TOTEX

Paradigmenwechsel im Netzbetrieb: Warum Stadtwerke jetzt von CAPEX auf TOTEX umstellen müssen

Strategische Investitionsplanung zwischen Erlösobergrenzen, Effizienzdruck und dem Risiko von Stranded Assets ab 2026

Hallo, ich bin Regina Recht. In meinen 15 Jahren in der Energieregulierung habe ich viele Reformen kommen und gehen sehen. Doch was uns im Jahr 2026 mit dem Übergang zur 5. Regulierungsperiode (RP) bevorsteht, ist kein bloßes „Update“ der bestehenden Regeln. Es ist ein fundamentaler Umbau der ökonomischen DNA von Stadtwerken. Wer heute noch glaubt, dass das bloße Vergraben von Kupferkabeln (CAPEX) die Erlöse von morgen sichert, wird von der regulatorischen Realität und den Effizienzmechanismen der Bundesnetzagentur (BNetzA) hart abgestraft werden.

Die Kernfrage: Warum müssen Sie sich heute damit beschäftigen?

Stellen Sie sich vor, Sie investieren Millionen in den Netzausbau, um die Wärmewende in Ihrer Stadt zu stemmen. Doch am Ende der Regulierungsperiode stellt die BNetzA fest, dass eine intelligente Steuerung von Wärmepumpen (OPEX) nur einen Bruchteil gekostet hätte. Das Ergebnis: Ihr Effizienzwert sinkt, Ihre Erlösobergrenze wird gekürzt, und Sie sitzen auf sogenannten „Stranded Assets“ – Investitionen, die sich nicht mehr amortisieren. In meiner Rolle als Regulatorik-Expertin sage ich Ihnen: Die Frage „Was müssen wir bauen?“ ist veraltet. Die neue Leitfrage lautet: „Welcher Mix aus Investition und Betrieb optimiert unsere TOTEX unter Berücksichtigung der regulatorischen Anreize?“


1. Der Status Quo: Der „CAPEX-Bias“ und seine Grenzen

Bisher folgte die Anreizregulierung (ARegV) einer klaren Trennung. Kapitalgebundene Kosten (CAPEX), also Abschreibungen und die kalkulatorische Eigenkapitalverzinsung gemäß § 7 GasNEV / StromNEV, bildeten das Rückgrat der Erlöse. Operative Kosten (OPEX), wie Personal oder Instandhaltung, wurden über den Effizienzvergleich (§ 12 bis § 15 ARegV) unter Druck gesetzt.

Dieser Mechanismus erzeugte einen sogenannten „CAPEX-Bias“. Es war für Netzbetreiber ökonomisch rational, Sachanlagen aufzubauen, da diese eine garantierte Verzinsung versprachen. Innovative Lösungen, wie der Zukauf von Flexibilitätsdienstleistungen oder softwarebasierte Netzoptimierung, galten als OPEX und „fraßen“ den Gewinn auf, da sie die operativen Kosten erhöhten, ohne die Kapitalbasis zu stärken.

2. Der Schwenk zu TOTEX: Was ändert sich 2026?

Die BNetzA und das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) haben erkannt, dass dieses System die Energiewende ausbremst. In aktuellen Konsultationspapieren und Stellungnahmen (vgl. Rechercheergebnisse [1], [2]) wird deutlich: Eine fokussierte CAPEX-Verzinsung setzt nicht mehr die richtigen Anreize für ein smartes Netz.

TOTEX (Total Expenditure) betrachtet die Gesamtkosten. Es spielt regulatorisch keine Rolle mehr, ob ein Euro in einen neuen Transformator (CAPEX) oder in eine Software zur Laststeuerung (OPEX) fließt.

Die regulatorische Begründung: Durch den Entfall der Differenzierung nach OPEX und CAPEX soll eine „Technologieneutralität“ erreicht werden. Ziel ist es, dass Netzbetreiber die volkswirtschaftlich günstigste Lösung wählen. Wenn die Beschaffung von Flexibilität nach § 14a EnWG günstiger ist als der Netzausbau, muss das System dies belohnen, statt es durch OPEX-Effizienzwerte zu bestrafen.

3. Effizienzvergleich: TOTEX vs. sTOTEX

Ein kritischer Punkt in der neuen Logik ist die Ermittlung des Effizienzwertes. Hier führt die BNetzA zunehmend eine Mittelwertgewichtung ein (vgl. [6], [7]).

  • TOTEX: Die tatsächlichen Gesamtkosten Ihres Unternehmens.
  • sTOTEX (standardized TOTEX): Ein vom Regulator bereinigter Wert, der Unternehmen vergleichbar macht.

Die Herausforderung für Stadtwerke: Wenn Sie hohe Kapitalkosten haben, aber gleichzeitig ineffiziente operative Prozesse, wird die Durchschnittsbildung Ihren finalen Effizienzwert drücken. Das bedeutet: Sie können eine schlechte operative Performance nicht mehr einfach durch massive Investitionen in die Substanz „kaschieren“. Jede Investition muss sich im Sinne der Gesamteffizienz rechtfertigen.

