Kapazitätsmarkt

Kapazitätsmarkt im Fast-Track: Wie CISAF die lokale Flexibilität beschleunigt

Die EU-Vorgaben als strategische Chance für VNBs und die systemische Integration erneuerbarer Energien

Die Einführung eines deutschen Kapazitätsmarktes ist essenziell für die Versorgungssicherheit und die Integration volatiler EE. Das neue CISAF-Rahmenwerk der EU bietet einen strategischen Fast-Track für die beihilferechtliche Genehmigung. Für Stadtwerke und VNBs geht es nun darum, sicherzustellen, dass dieser Markt lokale Flexibilität (Speicher, Sektorkopplung) adressiert, um Netzausbau zu optimieren und Investitionssicherheit zu schaffen. Die Zeit drängt, die Transformation wartet nicht.

Die Dringlichkeit der Kapazitätsfrage: Warum wir jetzt handeln müssen

Als Ingenieurin und Strategin für die Energiewende sehe ich täglich, wie rasant sich unser Energiesystem wandelt. Wir bauen Photovoltaik und Windkraft in einem beispiellosen Tempo zu. Das ist großartig für die Dekarbonisierung. Aber es stellt uns vor eine immense Herausforderung: die Versorgungssicherheit in Zeiten geringer Einspeisung – der berühmten Dunkelflaute.

Der gleichzeitige Ausstieg aus Kohle und Kernkraft bedeutet, dass wir nicht nur Erzeugungskapazität verlieren, sondern vor allem steuerbare Kapazität. Die Lücke, die entsteht, muss durch neue, hochflexible Anlagen geschlossen werden: H2-ready Gaskraftwerke, Großspeicher, Power-to-X-Anlagen und vor allem die dezentrale Flexibilität, die direkt in unseren Verteilnetzen steckt.

Genau hier setzt der Kapazitätsmarkt (KM) an. Er ist das notwendige Preissignal, das die Bereitstellung dieser steuerbaren Leistung vergütet. Ohne einen verlässlichen und investitionsfreundlichen Rahmen (wie in den Verbandspositionen gefordert [1, 3]) werden die notwendigen Investitionen mit den langen Realisierungszeiträumen nicht rechtzeitig getätigt. Die Uhr tickt, und die Transformation duldet keinen Aufschub.

CISAF: Der europäische Beschleuniger für die Energiewende

Bislang waren die beihilferechtlichen Genehmigungsverfahren in Brüssel (nach KUEBLL) oft langwierig und kompliziert. Angesichts der Dringlichkeit der Energiewende hat die EU reagiert und das Clean Industrial Deal State Aid Framework (CISAF) entwickelt. CISAF ist im Grunde ein Fast-Track-Verfahren, das eine schnellere beihilferechtliche Genehmigung von staatlichen Hilfen – wie einem Kapazitätsmarkt – ermöglichen soll.

Warum ist das für uns relevant? Weil die Schnelligkeit der politischen Entscheidung und Umsetzung direkt über Erfolg oder Misserfolg des Kapazitätsmarktes entscheidet. Wenn wir bis 2030 stabile Kapazitäten benötigen, müssen die Investitionsentscheidungen heute fallen. CISAF bietet die Blaupause, um ein nationales System zu schaffen, das von vornherein europäisch anschlussfähig ist und die Genehmigungshürden minimiert. Die Orientierung an diesen Vorgaben ist somit strategische Klugheit.

Die Perspektive der Stadtwerke: Warum der Kapazitätsmarkt lokal denken muss

Die zentrale Frage für jedes Stadtwerk, das Verteilnetzbetrieb (VNB) verantwortet, lautet: Wie beeinflusst dieser nationale Markt meine lokale Netzplanung und meine Investitionen in die Sektorkopplung?

Ein Kapazitätsmarkt, der nur auf zentrale Großkraftwerke abzielt, verfehlt die Realität der dezentralen Energiewende. Wir brauchen ein System, das die lokale, netzdienliche Flexibilität honoriert. Hier kommen die Anforderungen ins Spiel, die der BDEW in seinem Positionspapier beleuchtet:

1. Standortsignale für das Verteilnetz

Die Integration von Erneuerbaren führt zu lokalen Engpässen – nicht nur auf der Übertragungsnetzebene. Wir brauchen Mechanismen im Kapazitätsmarkt, die Kapazitäten dort fördern, wo sie dem System am meisten helfen. Das sind die sogenannten netz- und systemdienlichen Standortsignale.

Stellen Sie sich vor: Ihr Netzgebiet hat eine hohe PV-Dichte und droht, in Spitzenlastzeiten die Spannungsgrenzen zu reißen. Ein Kapazitätsmarkt, der einen Großspeicher oder eine Power-to-X-Anlage (Source 4) in genau diesem Gebiet höher vergütet als an einem netzfernen Ort, schafft einen doppelten Nutzen:

  • Versorgungssicherheit: Die Kapazität steht bereit.
  • Netzentlastung: Die Investition reduziert den Bedarf an teurem, langwierigem physischen Netzausbau (Source 5).

