Strommarktdesign

Marktdesign der Zukunft: Wie die systemdienliche Anschlussleistung das Stromnetz entlastet

BET Consulting präsentiert radikale Reformvorschläge zur Synchronisation von Netzausbau und Erneuerbaren Energien

Die Energiewende steht an einem kritischen Wendepunkt. Während wir beim Ausbau der Erneuerbaren Energien (EE) Rekordtempo vorlegen, hinkt die Infrastruktur hinterher. Das Ergebnis? Steigende Redispatch-Kosten, abgeregelte Windparks und frustrierte Projektierer. Doch was, wenn wir nicht mehr versuchen würden, das Netz für das „letzte Kilowatt“ Spitzenlast auszubauen?

BET Consulting hat in Berlin ein Konzept vorgestellt, das genau hier ansetzt. Als Nachhaltigkeits-Strategin sehe ich darin weit mehr als nur ein theoretisches Papier: Es ist die Blaupause für ein Strommarktdesign, das die physikalischen Realitäten unserer Netze endlich mit den ökonomischen Anreizen des Marktes versöhnt. Werfen wir einen Blick unter die Haube dieses 120-Milliarden-Euro-Vorschlags.

Das Dilemma der „Grünen Romantik“ vs. Netzkapazität

Bisher folgten wir oft dem Dogma: Jede Kilowattstunde aus Erneuerbaren muss jederzeit fließen können. Das klingt gut, ist aber physikalisch und ökonomisch ein Albtraum für uns Ingenieure. Wenn wir das Verteilnetz so dimensionieren, dass es auch die seltenen Erzeugungsspitzen eines sonnigen und windigen Sonntags bei minimaler Last verkraftet, bauen wir Kapazitäten, die zu 95 % der Zeit ungenutzt bleiben.

Das BET-Konzept räumt mit dieser „Alles-oder-nichts“-Mentalität auf. Es erkennt an, dass die Integration von Erneuerbaren in das Netz kein Selbstläufer ist, sondern eine präzise Steuerung erfordert. Hier kommt die Systemdienliche Anschlussleistung (SAL) ins Spiel.

Die Revolution der SAL: Schluss mit dem Ausbau für das letzte Kilowatt

Die SAL ist das Herzstück des Vorschlags. Anstatt einer Anlage eine uneingeschränkte Einspeisung ihrer gesamten installierten Leistung zu garantieren, wird eine systemdienliche Grenze definiert. Bis zu dieser SAL-Grenze hat der Betreiber einen garantierten Netzzugang und wird bei Abregelungen (Redispatch) voll entschädigt.

Alles, was darüber hinausgeht, liegt in der Verantwortung des Betreibers. Das bedeutet:

  1. Anreiz zur Sektorkopplung: Der überschüssige Strom über der SAL-Grenze schreit förmlich nach einem Batteriespeicher, einer Wärmepumpe oder einer Elektrolyse-Einheit vor Ort.
  2. Reduzierter Netzausbaubedarf: Wenn wir die Netze nicht mehr auf die absolute Peak-Leistung auslegen müssen, sinken die Kosten massiv. BET spricht von rund 80 Milliarden Euro, die allein bei den Netzkapazitäten eingespart werden könnten.

Für uns Stadtwerke bedeutet das: Wir können mehr Anlagen schneller anschließen, weil die Anforderungen an den lokalen Netzverstärkungsbedarf sinken. Es ist der Abschied vom „Warten auf den Trafo“.

Warum Sie das im Stadtwerk heute beschäftigen muss

Vielleicht denken Sie jetzt: „Das ist Bundespolitik, das betrifft mich erst 2026.“ Doch das ist ein Trugschluss. Die Weichen für dieses Design werden jetzt gestellt, und die Auswirkungen auf Ihre Strategie sind fundamental:

  • Netzplanung 2.0: Wenn die SAL zur Bemessungsgrundlage wird, müssen wir unsere Zielnetzplanungen komplett neu denken. Es geht weg von Kupfer, hin zu Intelligenz und lokaler Flexibilität.
  • Neue Geschäftsmodelle: Als Messstellenbetreiber (MSB) und Energiedienstleister sind wir gefragt. Wenn Anlagenbetreiber ihre Mengen oberhalb der SAL „retten“ wollen, brauchen sie Speicherlösungen und ein intelligentes Energiemanagement. Hier liegen die Margen der Zukunft.
  • §14a EnWG als Vorbote: Die Logik der SAL ähnelt stark der Logik hinter dem §14a EnWG für steuerbare Verbrauchseinrichtungen (Wärmepumpen, Wallboxen). Wer heute lernt, mit gedimmten Leistungen umzugehen, beherrscht morgen das Strommarktdesign.

Flexibilität als zweite Säule: Der Markt muss atmen

Neben der SAL fordert BET eine massive Flexibilisierung auf der Nachfrageseite. Dynamische Strompreise und zeitvariable Netzentgelte sind hier die Schlagworte. Das ist kein technisches „Nice-to-have“ mehr, sondern eine systemische Notwendigkeit.

