Executive Summary
Der Ruf nach einem Industriestrompreis von 5 bis 6 Cent pro Kilowattstunde wird lauter. Für Stadtwerke ist dies weit mehr als eine Subventionsdebatte. Es geht um die Sicherung der lokalen Wertschöpfung, die Integration massiver neuer Lasten (Wasserstoff, PtX) und die dringend benötigte Systemdienlichkeit der Großverbraucher. Emma Energie analysiert, wie wir diese Transformation netzseitig absichern.
Die strategische Notwendigkeit der Preisbrücke
Die Forderungen nach einem subventionierten Industriestrompreis, wie sie aktuell von Niedersachsens Wirtschaftsminister Tonne forciert werden, sind ein klares Signal: Die energieintensive Industrie in Deutschland braucht eine Brücke, um die Hochlaufphase der Erneuerbaren Energien und die damit verbundenen, teils chaotischen Marktschwankungen zu überstehen. Der in der politischen Debatte oft genannte Zielkorridor von 5 bis 6 Cent pro Kilowattstunde ist ambitioniert. Er orientiert sich an den Strompreisen internationaler Wettbewerber, wie beispielsweise Norwegen oder Schweden, die laut der Studie „Internationaler Energiepreisvergleich für die Industrie“ (2025) bei 4 bis 6 ct/kWh liegen (Quelle: vbw-bayern.de), und wird, wie erste Schätzungen zeigen, den Bund Milliarden kosten.
Doch als Strategin für die Energiewende sehe ich hier nicht nur eine Kostenstelle, sondern eine zentrale Weichenstellung für die Systemstabilität und die Dekarbonisierung. Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist nicht ob wir die Industrie halten, sondern wie wir sie so integrieren, dass sie vom Kostenfaktor zum Stabilitätsanker im Netz wird.
Die Komplexität der 5-Cent-Marke
Um die Tragweite dieses Zielkorridors von 5-6 ct/kWh zu verstehen, müssen wir uns die heutige Preisstruktur für Industriekunden vor Augen führen. Der Endpreis setzt sich aus beeinflussbaren Komponenten (Beschaffung, Marge) und nicht beeinflussbaren Komponenten (Steuern, Abgaben, Umlagen, Netzentgelte) zusammen.
Laut BNetzA-Monitoring machen die nicht beeinflussbaren Preisbestandteile für einen Standard-Industriekunden (24 GWh/Jahr, ohne Vergünstigungen) einen erheblichen Teil aus. Nur wenn stromintensive Unternehmen die komplexen gesetzlichen Vergünstigungsregelungen (z.B. nach § 19 Abs. 2 StromNEV oder KWKG) voll ausschöpfen, sinkt dieser Anteil signifikant – von über 7 ct/kWh auf unter 1 ct/kWh.
Fazit: Ein Industriestrompreis von 5 bis 6 ct/kWh bedeutet, dass entweder die Beschaffungskosten massiv gedrückt werden müssen (was unrealistisch ist, solange Gas teuer bleibt) oder, wahrscheinlicher, dass die staatlichen und hoheitlichen Preisbestandteile (Netzentgelte, Umlagen, Steuern) fast vollständig subventioniert oder eliminiert werden müssen.
Der Blickwinkel des Stadtwerks: Warum uns das betrifft
Warum sollte sich ein Verteilnetzbetreiber (VNB) oder ein Stadtwerk, das primär Haushalts- und Gewerbekunden versorgt, intensiv mit diesem nationalen Subventionsprogramm beschäftigen?
Antwort: Weil der Industriestrompreis über die Sicherung der Last direkt die Netzplanung und die lokale Sektorkopplung beeinflusst.
1. Sicherung der Grundlast und Netzauslastung
Die energieintensive Industrie ist oft der größte Einzelverbraucher in der Region. Ihr Wegzug (De-Industrialisierung) hätte katastrophale Folgen für die Wirtschaftlichkeit der Netzinfrastruktur. Hohe Investitionen in das Mittel- und Hochspannungsnetz, die auf diese Lasten ausgelegt wurden, könnten zu Stranded Assets werden. Die Sicherung der industriellen Basis durch einen wettbewerbsfähigen Strompreis gewährleistet die Grundauslastung der Netze und damit die Effizienz der Netzentgelte für alle anderen Kunden.
2. Die neuen, flexiblen Lasten (Sektorkopplung)
Minister Tonne drängt parallel auf die Wasserstoffstrategie. Hier schließt sich der Kreis: Die Industrie ist der Hauptabnehmer für grünen Wasserstoff. Ein günstiger, planbarer Strompreis ist die absolute Voraussetzung, damit Unternehmen in großskalige Elektrolyseure, Power-to-X-Anlagen oder große Wärmepumpen investieren.
Diese Sektorkopplungsanlagen sind in der Netzperspektive keine reinen Verbraucher mehr, sondern potenziell die größten Flexibilitätsgeber, die wir in den 2030er Jahren benötigen. Sie können Stromspitzen aus PV und Wind aufnehmen und so die Spannungshaltung und das Engpassmanagement (Redispatch 3.0, also die vorausschauende Steuerung flexibler Lasten zur Vermeidung von Netzengpässen) massiv unterstützen.
