Es war ein sonniger Feiertag, der 1. Mai 2024, der vielen Marktakteuren den Schweiß auf die Stirn trieb. Während die Grills angefeuert wurden, drückte eine Flut von Solarstrom den Börsenpreis auf das regulatorische Minimum von minus 499,99 Euro pro Megawattstunde. Fast sechs Millionen Photovoltaik-Anlagen produzierten mit maximaler Kraft – und verursachten Kosten im dreistelligen Millionenbereich. Netzbetreiber mussten Zuzahlungen leisten, um den Strom „loszuwerden“, während Großabnehmer eine „Abfallgebühr“ von fast 50 Cent pro Kilowattstunde erhielten, wenn sie den Strom abnahmen.
Als Nachhaltigkeits-Strategin sage ich Ihnen: Das ist kein Zeichen für das Scheitern der Energiewende. Es ist das deutlichste Signal für eine veraltete Systemarchitektur, die dringend ein Upgrade auf „Flexibilität 2.0“ benötigt. Für uns in den Stadtwerken bedeutet das: Das Zeitalter des reinen Energieverteilens ist vorbei. Wir werden zu Managern von Flexibilität und Systemstabilität.
Die Paradoxie der Fülle: Warum „Zuviel“ teuer wird
Das Problem am 1. Mai war nicht die Sonne. Das Problem war die mangelnde Systemflexibilität. Wenn unflexible fossile Kraftwerke nicht schnell genug herunterfahren können und gleichzeitig Millionen kleiner PV-Anlagen ohne Steuerungssignale einspeisen, gerät das physikalische Gleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch ins Wanken. Die Kosten für diese Fehlsteuerung trägt letztlich die Allgemeinheit über den Bundeshaushalt.
Doch wir dürfen nicht in die Falle der „grünen Romantik“ tappen: Ja, Solarstrom ist umweltfreundlich, aber ohne die entsprechende Netzinfrastruktur und Speichertechnologie wird er zur Belastung für die Netzstabilität. Strombörsen prüfen bereits, die Grenzwerte für negative Preise weiter zu senken. Das würde den Druck auf die Akteure massiv erhöhen.
Warum sollten Sie sich bei Stadtwerk XYZ in Ihrer Rolle damit beschäftigen?
Ganz einfach: Weil diese Volatilität Ihr Kerngeschäft bedroht und gleichzeitig Ihre größte Chance ist. Wenn die Preise ins Bodenlose fallen, sinkt der Wert des Stroms Ihrer eigenen Erzeugungsanlagen. Wenn Sie jedoch in der Lage sind, diese Überschüsse zu speichern oder steuerbare Lasten (§14a EnWG) gezielt zu aktivieren, wandeln Sie ein Netzproblem in ein profitables Geschäftsmodell um.
Die Rettung aus dem Keller: Das Potenzial von Batteriespeichern
Ein Blick in aktuelle Analysen (z. B. willi-netz) zeigt das enorme Potenzial: Hätten wir heute bereits die genehmigten 46 GWh an Batteriespeicherkapazität (mit ca. 25 GW Leistung) am Netz, sähe die Welt anders aus. Diese Speicher hätten am 1. Mai bis zu 86 % der PV-Überschussmenge aufnehmen können.
Physikalisch bedeutet das: Statt den Strom für -500 €/MWh „wegzuwerfen“, würden wir ihn für die Abendstunden sichern, wenn die Preise wieder steigen. Schon der Einsatz von nur 5 GW Speicherleistung (ca. 20 % der genehmigten Leistung) hätte in kritischen Stunden den Preis von -2 €/MWh auf ca. +75 €/MWh anheben können. Speicher wirken preishomogenisierend. Sie kappen die Spitzen (Peak Shaving) und füllen die Täler. Für ein Stadtwerk bedeutet das: Investitionen in Quartiersspeicher oder die Aggregation von Heimspeichern sind keine „Nice-to-have“-Projekte mehr, sondern essenzielle Asset-Strategie.
