Die neue Verwundbarkeit: Dezentralisierung erfordert maximale Resilienz
Als Ingenieurin für Erneuerbare Energien sehe ich die Energiewende primär als die größte Systemtransformation seit der Elektrifizierung. Wir stellen das System von wenigen, zentralen Kraftwerken auf Millionen dezentraler Erzeuger um. Laut Branchenexperten sind bereits heute über 95 % der Erneuerbare-Energien-Anlagen an die Verteilnetze angeschlossen. Diese Dezentralisierung ist der Schlüssel zur Dekarbonisierung, aber sie bringt eine neue, systemische Verwundbarkeit mit sich, die wir nicht ignorieren dürfen.
Das Positionspapier des BDEW, das in seinem „10-Punkte-Papier zur Stärkung der Resilienz kritischer Infrastrukturen“ (Quelle: BDEW, Januar 2026) zehn Vorschläge unterbreitet, ist daher mehr als nur eine Reaktion auf geopolitische Spannungen. Es ist eine längst überfällige Anerkennung der Tatsache, dass die Sicherheit unserer Netze direkt von der Komplexität und der Digitalisierung abhängt, die wir für die Energiewende selbst benötigen.
Die zentrale Frage für jedes Stadtwerk, für jeden Netzbetreiber und jeden Strategen lautet: Wie passt dieser erhöhte Kritis-Schutz in unseren Netzausbaupfad und was bedeutet das für unsere Investitionen in Sektorkopplung und Flexibilität?
Das Verteilnetz im Fokus der Transformation
Früher war Kritis-Schutz oft gleichzusetzen mit dem Schutz der großen Übertragungsnetze und zentralen Kraftwerke. Heute, wo das Verteilnetz den Großteil der erneuerbaren Erzeugung und nahezu die gesamte Sektorkopplung (Wärmepumpen, Ladeinfrastruktur, Power-to-X) integriert, rückt die lokale Resilienz in den Mittelpunkt.
Die Anforderungen des BSI-Gesetzes, insbesondere die Notwendigkeit, Systeme zur Angriffserkennung zu implementieren, sind bereits in der Praxis angekommen. Aber Resilienz geht weit über reine Cyber-Sicherheit hinaus. Sie umfasst die Fähigkeit, physische Angriffe (Drohnen), Naturkatastrophen oder langanhaltende Blackouts zu überstehen und schnell wieder den Normalzustand herzustellen.
1. Die Kostenfrage: Resilienz ist keine freiwillige Übung
Eine der wichtigsten Forderungen des BDEW ist die regulatorische Anerkennung von Kosten für erhöhte Schutz- und Resilienzmaßnahmen. Das ist absolut essenziell. Als Verteilnetzbetreiber (VNB) agieren wir in einem regulierten Umfeld. Wenn wir in strategische Lagerhaltung, in die Ertüchtigung von Umspannwerken oder in Schulungen zur Krisenbewältigung investieren, müssen diese Kosten anerkannt werden, um die Leistungsfähigkeit des Netzes zu gewährleisten.
Die Diskussion um eine Teilfinanzierung über öffentliche Mittel, etwa einen speziellen Resilienzfonds, ist in diesem Kontext pragmatisch. Wenn wir die enormen Kosten der notwendigen Resilienzmaßnahmen allein über die Netzentgelte finanzieren müssten, würden wir die Akzeptanz der Energiewende riskieren. Wir müssen die Stromkosten dämpfen – das ist eine BDEW-Position, die ich teile – und gleichzeitig maximale Systemsicherheit gewährleisten. Hier ist eine faire Lastenverteilung zwischen Gesellschaft (verteidigungspolitische Aufgabe) und Verbraucher (Netzbetriebsaufgabe) notwendig.
2. Der Schlüssel zur Schwarzfallfestigkeit: Das 450-MHz-Netz
Für mich als Expertin ist der Aufbau einer ausfallsicheren Kommunikationsstruktur, insbesondere im schwarzfallfesten 450-MHz-Funknetz, ein technologischer Kernpunkt, der die BDEW-Forderungen nach operativer Resilienz untermauert. Dies ist keine optionale Infrastruktur, sondern die Lebensader unseres zukünftigen, flexiblen Netzes.
