Die Illusion der 55 Prozent: Warum wir ein Speicher-Update brauchen
Wir schreiben das Jahr 2025, und die Zahlen lesen sich auf den ersten Blick hervorragend: Über 55 Prozent der deutschen Nettostromerzeugung stammen aus erneuerbaren Quellen. Als Ingenieurin für Netzplanung freue ich mich über jedes neue Windrad und jede PV-Anlage auf den Dächern unserer Kommunen. Doch wenn ich auf die Lastganglinien in unseren Verteilnetzen blicke, sehe ich eine wachsende Herausforderung, die wir mit der aktuellen Strategie allein nicht lösen werden.
Wir haben ein exzellentes Fundament bei den Kurzzeitspeichern gelegt. Lithium-Ionen-Batterien sind die Sprinter unseres Systems – sie reagieren in Millisekunden, glätten die Mittagsspitzen der Photovoltaik und stabilisieren die Frequenz. Aber die Energiewende ist kein 100-Meter-Lauf, sondern ein Ultra-Marathon. Wenn der Wind über drei Tage flautet und der Himmel grau bleibt – die berüchtigte Dunkelflaute –, stoßen unsere heutigen Batterien an ihre physikalischen und ökonomischen Grenzen.
Das Problem ist systemisch: Ohne Speicher, die nicht nur Stunden, sondern 24 bis 100 Stunden überbrücken können, bleiben wir in einer gefährlichen Abhängigkeit von fossilen Kapazitäten gefangen. Das Kraftwerkssicherheitsgesetz (KWSG) steht nun an einem entscheidenden Punkt: Fördern wir nur die nächste Generation von Gaskraftwerken, oder ebnen wir den Weg für echte technologische Souveränität durch Langzeitspeicher (Long Duration Energy Storage, LDES)?
Warum Sie als Stadtwerk-Stratege heute über LDES nachdenken müssen
Vielleicht fragen Sie sich: „Warum ist das mein Thema? Ich plane gerade den Smart-Meter-Rollout und kämpfe mit §14a EnWG.“ Die Antwort ist simpel: Weil die Wirtschaftlichkeit Ihres zukünftigen Portfolios davon abhängt.
- Vermeidung von Stranded Assets: Wenn wir jetzt massiv in reine wasserstofffähige Gaskraftwerke investieren, ohne LDES-Alternativen zu prüfen, bauen wir Infrastruktur, die aufgrund hoher Brennstoffkosten (Wasserstoff-Importe!) seltener laufen wird als gedacht.
- Netzstabilität und Redispatch: Langzeitspeicher im Verteilnetz können lokale Netzengpässe über Tage hinweg abpuffern. Das reduziert die Abregelung von EE-Anlagen vor Ort – ein Thema, das durch die steigende Netzdynamik immer teurer wird.
- Resilienz gegenüber Preisspitzen: Mehrtägige Speicher erlauben es Stadtwerken, Strom in Phasen des Überflusses (negative Preise) für Tage zu bunkern und in Hochpreisphasen abzugeben. Das ist aktives Risikomanagement für Ihre Beschaffungsstrategie.
Die Physik der Lücke: Lithium-Ionen vs. LDES
Um es technisch einzuordnen: Lithium-Ionen-Speicher skalieren linear mit der Kapazität. Wenn Sie die doppelte Energiemenge speichern wollen, brauchen Sie fast die doppelte Anzahl an Zellen. Das ist teuer. Stellen Sie sich das wie bei Ihrem Smartphone vor: Für einen einwöchigen Campingtripp ohne Stromanschluss würden Sie nicht 20 Ersatzakkus mitnehmen – das wäre ineffizient und schwer. Sie würden eher über eine Powerstation mit einer anderen Energiedichte oder gar ein völlig anderes System nachdenken.
Genau hier setzen LDES-Technologien an. Ob Flow-Batterien, thermische Speicher (die Strom in Hitze wandeln und bei Bedarf zurückverstromen), Druckluftspeicher oder innovative Eisen-Luft-Batterien – sie alle haben eines gemeinsam: Die Kosten für die zusätzliche Speicherkapazität (kWh) entkoppeln sich von den Kosten für die Leistung (kW). Das macht sie für Entladedauern von 24 Stunden und mehr wirtschaftlich überlegen.
