Gasnetztransformation

Gasnetztransformation: Warum wir jetzt die Effizienz-Daten für 2030 sammeln müssen

Das geplante Anreizinstrument zur Stilllegung: Wie Stadtwerke Kostenkontrolle und Netzstabilität sichern.

Die strategische Herausforderung: Gas und Strom im Systemwandel

Als Ingenieurin und Strategin sehe ich die Energiewende nicht nur als Elektrifizierung, sondern als systemische Transformation. Der massive Rollout von Wärmepumpen und die E-Mobilität erfordern eine Hochrüstung der Stromnetze. Parallel dazu schrumpft das Gasnetz – ein notwendiger, aber kostspieliger Prozess. Die Art und Weise, wie dieser Rückbau reguliert und finanziert wird, hat direkte Auswirkungen auf die zukünftigen Netzentgelte und damit auf die Akzeptanz der gesamten Energiewende.

Genau hier setzt die Diskussion um neue Anreizinstrumente für die Gasnetztransformation an. Es geht um die zentrale Frage: Wie stellen wir sicher, dass der unvermeidbare Rückbau effizient und kostengünstig erfolgt, auch wenn die Mittel dafür scheinbar bereits vorhanden sind?

Emma Energie Perspektive: Die Effizienz der Gasnetztransformation ist kein isoliertes Gas-Thema. Ineffiziente Rückbaukosten belasten langfristig das Gesamtsystem und schmälern die finanziellen Spielräume, die wir dringend für den notwendigen Ausbau der Stromnetze (Stichwort §14a EnWG und Flexibilitätsmanagement) benötigen.

Das Anreizproblem der KAnEu-Regelung

Die Kosten für die Stilllegung und den Rückbau von Gasnetzen werden in vielen Fällen über bereits gebildete Rückstellungen finanziert. Regulatorisch wird die Behandlung dieser Zuführungen und Auflösungen intensiv diskutiert, oft im Kontext der KAnEu (Kosten, die nicht dauerhaft beeinflussbar sind). Diese Einstufung soll die Finanzierungssicherheit und die Anerkennung der Versorgungsaufgabe gewährleisten.

Das Problem liegt im Anreizsystem:

  1. Vorfinanzierung: Die Kosten sind bereits durch die gebildeten Rückstellungen vorfinanziert.
  2. Geringer Effizienzanreiz: Wenn die Ist-Kosten im Wesentlichen durch die Inanspruchnahme dieser Rückstellungen gedeckt werden und als KAnEu anerkannt sind, ist der direkte Anreiz für den Netzbetreiber, diese Ist-Kosten so gering wie möglich zu halten, gering. Die Effizienzprüfung der Anreizregulierung (im Branchenjargon RAMEN genannt) greift hier nur bedingt.

Die Bundesnetzagentur (BNetzA) hat erkannt, dass die Einstufung als KAnEu nicht bedeutet, dass der Sachverhalt dauerhaft einer regulatorischen Effizienzprüfung entzogen ist. Insbesondere muss ein zukünftiger Effizienzvergleich die künftige Versorgungsaufgabe – also Stilllegung und Rückbau – adäquat abbilden.

Der Weg zum Bonus-Malus-System

Um diese Effizienzlücke zu schließen, hat die Bundesnetzagentur in ihrem „Eckpunktepapier zur zukünftigen Regulierung von Strom- und Gasnetzen“ vom Januar 2024 die Diskussion über neue Anreizinstrumente für zukünftige Regulierungsperioden angestoßen. (Quelle: BNetzA, Zur zukünftigen Regulierung von Strom- und Gasnetzen in Deutschland, Januar 2024).

Ein intensiv diskutierter Ansatz ist ein Bonus-Malus-System, das darauf abzielt, die tatsächlichen Ist-Kosten, die durch die Auflösung der Rückstellungen entstehen, mit einem effizienten Benchmark abzugleichen.

So könnte es funktionieren:

  1. Standardkostensätze: Die Regulierungsbehörde würde – basierend auf einer verlässlichen Datengrundlage – Standardkostensätze definieren. Beispiele hierfür könnten die effizienten Kosten für die Stilllegung eines Ausspeisepunktes in einer bestimmten Druckstufe oder für den Rückbau einer bestimmten Länge von Rohrleitungen einer Druckebene sein.
  2. Abgleich: Die Ist-Kosten des Netzbetreibers für die Transformation werden mit diesen Standardkosten verglichen.
  3. Anreizmechanismus: Abweichungen von den Standardkosten könnten dann zu einem bestimmten Prozentsatz als Bonus (bei effizienterem, günstigerem Rückbau) oder als Malus (bei ineffizientem, teurerem Rückbau) in die Erlösobergrenze des Netzbetreibers einfließen.

Dieses System stellt sicher, dass Netzbetreiber trotz der Vorfinanzierung über Rückstellungen einen starken Anreiz haben, die Maßnahmen so effizient wie möglich durchzuführen.

Die strategische Pflicht: Jetzt Daten sammeln!