Mit der MsbG-Novelle 2025 und dem beschleunigten Smart-Meter-Rollout bekommen wir endlich die Werkzeuge in die Hand, um diese Vision umzusetzen. Wir müssen weg von starren Standardlastprofilen (SLP) und hin zu einer echten, datenbasierten Abbildung von Erzeugung und Verbrauch. Nur so können wir die Marktwerte der Erneuerbaren stabilisieren. Wenn die Sonne scheint und der Wind weht, muss der Strom so günstig sein, dass die Sektorkopplung (Power-to-X) wirtschaftlich von ganz alleine anspringt.

Das Optionenmodell: Flexibilität statt Wartezeit

Ein besonders spannender Aspekt für die tägliche Praxis im Stadtwerk ist das vorgeschlagene Optionenmodell. In Netzabschnitten, die bereits an der Belastungsgrenze operieren, könnten Netz- und Anlagenbetreiber individuelle Vereinbarungen treffen.

Die „Fallback-Option“ sieht vor, dass eine Anlage sofort angeschlossen wird, der Betreiber aber im Gegenzug einen Teil der Redispatchkosten übernimmt. Das löst das Henne-Ei-Problem: Die Erzeugung geht ans Netz, während wir als VNB in Ruhe den Ausbau planen können, ohne den Klimaschutz auszubremsen. Es ist ein pragmatischer Deal, der die Verantwortung für die Systemstabilität auf mehrere Schultern verteilt.

Kritik und Realitätscheck: Keine „Grüne Romantik“

Natürlich hat dieser Ansatz Trade-offs. Anlagenbetreiber werden argumentieren, dass ihnen Einnahmen entgehen, wenn sie oberhalb der SAL abgeregelt werden, ohne Kompensation zu erhalten. Hier müssen wir ehrlich sein: Die Energiewende kostet Geld, aber das aktuelle System der pauschalen Entschädigung für nicht produzierten Strom ist volkswirtschaftlich auf Dauer nicht tragbar.

Die SAL zwingt die Akteure zu technischer Innovation. Wer seinen Windpark mit einem Batteriespeicher kombiniert, wird der Gewinner dieses neuen Designs sein. Als Stadtwerke sollten wir diese Rolle des „Enablers“ einnehmen und unsere Kunden bei dieser Transformation begleiten.

Fazit: 2030 wird das Standard sein

Das Konzept von BET Consulting ist ein Weckruf. Es zeigt, dass wir die Klimaziele nur erreichen, wenn wir Kosteneffizienz und Systemphysik priorisieren. Für uns Strategen in den Stadtwerken bedeutet das:

  1. Digitalisierung priorisieren: Ohne iMSB und Echtzeit-Daten ist weder SAL noch Flexibilität steuerbar.
  2. Netzplanung flexibilisieren: Wir müssen lernen, mit Unsicherheiten und dynamischen Grenzen zu planen.
  3. Kunden zu Prosumern machen: Helfen wir unseren Kunden, ihre Flexibilität zu vermarkten.

Die Energiewende ist keine Pflichtübung, sondern die größte Chance für eine technologische Neuausrichtung unserer Branche. Das neue Strommarktdesign gibt uns die Leitplanken dafür. Lassen Sie uns anfangen, diese in unsere lokale Strategie zu integrieren – bevor uns die Realität der Netzengpässe überholt.

Was denken Sie? Ist die systemdienliche Anschlussleistung der Befreiungsschlag für unsere Netze oder ein Hemmschuh für den EE-Ausbau? Ich freue mich auf den Austausch in der Community!

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Emma Energie

Das Stadtwerk kann sich vom reinen Infrastrukturbereitsteller zum Lösungsanbieter für Energiemanagement transformieren. Durch das Angebot von 'Storage-as-a-Service' oder intelligenten Steuerungslösungen zur Eigenverbrauchsoptimierung oberhalb der SAL-Grenze können neue Deckungsbeiträge generiert werden, die den rückläufigen CAPEX-basierten Ertrag aus dem konventionellen Netzausbau kompensieren.

Es müssen automatisierte Schnittstellen zwischen der Netzplanung (Asset Management), der Netzleittechnik und dem Billing geschaffen werden. Da das Optionenmodell eine individuelle Risikoübernahme der Redispatchkosten durch den Betreiber vorsieht, erfordert dies eine präzise Echtzeit-Datenerfassung über iMSB sowie spezialisiertes Fachpersonal, das die komplexen Verträge jenseits der Standard-Einspeisungsverträge rechtlich und wirtschaftlich bewertet.

Die Kommunikation muss den Fokus von der 'Einschränkung' auf die 'Beschleunigung' verschieben. Das Stadtwerk sollte transparent machen, dass die SAL-Logik (ähnlich wie bei §14a) den sofortigen Netzanschluss ermöglicht, statt jahrelange Wartezeiten auf den Netzausbau ('Warten auf den Trafo') in Kauf nehmen zu müssen. Ergänzend sollten dynamische Tarife als wirtschaftlicher Anreiz für die Nutzung von Strommengen oberhalb der SAL-Grenze beworben werden.