Das Kraftwerkssicherheitsgesetz: Eine verpasste Chance?
Die Bundesregierung hat in den ersten Entwürfen des KWSG klugerweise eine 500-MW-Auktion speziell für Langzeitspeicher vorgesehen. Dass dieser Baustein im letzten Zyklus gestrichen wurde, ist aus netzplanerischer Sicht ein Rückschritt. Die aktuelle Ausschreibung über 10 GW neue Kapazität ist primär auf Gaskraftwerke zugeschnitten. Zwar gelten 2 GW als „technologieneutral“, doch der Teufel steckt im Detail der Bewertungskriterien.
Wenn wir nur den niedrigsten Preis pro Megawatt (Leistung) bewerten, gewinnen immer die etablierten fossilen Lösungen. Wir müssen jedoch die Dauer der Verfügbarkeit bewerten. Ein System, das 48 Stunden lang gesicherte Leistung erbringt, hat für die Systemsicherheit im Jahr 2030 einen weitaus höheren Wert als eine Gasturbine, die zwar schnell startet, aber teures Erdgas verbrennt und CO2 emittiert.
Strategische Handlungsempfehlungen für die Politik und die Branche
Damit Deutschland nicht in der Gas-Falle stecken bleibt, müssen wir die Beschaffung von Resilienz neu definieren. Ich sehe hier drei zentrale Hebel:
1. Entladedauer gewichten, nicht nur Peak-Leistung
Wir brauchen in den Ausschreibungen eine laufzeitgewichtete Bewertung. Ein Speicher, der nachweist, dass er über 72 Stunden kontinuierlich einspeisen kann, muss in der Systembewertung besser abschneiden als eine Lösung, die nach vier Stunden leer ist. Das schafft faire Wettbewerbsbedingungen für thermische Speicher oder Flow-Batterien.
2. Fokus auf lokale Systemdienlichkeit
Stadtwerke sollten ermutigt werden, LDES-Projekte als Teil ihrer Wärmewende zu denken. Sektorkopplung ist hier das Stichwort: Ein thermischer Langzeitspeicher kann sowohl das Stromnetz stützen als auch die Fernwärmeversorgung absichern. Das sind die Synergien, die wir für ein kosteneffizientes Gesamtsystem brauchen.
3. Reduktion strategischer Abhängigkeiten
Während die Lithium-Lieferketten stark von einzelnen Weltregionen abhängen, nutzen viele LDES-Technologien (wie Eisen-Luft oder Flüssigsalz) Materialien, die global reichhaltig verfügbar oder sogar in Europa vorhanden sind. Das ist kein „grünes Wunschdenken“, sondern knallharte Sicherheitspolitik.
Fazit: Die Energiewende braucht einen langen Atem
Die Integration von Erneuerbaren Energien bis zu einem Anteil von 80 oder 90 Prozent ist technisch möglich, wie Studien der Agora Energiewende und andere Analysen zeigen. Doch der Weg dorthin führt nicht über immer mehr Gaskraftwerke, die wir hoffentlich nie benutzen müssen, sondern über ein intelligentes Portfolio an Speichern.
Für uns bei den Stadtwerken bedeutet das: Wir müssen über den Tellerrand der nächsten zwei Jahre hinausblicken. Die Investitionsentscheidungen, die wir heute im Rahmen der Kraftwerksstrategie und der Netzplanung treffen, bestimmen darüber, ob wir 2035 ein flexibles, dekarbonisiertes System steuern – oder ob wir astronomische Netzentgelte zahlen, um ein fossiles Back-up-System künstlich am Leben zu erhalten.
Mehrtägige Zuverlässigkeit ist keine Option, sie ist die Voraussetzung für das Gelingen der Energiewende. Lassen Sie uns dafür sorgen, dass das Kraftwerkssicherheitsgesetz diesem Anspruch gerecht wird. Die Technik ist bereit – jetzt muss es der regulatorische Rahmen auch werden.
Ihre Emma Energie