Kapazitätsmarkt

Kapazitätsmarkt im Fast-Track: Warum CISAF die Investitions-Uhr ticken lässt

Die EU beschleunigt die Beihilfeprüfung: Was die Anforderungen für die Netzplanung und die Flexibilitätsstrategie von Stadtwerken bedeuten.

Die Einführung eines deutschen Kapazitätsmarktes (KM) ist dringend, doch die beihilferechtliche Prüfung durch die EU war ein Bremsklotz. Das neue CISAF-Rahmenwerk soll nun ein Fast-Track-Verfahren ermöglichen. Für Stadtwerke ist dies eine strategische Chance, da der KM die Bewertung und Integration verteilter Flexibilität (Speicher, §14a-Anlagen) grundlegend neu definieren wird. Emma Energie analysiert, wie dieser Markt schnell, einfach und systemdienlich gestaltet werden muss, um die Investitionen für die Stabilität der Energiewende zu sichern.

Die Dringlichkeit der gesicherten Leistung

Wir, die Branche der Erneuerbaren Energien, sind auf dem besten Weg, unsere Dekarbonisierungsziele zu erreichen. PV und Wind dominieren zunehmend die Erzeugung. Doch mit dem Kohleausstieg und dem Wegfall gesicherter konventioneller Kapazitäten steht das System vor einer fundamentalen Herausforderung: Wie stellen wir sicher, dass das Licht auch dann brennt, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht? Die Antwort liegt in der Schaffung gesicherter, flexibler Leistung – und damit in der Notwendigkeit eines Kapazitätsmarktes (KM).

Als Nachhaltigkeits-Strategin und Ingenieurin sehe ich den Kapazitätsmarkt nicht als notwendiges Übel, sondern als den fehlenden Link zwischen volatiler Erzeugung und der physischen Netzstabilität. Er muss Investitionen in genau jene Anlagen – Speicher, flexible Gaskraftwerke (H2-ready) und steuerbare Lasten – anreizen, die unser System 2030 stabil halten werden.

Das Problem bisher: Die Ausgestaltung eines solchen Marktes ist hochkomplex und muss von der Europäischen Kommission beihilferechtlich genehmigt werden. Diese Verfahren waren in der Vergangenheit langwierig und verzögerten essenzielle Investitionsentscheidungen. Angesichts der langen Realisierungszeiträume für neue Kraftwerke können wir uns keine Verzögerung leisten. Hier kommt das Clean Industrial Deal State Aid Framework (CISAF) ins Spiel.

CISAF: Der Fast-Track für Brüsseler Genehmigungen

Das CISAF ist die Weiterentwicklung früherer Krisenrahmen und zielt darauf ab, beihilferechtliche Genehmigungsverfahren für klimarelevante Investitionen zu beschleunigen. Im Kontext des Kapazitätsmarktes bedeutet dies: Werden die im CISAF definierten Kriterien erfüllt, kann die EU-Kommission schneller grünes Licht geben.

Der BDEW hat kürzlich die CISAF-Kriterien für die Ausgestaltung eines deutschen Kapazitätsmarktes bewertet. Die Kernaussage ist klar: Eine Orientierung an diesen Vorgaben ist der schnellste Weg zu einem startfähigen System. Doch Geschwindigkeit darf nicht auf Kosten der Wirksamkeit gehen.

Für Stadtwerke ist das entscheidend: Die Geschwindigkeit der politischen Entscheidung diktiert, wann Sie Planungssicherheit für Ihre eigenen Flexibilitätsinvestitionen (z.B. große Batteriespeicher oder Power-to-X-Anlagen) erhalten. Eine schnelle Genehmigung bedeutet einen schnelleren, verlässlichen Investitionsrahmen (vgl. Ref [1], [3]), den die gesamte Branche dringend benötigt.

Die Stadtwerk-Perspektive: Warum der KM die VNB-Strategie betrifft

Die Frage, die sich jeder in der Netzplanung oder in der strategischen Geschäftsfeldentwicklung stellen muss, lautet: Wie beeinflusst der Kapazitätsmarkt die Flexibilität, die ich im Verteilnetz manage?

Der Kapazitätsmarkt wird nicht nur die großen Kraftwerke incentivieren. Er muss, um systemisch effizient zu sein, auch die verteilte Flexibilität im Blick haben, die in den Verteilnetzen schlummert. Hier liegen die direkten Berührungspunkte für Stadtwerke:

1. Die Aufwertung der Sektorkopplung und des §14a EnWG

Wir sehen aktuell, wie Tausende von Wärmepumpen und E-Autos in unsere Netze strömen. Durch die Neuregelung des §14a EnWG werden diese steuerbaren Verbrauchseinrichtungen zu potenziellen Flexibilitätsanbietern (Ref [6]). Ein gut gestalteter Kapazitätsmarkt muss dieses Potenzial monetarisieren können.

Wenn der KM die Bereitstellung von Kapazität belohnt, erhalten Speicher, gesteuerte Ladeinfrastruktur und Power-to-X-Anlagen (Ref [4]) eine zusätzliche Einnahmequelle. Dies verbessert die Wirtschaftlichkeit und beschleunigt den Hochlauf dieser Technologien. Stadtwerke, die bereits jetzt in intelligente Messsysteme und Steuerungstechnik investieren, können diese Kapazitäten über Aggregatoren oder eigene Betriebsmodelle am KM anbieten.

