E.ON-Chef Birnbaum fordert das Ende der PV-Förderung. Für Stadtwerke ist diese Debatte weit mehr als eine fiskalische Frage: Sie markiert den systemischen Übergang von der subventionierten Einspeisung zur vollen Marktintegration. Wir müssen jetzt strategisch handeln, um Netzkostenexplosionen zu vermeiden und die soziale Gerechtigkeit zu gewährleisten. Der Schlüssel liegt in Flexibilität und Sektorkopplung.
PV-Förderstopp: Der Weg zur Marktintegration und die neue Rolle des Verteilnetzbetreibers
Als Ingenieurin für Erneurbare Energien und Netzplanung sehe ich die aktuellen Forderungen nach einem Ende der staatlichen PV-Förderung nicht primär als politische Sparmaßnahme, sondern als logische Konsequenz einer erfolgreichen Technologieentwicklung. Photovoltaik ist reif. Die Stromgestehungskosten (LCOE) sind in vielen Regionen wettbewerbsfähig. Die Frage ist nicht mehr ob PV kommt, sondern wie wir sie intelligent in unser Energiesystem integrieren.
E.ON-Chef Leonhard Birnbaum hat mit seinem Vorschlag (geäußert in jüngsten Medieninterviews), kleine Solaranlagen nicht mehr zu fördern, eine notwendige Debatte angestoßen. Er betont dabei zwei zentrale, systemrelevante Punkte, die jedes Stadtwerk und jeden Verteilnetzbetreiber (VNB) direkt betreffen: die Marktintegration und die soziale Gerechtigkeit der Netzkostenverteilung.
1. Der systemische Wandel: Von der Einspeisevergütung zur Systemdienlichkeit
Seit dem EEG 2023 ist der Abschied von der reinen Subventionslogik bereits eingeleitet. Die Förderung von PV diente lange Zeit als Anschubfinanzierung für eine junge Technologie. Heute erleben wir, wie die Degression der Einspeisevergütung und der Wegfall des Eigenverbrauchsbonus für Altanlagen (wie bereits 2012 geschehen) die Betreiber dazu anregt, den Eigenverbrauch zu maximieren und die Anlagen systemdienlicher zu betreiben.
Die aktuellen Regelungen, wie der Wegfall der EEG-Förderung bei viertelstündlichen negativen Preisen (für Neuanlagen), sind ein klares Signal des Marktes: Wer einspeist, wenn das Netz bereits überlastet ist, wird nicht belohnt. Für ab 2025 in Betrieb genommene Anlagen wird zudem das sogenannte Marktmengenmodell relevant. Diese Mechanismen zwingen die Erzeuger, sich aktiv mit dem Markt und den Netzbedingungen auseinanderzusetzen.
Für Stadtwerke und VNB bedeutet das: Die Steuerung der dezentralen Erzeugung wird komplexer, aber auch notwendiger. Wir müssen weg von der passiven Abnahme und hin zur aktiven Orchestrierung der Flexibilität. Wenn die Förderung fällt, müssen wir als VNB Anreize für systemdienliches Verhalten schaffen, beispielsweise durch flexible Tarife oder die Nutzung von §14a EnWG.
2. Die Netz- und Gerechtigkeitsfalle: Warum die Netzkosten unter Druck stehen
Birnbaums Kritik trifft einen wunden Punkt der Energiewende-Architektur: Während Prosumer von der Infrastruktur profitieren und sie gleichzeitig belasten, tragen Mieter – die von der dezentralen Erzeugung oft nicht profitieren können – die vollen Netzkosten.
Eine zentrale Ursache für den Druck auf die Netzentgelte liegt in der massiven Notwendigkeit des Netzausbaus. Jede zusätzliche PV-Anlage, ob gefördert oder nicht, muss in das Niederspannungsnetz integriert werden. Die Netze wurden historisch für eine Top-Down-Versorgung konzipiert, nicht für die bidirektionale Flutung durch Millionen dezentraler Erzeuger.
Wir müssen unsere Netze für die maximalen Last- und Einspeisespitzen auslegen – für die Worst-Case-Szenarien. Diese Ausbaukosten werden über die Netzentgelte auf alle Verbraucher umgelegt. Wenn die Zahl der Prosumer steigt, die ihre Netzkosten durch Eigenverbrauch minimieren, tragen die verbleibenden reinen Verbraucher (oft Mieter) einen überproportional hohen Anteil der notwendigen Netzinvestitionen. Dies ist die soziale Schieflage, die wir als VNB aktiv adressieren müssen.