Für den VNB ist dies ein Game-Changer. Es ermöglicht die Nutzung von Nicht-Netz-Alternativen (NNAs) und integriert die Flexibilität, die wir ohnehin über Mechanismen wie § 14a EnWG (Steuerbare Verbrauchseinrichtungen) erschließen wollen (Source 6).

2. Die Rolle der Sektorkopplung

Der Kapazitätsmarkt muss technologieoffen sein (Source 7). Das bedeutet, er muss auch die Potenziale der Sektorkopplung anerkennen:

  • Wärmepumpen und E-Mobilität: Über § 14a EnWG steuerbare Lasten können kurzfristig zur Kapazitätssicherung beitragen.
  • Speicher und Power-to-Gas/X: Diese Anlagen wandeln Strom in speicherbare Energieformen um und können bei Bedarf die Kapazität zurück ins Netz liefern.

Ein gut integrierter Kapazitätsmarkt schafft Investitionssicherheit für diese zukunftsweisenden Technologien, die in den Bilanzen der Stadtwerke eine immer größere Rolle spielen.

3. Einfachheit und Marktzugang

Für Stadtwerke, die oft kleinere dezentrale Anlagen betreiben, ist die Komplexität des Marktzugangs entscheidend. Der BDEW betont zurecht, dass das System einfach und wirksam sein muss, um keine neuen Marktzugangshürden zu schaffen. Wenn die administrativen und regulatorischen Anforderungen zu hoch sind, bleiben kleinere, aber wichtige Flexibilitätspools außen vor.

Wir müssen sicherstellen, dass Aggregatoren, die lokale Flexibilität bündeln, unkompliziert am Kapazitätsmarkt teilnehmen können. Nur so können wir die gesamte Bandbreite der dezentralen Potenziale heben.

Strategische Umsetzung: Der Dialog ist der Schlüssel

Die CISAF-Kriterien bieten einen Rahmen, aber die Details der nationalen Ausgestaltung sind der eigentliche Knackpunkt. Die Herausforderung liegt darin, nationale Besonderheiten (wie die Förderung netzdienlicher Standorte) so zu integrieren, dass sie mit den europäischen Beihilferegeln konform gehen.

Die enge Einbindung der Energiewirtschaft in diesen Prozess ist nicht nur wünschenswert, sondern zwingend erforderlich. Wir benötigen einen engen Dialog zwischen Politik, Ministerien und den Marktakteuren, um ein System zu schaffen, das auf dem Papier funktioniert und in der Praxis tragfähig ist. Nur die Praktiker wissen, welche Komplexität zu viel ist und welche Signale tatsächlich Investitionen auslösen.

Mein Fazit als Strategin: Der Kapazitätsmarkt ist kein abstraktes, nationales Konstrukt. Er ist ein existenzieller Baustein für die lokale Netzstabilität und die Finanzierung der notwendigen Flexibilitätsinvestitionen in Ihrem Netzgebiet. Die Nutzung des CISAF-Fast-Tracks ist eine strategische Chance, um die jahrelange Debatte zu beenden und endlich den Investitionsrahmen zu schaffen, den wir für die Energiewende 2.0 dringend brauchen. Wir müssen jetzt die Weichen stellen, damit 2030 die notwendigen steuerbaren Kapazitäten tatsächlich am Netz sind.

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Emma Energie

Das Stadtwerk muss ein intelligentes Lastmanagement (Virtuelles Kraftwerk) implementieren, das die steuerbaren Verbrauchseinrichtungen bündelt. Durch die im Artikel erwähnten 'netz- und systemdienlichen Standortsignale' kann das Stadtwerk diese Flexibilität im Kapazitätsmarkt anbieten. Technisch erfordert dies eine automatisierte Schnittstelle, die dem Markt signalisiert, wie viel Last bei einer Dunkelflaute sicher abgeworfen oder verschoben werden kann, wodurch die Anlagen als 'Nicht-Netz-Alternative' (NNA) zur Stabilität beitragen und zusätzliche Vergütungen generieren.

Der Kapazitätsmarkt unter CISAF-Bedingungen schafft eine neue Erlösquelle neben dem reinen Stromverkauf. Da die Anlage an einem netzdienlichen Standort (hohe Erneuerbare-Einspeisung) geplant ist, profitiert das Stadtwerk von einer höheren Kapazitätsvergütung im Vergleich zu netzfernen Standorten. Dies verbessert die Planbarkeit der Cashflows erheblich, da die Bereitstellung der Leistung unabhängig vom tatsächlichen Gasabsatz vergütet wird, was das Investitionsrisiko für die Dekarbonisierung der lokalen Erzeugung senkt.

Regulatorisch muss das Stadtwerk standardisierte Melde- und Abrechnungsprozesse schaffen, die es Aggregatoren ermöglichen, kleine dezentrale Speicher ohne individuelles Einzel-Monitoring am Kapazitätsmarkt teilnehmen zu lassen. Das Stadtwerk muss hierfür die Messstellenbetrieb-Prozesse (SMGW-Rollout) so automatisieren, dass die Verfügbarkeit der Kapazitäten in Echtzeit validiert werden kann. Einfache Bilanzierungsmodelle sind nötig, damit der administrative Aufwand pro Anlage gering bleibt und die Teilnahme für Kunden und Stadtwerk wirtschaftlich attraktiv ist.