Wir müssen in der Lage sein, auch bei einem großflächigen Stromausfall oder einem Cyberangriff, die Steuerung dezentraler Einheiten zu übernehmen. Denken Sie an §14a EnWG: Wir planen, Tausende von Wärmepumpen und Ladesäulen zu steuern, um Netzengpässe zu vermeiden. Wenn die Kommunikationsinfrastruktur ausfällt, verlieren wir nicht nur die Kontrolle, sondern riskieren die systemische Stabilität. Das 450-MHz-Netz bietet die notwendige Unabhängigkeit und Robustheit, um die Schwarzfallfähigkeit des Systems zu sichern und die Steuerung von Flexibilitätspotenzialen auch unter extremen Bedingungen aufrechtzuerhalten.
Für Stadtwerke bedeutet dies: Die strategische Investition in die 450-MHz-Infrastruktur ist keine separate IT-Aufgabe, sondern ein integraler Bestandteil des Netzausbaus. Ohne diese Kommunikationsbasis wird es ungleich schwerer, die steigenden Anforderungen an Spannungshaltung und Netzmanagement im Zuge der Sektorkopplung sicher und effizient zu erfüllen.
3. Operative Verantwortung und Kooperation
Die Forderung, Betreibern in einem eng begrenzten Rechtsrahmen die Drohnenabwehr zu erlauben, markiert einen Paradigmenwechsel in der zivilen Sicherheit. Angesichts der physischen Bedrohung durch Drohnen, die kritische Infrastruktur (Umspannwerke, LNG-Terminals, Wasserwerke) ausspionieren oder beschädigen könnten, ist dies eine konsequente Weiterentwicklung des Schutzkonzepts, wie sie der BDEW u.a. im Lobbyregister fordert (Quelle: Lobbyregister.bundestag.de, RV0021348).
Ebenso wichtig ist die intensivierte Kooperation zwischen Kritis-Betreibern und BOS (Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben). In einer Krisenlage muss es klare, eindeutige Führungsstrukturen geben. Die dezentrale Natur unserer Netze erfordert, dass lokale Akteure (die Stadtwerke) eng mit den lokalen Sicherheitsbehörden vernetzt sind. Der Austausch von Informationen und die gemeinsame Übung von Krisenszenarien muss Standard werden.
Strategische Konsequenzen für Stadtwerke
Warum sollte sich das Stadtwerk XYZ jetzt aktiv mit diesen Forderungen auseinandersetzen?
1. Strategische Vorsorge: Die Energiewende ist ein Langstreckenlauf. Jede Investition in EE-Anlagen, in E-Mobilität oder in die Digitalisierung vergrößert unseren digitalen Fußabdruck und damit die Angriffsfläche. Resilienz ist nicht nur eine Pflicht, sie ist die Versicherungspolice für unsere gesamte Transformationsstrategie.
2. Regulatorische Weichenstellung: Jetzt ist der Zeitpunkt, die Forderungen des BDEW aktiv zu unterstützen und eigene Bedarfe in die politischen Prozesse einzubringen. Nur wenn die VNB-Kosten für Resilienzmaßnahmen transparent und anerkannt werden, können wir die notwendigen Investitionen tätigen, ohne die regulatorischen Kennzahlen zu sprengen.
3. Fokus auf das 450-MHz-Rollout: Priorisieren Sie den Aufbau des 450-MHz-Netzes nicht nur als Smart-Meter-Gateway-Kommunikation, sondern als Schwarzfall-Kommunikationsnetz. Es ist die technische Grundlage, um die Flexibilitätspotenziale des §14a EnWG sicher zu heben und gleichzeitig vulnerable Kunden (Krankenhäuser, Pflegeheime) im Krisenfall adäquat versorgen zu können.
Wir dürfen nicht den Fehler machen, auf Krisen zu warten. Die Flutkatastrophe im Ahrtal hat uns drastisch vor Augen geführt, was es bedeutet, wenn in die Krisenvorbereitung nicht ausreichend investiert wurde.
Die Energiewende ist eine gigantische Chance, aber sie ist kein Selbstläufer. Sie erfordert ein robustes, resilientes Netz als Fundament. Die BDEW-Forderungen zeigen den Weg auf, wie wir dieses Fundament politisch und finanziell absichern können. Jetzt müssen die Stadtwerke diesen Weg mit technischer Expertise und strategischem Weitblick beschreiten.