Mein Systemgedanke: Wenn wir die Industrie halten und sie elektrifizieren, schaffen wir nicht nur grüne Wertschöpfung, sondern auch die kritische Masse an steuerbaren Verbrauchseinrichtungen, die unser Netz zur Integration von 80% EE benötigt.
Die verpasste Chance: Subvention ohne Konditionalität
Eine Subvention ohne zusätzliche Auflagen ist aus Sicht der Industrie verständlich, aus Sicht der Energiewende jedoch eine vertane Chance. Wenn der Staat signifikante Preisbestandteile subventioniert, muss im Gegenzug eine Grüne Konditionalität etabliert werden, die dem System dient.
Wir müssen die Prinzipien, die wir über § 14a EnWG für neue, steuerbare Verbraucher wie E-Autos und Wärmepumpen bereits umsetzen, auf die Großverbraucher übertragen. Die Bundesnetzagentur hat hierfür in ihrer Festlegung BK6-22-001 die rechtliche Grundlage geschaffen, die es Netzbetreibern seit Anfang 2024 erlaubt, bei drohender Netzüberlastung den Strombezug dieser Anlagen zu dimmen (Quelle: sma.de).
- Vorschlag: Flexibilität als Gegenleistung: Meine zentrale Forderung ist, die Subvention an eine klare Gegenleistung zu knüpfen. Industriekunden, die den vergünstigten Preis in Anspruch nehmen, sollten verpflichtet werden, ihre Lasten für das Engpassmanagement (Redispatch 3.0) des lokalen VNB zur Verfügung zu stellen. Hierbei sind die Schnittstellen zwischen VNB, ÜNB und dem Industriekunden, der oft direkt am Höchstspannungsnetz angeschlossen ist, kritisch zu klären.
- Vorschlag: Transparenz und Monitoring: Die VNB benötigen Echtzeitdaten über die potenziellen Flexibilitätsreserven dieser Großverbraucher, um eine vorausschauende Netzplanung und -steuerung zu ermöglichen.
- Vorschlag: Grüner Fußabdruck: Die Subvention sollte zwingend an die Nutzung von Grünstrom oder den Nachweis der Dekarbonisierungsanstrengungen (z.B. Umstellung auf H2 oder Hochtemperatur-Wärmepumpen) gekoppelt sein. Dies stellt sicher, dass die Milliardenhilfen nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit verbessern, sondern tatsächlich die Transformation beschleunigen.
Ein reiner Subventionspreis ohne diese systemischen Anforderungen ist eine teure Maßnahme mit ungewissem Ausgang, die zwar die Industrie hält, aber die Netzprobleme im Verteilnetz nur verlagert oder verschärft.
Strategische Handlungsempfehlungen für Stadtwerke
Der Industriestrompreis ist ein Thema für die nationale Politik, aber seine Auswirkungen sind zutiefst lokal. Stadtwerke müssen jetzt aktiv werden, um die Weichen richtig zu stellen:
1. Aktives Flexibilitäts-Scouting
Identifizieren Sie alle potenziellen Großverbraucher in Ihrem Netzgebiet, die für den Industriestrompreis in Frage kommen. Gehen Sie proaktiv auf diese Unternehmen zu und erarbeiten Sie gemeinsam Szenarien, wie deren Lastprofile (insbesondere PtX und E-Kessel) systemdienlich verschoben werden können. Die Stadtwerke müssen die Schnittstelle zwischen der Industrielast und dem Netzmanagement (Redispatch-Prozesse) aktiv gestalten.
2. Netzplanung für die neuen Lasten
Planen Sie nicht nur den Zubau von EE, sondern auch den massiven Zuwachs von industriellen Großverbrauchern (insbesondere Elektrolyseure) ein. Der subventionierte Strompreis erhöht die Wahrscheinlichkeit dieser Investitionen. Berücksichtigen Sie in Ihren Netzausbauplänen (NEP) die Möglichkeit, dass diese Lasten flexibel sind und ob dies kostspieligen Netzausbau temporär ersetzen kann.
3. Advocacy und Policy-Input
Positionieren Sie sich gegenüber Ihren Landesverbänden und der Politik. Fordern Sie, dass die Ausgestaltung des Industriestrompreises (oder der Entlastung von Netzentgelten) eine Kopplung an die Bereitstellung von Systemdienstleistungen enthält. Diese Forderung stärkt nicht nur das lokale Verteilnetz, sondern sorgt auch für die dringend notwendige Koordination zwischen Markt und Netz.
Die Energiewende ist die größte Transformation der Energiewirtschaft. Der Industriestrompreis ist ein mächtiges Werkzeug, um die Industrie in dieser Transformation zu halten. Aber seine volle Wirkung entfaltet er erst, wenn wir ihn mit klaren Anforderungen an die Systemdienlichkeit verknüpfen. Nur so wird aus einer teuren Subvention eine strategische Investition in ein stabiles, dekarbonisiertes Netz der Zukunft.