Strategische Handlungsfelder für VNBs:
Um die Netzkostenexplosion zu dämpfen und die soziale Gerechtigkeit zu verbessern, müssen wir den Fokus von der reinen Einspeisung auf die Netzoptimierung verlagern:
A. Flexibilität statt Netzausbau priorisieren
Anstatt teuren und langwierigen Netzausbau zu betreiben, müssen wir Flexibilitätspotenziale im Netz heben. Hier kommt der §14a EnWG ins Spiel. Die netzdienliche Steuerung steuerbarer Verbrauchseinrichtungen (E-Autos, Wärmepumpen, Batteriespeicher) ist der Schlüssel. Diese Geräte sind keine reinen Lasten mehr, sondern aktive Systemkomponenten, die Überlastungen im Niederspannungsnetz aktiv vermeiden können.
Die strategische Rolle des Stadtwerks: Wir müssen als VNB die Transparenz über verfügbare Netzanschlusskapazitäten erhöhen und Mechanismen schaffen, um Flexibilität zu monetarisieren. Dies erfordert Investitionen in intelligente Messsysteme (iMS) und eine performante Steuerungsplattform. Nur so können wir die Netznutzung entzerren und die Kosten für teure Spitzenlastkapazitäten reduzieren.
B. Sektorkopplung als Geschäftsmodell etablieren
Der Wegfall der PV-Förderung beschleunigt den Trend zum Eigenverbrauch. Dieser Eigenverbrauch muss jedoch systemdienlich gestaltet werden. Sektorkopplung – die Nutzung von PV-Überschuss, um Wärme zu erzeugen (Wärmepumpe) oder Mobilität zu ermöglichen (E-Auto laden) – ist die effektivste Methode, um die erzeugte Energie lokal zu verbrauchen und damit die Belastung des Verteilnetzes zu minimieren.
Das Stadtwerk hat die einmalige Chance, durch integrierte Angebote (PV + Speicher + WP + Ladeinfrastruktur) die Sektoren intelligent zu vernetzen. Wir helfen dem Kunden, seinen Eigenverbrauch zu optimieren, und entlasten gleichzeitig unser Netz. Das ist ein Win-Win, der die Akzeptanz der Energiewende auch bei Mietern erhöhen kann, wenn wir innovative Mieterstrommodelle entwickeln, die von der Netzoptimierung profitieren und auch quartierübergreifend konzipiert sind.
C. Transparenz als Steuerungsinstrument nutzen
Die Forderung nach mehr Transparenz für Anschlussnehmer, wie sie in den jüngsten Gesetzesinitiativen, etwa rund um das Netzanschluss-Portal nach § 14c EnWG, verankert wird, ist essenziell. Wenn wir wissen, wo Engpässe drohen, können wir gezielte Investitionen tätigen oder Flexibilitätsanreize setzen.
Emmas Fazit: Das Ende der Förderung ist der Startschuss für die Systemintegration
Die Debatte um den Förderstopp ist ein Indikator dafür, dass die Energiewende in die nächste, komplexere Phase eintritt: die Phase der systemischen Optimierung. Wir können uns nicht mehr auf das EEG als alleinigen Treiber verlassen. Die Zukunft der PV liegt in der vollen Marktintegration, gekoppelt mit Speichertechnologie und intelligentem Lastmanagement.
Für Stadtwerke ist dies eine strategische Chance. Wir sind die Hüter des Verteilnetzes und die Schnittstelle zum Prosumer. Wir müssen jetzt die Digitalisierung unserer Netze vorantreiben, um 2030 nicht in einem überlasteten und ungerechten System zu stecken.
Was heute zu tun ist: Die Netzplanung muss Flexibilität als primären Rohstoff begreifen. Wir müssen die Daten aus unseren iMS nutzen, um vorausschauend zu agieren, und innovative Preismodelle entwickeln, die nicht nur die Erzeugung, sondern auch die netzdienliche Nutzung von Strom belohnen. Die Energiewende ist keine Pflichtübung, sondern eine technische Transformation, die Weitblick und systemisches Handeln erfordert.