front- und Backend. Durch den Einsatz eines intelligenten Meter Data Managements (MDM) als Puffer können konsistente und auditierbare Daten für die Kunden-Dashboards bereitgestellt werden, selbst wenn die Kernsysteme im Hintergrund noch nicht für die agile, dezentrale Datenwelt optimiert sind. So wird verhindert, dass das Projekt beim Kunden aufgrund fehlender Datenintegration scheitert.