§14a EnWG: Das Werkzeug für die Netzplanung
Hier kommt die Regulatorik ins Spiel, die ich als Ingenieurin besonders spannend finde. Der §14a EnWG ist unser Hebel. Er erlaubt es uns als Verteilnetzbetreibern (VNB), steuerbare Verbrauchseinrichtungen wie Wärmepumpen und Wallboxen in kritischen Netzsituationen zu dimmen – im Gegenzug für reduzierte Netzentgelte.
Stellen Sie sich vor, wir koppeln die Signale der Strombörse mit der Steuerung nach §14a. Wenn der Preis negativ wird, geben wir das Signal: „Ladestationen auf volle Leistung!“. Wir nutzen das Netz als aktives Element der Sektorkopplung. Das entlastet die Übertragungsnetze und stabilisiert die lokale Spannungshaltung. Bis 2030 wird diese automatisierte Flexibilität der Standard sein. Wer heute nicht die digitalen Grundlagen (Smart Meter Rollout, iMSys) legt, wird die Kontrolle über sein Netz verlieren.
Innovation in der Fläche: Der Moorpark Varel
Dass die Energiewende auch ökologische Synergien heben kann, zeigt ein aktuelles Leuchtturmprojekt: In Varel (Landkreis Friesland) wurde der bundesweit größte Moor-Solarpark eröffnet. Auf einer wiedervernässten Moorfläche produzieren wir Strom für über 9.000 Haushalte und sparen jährlich 23.000 Tonnen CO2 ein.
Warum ist das für Stadtwerke relevant?
- Flächeneffizienz: Wir nutzen Flächen, die landwirtschaftlich schwierig sind (Moor), und kombinieren dies mit Klimaschutz (Wiedervernässung stoppt CO2-Freisetzung aus dem Boden).
- Biodiversität: Begleitende Forschung der Universität Greifswald zeigt, wie solche Parks die lokale Artenvielfalt fördern können.
- Akzeptanz: Durch die Partnerschaft mit örtlichen Landwirten und die fortgesetzte (extensive) Nutzung bleibt die Wertschöpfung in der Region.
Solche Projekte zeigen: Wir müssen PV-Ausbau groß denken, aber systemisch integrieren. Ein Moorpark mit integriertem Großspeicher wäre die logische Konsequenz für die nächste Ausbaustufe.
Strategische Handlungsempfehlungen für Stadtwerke
Was bedeutet das konkret für Ihre Strategie 2025+?
- Monitoring & Transparenz: Investieren Sie in die Digitalisierung Ihrer Ortsnetzstationen. Sie müssen wissen, wo die PV-Einspeisung Ihr Netz an die Grenzen bringt, bevor der Trafo raucht.
- Flexibilitäts-Vermarktung: Bauen Sie Kompetenzen im Bereich virtueller Kraftwerke auf. Die Aggregation von Speichern und §14a-Lasten wird ein zentrales Produkt im Smart Grid.
- Sektorkopplung forcieren: Fördern Sie aktiv den Rollout von Wärmepumpen und E-Mobilität in Kombination mit intelligenten Messsystemen. Dies sind Ihre natürlichen Puffer für Solarspitzen.
- Ganzheitliche Planung: Denken Sie bei neuen PV-Projekten (wie Freiflächenanlagen) den Speicher und die Netzanbindung von Anfang an mit. Reine Einspeise-Anlagen ohne Steuerbarkeit sind ein Auslaufmodell.
Fazit: Vom Getriebenen zum Gestalter
Die Ereignisse vom 1. Mai waren ein Warnschuss, aber auch eine Bestätigung. Die Physik des Netzes lässt sich nicht durch Subventionen überlisten. Wir brauchen ein System, das atmen kann. Als Stadtwerke sitzen wir an der wichtigsten Schnittstelle: Wir sind nah am Kunden (Prosumer) und verantworten das Netz.
Die Energiewende ist keine Pflichtübung, sondern die größte Transformation unserer Branche. Wenn wir Flexibilität als Asset begreifen und die technischen Möglichkeiten von Speichern und intelligenter Steuerung nutzen, werden negative Strompreise von einem Risiko zu einem wertvollen Steuerungssignal. Packen wir es an – technisch fundiert, systemisch gedacht und mit dem Blick fest auf 2030 gerichtet.
Ihre Emma Energie