2. Die Bedeutung netz- und systemdienlicher Standortsignale

Ein zentraler Punkt, den der BDEW hervorhebt, ist die Notwendigkeit, nationale Besonderheiten wie netz- und systemdienliche Standortsignale zu berücksichtigen. Als Verteilnetzbetreiber (VNB) wissen wir: Kapazität ist nicht gleich Kapazität. Ein Megawatt gesicherte Leistung in einem hochbelasteten Ballungszentrum ist für die Spannungshaltung und die Engpassbewirtschaftung oft wertvoller als ein Megawatt an einem dünn besiedelten Ort.

Der Kapazitätsmarkt muss Anreize schaffen, Kapazitäten dort zu errichten, wo das Netz sie am dringendsten benötigt. Dies ist essenziell, um die systemische Kosteneffizienz (Ref [2]) zu erhöhen. Wenn der KM Standortsignale aussendet, kann der VNB seine Netzausbauplanung optimieren. Wenn neue Kapazitäten dort entstehen, wo Engpässe drohen, können teure Netzausbaumaßnahmen zeitlich verschoben oder günstiger dimensioniert werden. Dies ist eine direkte Entlastung für unsere Investitionsbudgets (Ref [4]).

3. Einfachheit und Marktzugang

Die CISAF-Kriterien und die Forderungen der Branche zielen auf ein einfaches, transparentes und wirksames Marktdesign ab. Übermäßige Komplexität ist eine Investitionshürde – besonders für kleinere Akteure wie lokale Stadtwerke oder Aggregatoren, die verteilte Flexibilität bündeln wollen. Ein einfacher Zugang, faire Kostenverteilung und klare Regeln sind notwendig, damit auch dezentrale Assets effektiv teilnehmen können.

Design-Anforderungen: Technologieoffenheit und Lernfähigkeit

Um die schnelle Genehmigung durch die EU zu nutzen und gleichzeitig ein robustes System zu schaffen, müssen wir uns auf folgende Design-Prinzipien einigen:

  1. Technologieoffenheit: Der Markt darf keine Technologie bevorteilen. Ob Batteriespeicher, Wasserstoff-ready Gaskraftwerke, Power-to-Heat oder steuerbare Industrieanlagen – alle müssen gleichberechtigt um die Kapazitätsprämie konkurrieren können (Ref [7]).

  2. Systemdienlichkeit: Der KM muss über reine Verfügbarkeit hinausgehen und die Fähigkeit zur schnellen Reaktion und zur Spannungshaltung honorieren. Die Kopplung von Kapazitätsmarkt und Netzdienlichkeit ist der Schlüssel zur Stabilisierung des zukünftigen Systems.

  3. Lernendes System: Angesichts der Komplexität eines neuen Marktmechanismus ist die Möglichkeit zur Nachjustierung zwingend erforderlich. Wir müssen die Möglichkeit offengehalten, aus den Erfahrungen der ersten Jahre zu lernen und das Design anzupassen, ohne die Investitionssicherheit zu gefährden.

Fazit: Jetzt handeln, um 2030 bereit zu sein

Die Energiewende ist eine Transformation, die nur gelingt, wenn Netz, Markt und Erzeugung Hand in Hand arbeiten. Der Kapazitätsmarkt ist das zentrale Instrument, um die notwendigen Investitionen in gesicherte Leistung zu tätigen.

Das CISAF-Rahmenwerk bietet die einmalige Chance, das bürokratische Tempo zu erhöhen. Politik und Ministerien müssen diese Steilvorlage nutzen und in enger Abstimmung mit den Marktakteuren – gerade auch den Stadtwerken und VNBs, die die dezentrale Flexibilität managen – ein praktikables und faires System gestalten.

Für Sie als Stadtwerk bedeutet dies: Der Kapazitätsmarkt kommt, und er wird Ihre Flexibilitätsstrategie direkt beeinflussen. Wer jetzt die BDEW-Forderungen und die CISAF-Vorgaben versteht, kann seine Investitionen in Speicher, Sektorkopplung und intelligente Netzinfrastruktur optimal positionieren. Die Uhr tickt, und wir müssen sicherstellen, dass wir 2030 nicht nur genug sauberen Strom, sondern auch genug gesicherte Leistung im Netz haben.

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Emma Energie

Durch den 'Fast-Track' verkürzt sich die Phase der regulatorischen Unsicherheit massiv. Für ein Stadtwerk dieser Größe bedeutet die frühzeitige Klarheit über Kapazitätszahlungen, dass Investitionen in Speichertechnologien nicht mehr allein durch volatile Arbitrage-Erlöse, sondern durch eine feste Komponente für gesicherte Leistung abgesichert werden können, was die Finanzierungskosten senkt und die Realisierung bis 2030 beschleunigt.

Die Netzplanung muss von einer rein statischen Lastbetrachtung auf ein Modell umstellen, das die Flexibilität der 10.000 Wärmepumpen (gemäß §14a EnWG) als Alternative zum physischen Netzausbau einpreist. Wenn der Kapazitätsmarkt Standortsignale liefert, kann das Stadtwerk gezielt dort Anreize für steuerbare Lasten setzen, wo Engpässe drohen, und so Investitionsbudgets durch zeitliche Verschiebung von Leitungsausbauten entlasten.

Es müssen automatisierte Prozesse zur Erfassung und Zertifizierung der technischen Verfügbarkeit dezentraler Anlagen implementiert werden. Da Komplexität eine Hürde darstellt, muss das Stadtwerk als Aggregator fungieren und die Kommunikation zwischen iMSys-Daten, der Marktrolle 'Einsatzverantwortlicher' und der Abrechnung der Kapazitätsprämie so verschlanken, dass auch kleinere Gewerbekunden ohne administrativen Overhead teilnehmen können.