Warum sollte ich mich als Stadtwerk XYZ jetzt mit diesem Thema beschäftigen?

Ein solches Anreizinstrument ist wesentlich aufwändiger als bisherige Mechanismen und steht und fällt mit einer verlässlichen Datengrundlage. Die Festlegung effizienter Standardkosten erfordert eine detaillierte Erfassung von Strukturparametern, die die tatsächlichen Kosten der Transformation treiben.

Die gute Nachricht: Die Vorbereitung läuft bereits.

Die Bundesnetzagentur hat signalisiert, dass für die Entwicklung solcher Instrumente eine verbesserte Datengrundlage essenziell ist. Im Rahmen der laufenden Diskussionen zur Weiterentwicklung der Regulierung wird daher erwartet, dass die Erfassung von Strukturparametern – wie Stilllegung von Ausspeisepunkten und Leitungsrückbau, differenziert nach Druckstufen – an Bedeutung gewinnen wird. Die Daten, die Netzbetreiber heute und in naher Zukunft erheben, können die Grundlage für die Ausgestaltung der zukünftigen Regulierung bilden.

Dies ist der entscheidende, unmittelbare strategische Punkt: Stadtwerke, die jetzt keine sorgfältige Erhebung und Dokumentation dieser Strukturdaten aufbauen, riskieren, dass zukünftige Benchmarks, die ihre Erlösobergrenze beeinflussen, auf einer unzureichenden oder nicht repräsentativen Basis festgelegt werden.

Konkrete Handlungsaufforderung: Beginnen Sie jetzt, die Strukturdaten zur Stilllegung und zum unvermeidbaren Rückbau präzise zu erfassen und nach Druckstufen zu separieren. Diese Daten, verbunden mit abgegrenzten Kostendaten, sind der Ausgangspunkt für die Entwicklung von Kennzahlen, die später zur Festlegung der Standardkostensätze herangezogen werden könnten. Ein stufenweises Vorgehen ist denkbar: Zunächst einfache Kennzahlen, dann die Veröffentlichung netzbetreiberindividueller Kennzahlen, gefolgt von der Bestimmung von Standardkostensätzen.

Fazit: Die Dekarbonisierung muss effizient sein

Die Energiewende ist keine grüne Romantik; sie ist ein ingenieurtechnisches und ökonomisches Mammutprojekt. Die Gasnetztransformation ist ein unvermeidbarer Teil davon. Die Regulierung muss hierfür die richtigen Anreize setzen, um die Systemkosten zu minimieren. Ein geplantes Bonus-Malus-System auf Basis von Standardkosten ist ein logischer Schritt, um die Effizienz zu gewährleisten, wo die bisherige Regulierung allein nicht ausreicht.

Stadtwerke, die jetzt in die Qualität und Granularität ihrer Strukturdaten investieren, sichern nicht nur die zukünftige Anerkennung ihrer eigenen Rückbaukosten, sondern tragen aktiv dazu bei, eine verlässliche und faire Benchmark-Grundlage für die gesamte Branche zu schaffen. Die strategische Weichenstellung für die Gasnetztransformation erfolgt nicht erst in der nächsten Regulierungsperiode, sondern beginnt mit der heutigen Datenerfassung.

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Emma Energie

Das Stadtwerk muss primär Schnittstellen zwischen dem technischen Asset-Management (GIS, Dokumentation der Stilllegungsmaßnahmen und Längen/Durchmesser) und der Finanzbuchhaltung schaffen. Entscheidend ist die Verknüpfung der spezifischen Ist-Kosten (Arbeitszeit, Material, Tiefbau-Drittkosten) direkt mit der abgebauten Einheit (z.B. Meter DN 100 in Druckstufe M), um die Basis für die effiziente Standardkostenkalkulation zu liefern.

Das Hauptrisiko liegt in der Entstehung eines Malus, der zu einer Reduzierung der zukünftigen Erlösobergrenze führt. Obwohl die Mittel für den Rückbau (Rückstellungen) vorhanden sind, muss der Netzbetreiber einen Teil der Kosten selbst tragen, wenn er über den effizienten Standardkostensätzen liegt. Das Stadtwerk muss dies durch präventive, detailgenaue Dokumentation aller kostensteigernden Faktoren (z.B. ungewöhnlich hohe Tiefbaukosten in Innenstädten oder schwierige Bodengegebenheiten) abmildern, um im Benchmark-Verfahren eine Anpassung der Standardkostensätze zu erwirken.

Der Netzbetreiber sollte sofort über Branchenverbände (VKU/BDEW) oder direkt substantiierte Durchschnittskostensätze (z.B. Kosten pro Ausspeisepunkt je Druckstufe oder Kosten pro Meter je Dichtezone) an die BNetzA kommunizieren. Strategisch ist es entscheidend, die Korrelation zwischen den eigenen, spezifischen Strukturparametern (die die Kosten treiben) und den resultierenden Ist-Kosten zu belegen, um sicherzustellen, dass die Standardkosten zukünftig Differenzierungen (z.B. nach geographischen Faktoren oder Druckebenen) berücksichtigen.