4. Das Risiko der „Stranded Assets“ und § 19a EnWG

Besonders brisant ist die Lage im Gasnetz. Mit dem § 19a EnWG wurde die Grundlage für die Stilllegung von Gasnetzen geschaffen. Wer hier heute noch massiv in CAPEX investiert, ohne einen klaren Transformationsplan zu Wasserstoff zu haben, riskiert, dass diese Anlagen vor Ende ihrer technischen Lebensdauer aus der Regulierung fallen.

Die TOTEX-Logik zwingt Sie dazu, das Portfolio-Risiko zu bewerten: Lohnt sich die Instandhaltung (OPEX) eines alten Gasstrangs noch, oder investieren wir das Kapital (CAPEX) lieber sofort in die Verstärkung des Stromnetzes, um die Wärmepumpen-Lasten nach § 14a EnWG abzufangen?

5. Strategische Handlungsempfehlungen für die Praxis

Wie bereiten Sie Ihr Stadtwerk auf den Stichtag 2026 vor? Hier ist mein regulatorischer Fahrplan:

  1. Integrierte Asset-Planung: Brechen Sie die Silos zwischen Netzplanung (Technik) und Controlling (Finanzen) auf. Jede Maßnahme muss auf ihre Wirkung auf das Regulierungskonto (§ 5 ARegV) und den künftigen TOTEX-Effizienzwert geprüft werden.
  2. Flexibilität als Asset begreifen: Nutzen Sie die Möglichkeiten des § 14a EnWG. Die aktive Steuerung von steuerbaren Verbrauchseinrichtungen ist kein „lästiges Übel“, sondern ein Instrument zur TOTEX-Optimierung.
  3. Datenqualität bei EDIFACT-Prozessen: Die Marktkommunikation (GPKE, WiM) liefert die Datenbasis für Ihre Bilanzierung und damit für die MaBiS-Prozesse. Nur wer seine Lastflüsse präzise kennt, kann dynamische Bewertungen vornehmen (vgl. [9]) und Überinvestitionen vermeiden.
  4. Monitoring der BNetzA-Beschlusskammern: Behalten Sie die Festlegungen der BK4 (Strom) und BK9 (Gas) im Auge. Die Details zur 5. Regulierungsperiode werden jetzt in Konsultationsverfahren festgezurrt.

Fazit: Vom Verwalter zum Portfolio-Manager

Die Regulierung wandelt sich von einer statischen Kostenbetrachtung hin zu einer dynamischen Effizienzsteuerung. Für Stadtwerke bedeutet das: Sie müssen lernen, wie ein Portfolio-Manager zu denken. Es geht nicht mehr darum, das größte Netz zu haben, sondern das effizienteste Gesamtsystem aus Anlagen und Prozessen.

Der Übergang von CAPEX zu TOTEX ist schmerzhaft, weil er liebgewonnene Sicherheiten (die kalkulatorische Verzinsung auf alles, was glänzt) infrage stellt. Aber er bietet auch die Chance, Innovationen endlich ökonomisch sinnvoll im Unternehmen zu verankern.

Bleiben Sie rechtssicher und effizient – die 5. Regulierungsperiode wartet nicht.

Ihre Regina Recht

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Regina Recht

Das Stadtwerk muss von der rein investitionsgetriebenen Logik abrücken und eine integrierte Asset-Planung einführen. Da ab 2026 im TOTEX-Modell die regulatorische Bevorzugung von Sachanlagen (CAPEX-Bias) entfällt, sollte durch Simulationsrechnungen geprüft werden, ob die Steuerung von Wärmepumpen und Wallboxen (OPEX) langfristig kosteneffizienter ist als das 'Vergraben von Kupfer'. Ziel ist die Optimierung des sTOTEX-Wertes, um bei der BNetzA-Effizienzprüfung nicht durch teure, aber vermeidbare Infrastrukturprojekte abgewertet zu werden.

Es müssen die bestehenden Silos aufgebrochen werden: Die Netzplanung darf Maßnahmen nicht mehr isoliert technisch betrachten, sondern muss deren Wirkung auf das Regulierungskonto (§ 5 ARegV) gemeinsam mit dem Controlling bewerten. Zudem ist eine Taskforce für Datenqualität essenziell, die sicherstellt, dass die Marktkommunikation präzise Lastflussdaten liefert. Nur eine valide Datenbasis ermöglicht die von Regina Recht geforderte dynamische Bewertung, die verhindert, dass ineffiziente operative Prozesse den Gesamteffizienzwert (sTOTEX) nach unten ziehen.

Die neue Regulatorik zwingt das Stadtwerk in die Rolle eines Portfolio-Managers. Statt wie bisher Instandhaltung und Erneuerung des Gasnetzes als garantierte Erlösquelle über die Eigenkapitalverzinsung zu sehen, muss jede Investition gegen die Stilllegungsoption nach § 19a EnWG geprüft werden. Wirtschaftlich sinnvoll ist es nun, OPEX im Gasbereich (Instandhaltung) nur dort einzusetzen, wo eine Transformation zu Wasserstoff realistisch ist, während freiwerdendes Kapital prioritär in die Verstärkung des Stromnetzes fließen sollte, um die Technologieneutralität des TOTEX-Ansatzes optimal zu nutzen.