RED III

RED III: Der Beschleunigungs-Turbo für das Netz – Jetzt beginnt die lokale Flexibilitäts-Pflicht

Die nationale Umsetzung der EU-Richtlinie klärt zentrale Genehmigungsfragen. Was bedeutet das für die VNB-Planung 2026?

Kommentar von Emma Energie

Die Energiewende im Eiltempo: Warum der 23. Dezember 2025 ein strategisches Datum ist

Als Ingenieurin und Nachhaltigkeits-Strategin sehe ich die Energiewende als ein gigantisches, vernetztes System. Jede Gesetzesänderung – insbesondere auf EU-Ebene – ist ein systemischer Impuls, der sich von den Übertragungsnetzen (ÜNB) bis in die kleinste Ortsnetzstation (VNB) durchschlägt.

Die nationale Umsetzung der EU-Erneuerbaren-Energien-Richtlinie (RED III), die am 23. Dezember 2025 in Kraft trat, ist kein trockenes Verwaltungsthema. Es ist der notwendige regulatorische Turbogang, um die Ziele der Dekarbonisierung bis 2030 überhaupt noch erreichen zu können. Die zentrale Botschaft lautet: Infrastruktur hat Priorität.

Für uns Stadtwerke und Verteilnetzbetreiber (VNBs) stellt sich sofort die systemische Frage: Was bedeutet diese Beschleunigung auf der Großinfrastruktur-Seite für unsere lokalen Netze? Die Antwort ist klar: Wir müssen unsere Flexibilitätspotenziale schneller heben und unsere Netzplanung robuster gestalten.


Beschleunigung als Blaupause: Die Infrastrukturgebiete

Das Kernelement der RED III-Umsetzung ist die Möglichkeit, Infrastrukturgebiete auszuweisen. In diesen Gebieten werden Genehmigungsverfahren für den Ausbau erneuerbarer Energien und der zugehörigen Netzinfrastruktur erheblich vereinfacht. Dies geschieht vor allem durch Erleichterungen bei den Umweltprüfungen – ein jahrzehntelanger Bremsklotz der Energiewende.

Dieser Mechanismus ist strategisch brillant, weil er die Systemrelevanz der Energiewende-Projekte endlich rechtlich verankert. Die Idee, dass ein Netzausbauprojekt, das der gesamten Gesellschaft dient, nicht in denselben zeitaufwendigen Prüfschleifen hängen darf wie ein rein privates Bauvorhaben, ist essenziell.

Warum ist das für das Stadtwerk XYZ relevant?

Auch wenn die ersten Infrastrukturgebiete primär für große Wind- oder Offshore-Anbindungen ausgewiesen werden, etabliert das Gesetz einen neuen Standard für die Genehmigungskultur. Wir sehen hier die Vorlage für zukünftige Vereinfachungen im Verteilnetz. Denken Sie an die Anbindung großer Sektorkopplungs-Hubs (z.B. große Industriewärmepumpen oder Power-to-X-Anlagen) – diese benötigen oft neue Hochspannungsleitungen oder Umspannwerke. Wenn der Grundsatz der beschleunigten, vereinfachten Prüfung in der Verwaltungspraxis verankert ist, profitieren wir alle davon.

Wir müssen jetzt aktiv prüfen, inwieweit diese neuen Beschleunigungsinstrumente auch auf unsere regionalen Projekte adaptiert werden können, die zur Netzstabilisierung und zur Anbindung lokaler Erneuerbarer dienen.


Offshore-Wind: Mehr Planungssicherheit, aber weiterhin Herausforderungen

Die Regelungen zur Offshore-Windenergie zeigen, wie kompliziert die Verzahnung von Markt, Netz und Realität ist. Die Verlängerung der Realisierungsfrist für Offshore-Windparks von sechs auf zwölf Monate ist pragmatisch. Sie erkennt an, dass der Bau dieser Großprojekte komplex und wetterabhängig ist. Dies erhöht die Planungssicherheit für die ÜNBs und damit indirekt auch für uns VNBs.

Allerdings bleibt die Herausforderung im Ausschreibungsdesign (wie vom BDEW kritisiert). Die Tatsache, dass für die nächste Ausschreibung im Juni 2026 Flächen vorgesehen sind, für die 2025 keine Gebote abgegeben wurden, signalisiert eine Diskrepanz zwischen politischem Ziel und Marktanreiz. Als Systemikerin weiß ich: Ein Netz ist nur so stark wie seine schwächsten Glieder. Wenn die Erzeugungsseite (Offshore) nicht stabil und attraktiv genug geplant ist, verzögert sich der gesamte Hochlauf der grünen Elektrifizierung.

Der Systemische Blick: Mehr Offshore-Wind bedeutet einen massiven, fluktuierenden Leistungseintrag in die Höchstspannungsebene. Dieser Leistungsfluss muss durch das gesamte Netz bis zum Verbraucher gemanagt werden. Wenn der Ausbau jetzt beschleunigt wird, müssen VNBs ihre Hausaufgaben bei der Spannungshaltung und dem Engpassmanagement umso schneller erledigen. Wir reden hier nicht von 2040 – wir reden von den nächsten fünf Jahren.


Der entscheidende Erfolg: Klarheit für den Netzausbau im EnWG

Die vielleicht wichtigste Klarstellung für die VNB-Welt fand im Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) statt. Hier konnten zentrale Forderungen der Branche durchgesetzt werden, die direkt die Genehmigung von Verteilnetzprojekten betreffen:

  1. Streichung der „besonders sensiblen Gebiete“: Die 1:1-Umsetzung der RED III ohne die zusätzliche, national eingeführte Schutzgebietskategorie verhindert unnötige Verkomplizierungen und Doppelprüfungen. Dies ist ein direkter Zeitgewinn für alle Netzausbauprojekte.
  2. Präzisierung der Prüfmaßstäbe (§§ 43m und 43n EnWG): Die Festlegung, für welche Arten zusätzliche Minderungsmaßnahmen erforderlich sind, ohne zusätzliche Kartierungen vorzuschreiben, ist ein genialer Schachzug zur Vermeidung von Doppelprüfungen. Diese Präzisierung schafft rechtliche Sicherheit und beschleunigt die Projekte, die zur Netzintegration lokaler Erneuerbarer dienen.

Diese juristische Präzision im EnWG beweist: Die Politik hat verstanden, dass der Netzausbau nicht nur ein technisches, sondern vor allem ein administratives und juristisches Nadelöhr ist. Die neuen Maßstäbe geben uns VNBs ein klareres Werkzeug an die Hand, um unsere Projekte durch die Genehmigungsinstanzen zu bringen – schneller, planbarer und effizienter.

Emmas Fazit: Vom nationalen Tempo zur lokalen Flexibilitäts-Pflicht

Die nationale Umsetzung der RED III ist ein Meilenstein für die Beschleunigung der Energiewende-Infrastruktur. Sie verschiebt den Fokus der Herausforderung.

Wenn die überregionale Infrastruktur nun schneller kommt, muss die lokale Flexibilität nachziehen. Das ist der Punkt, warum sich jeder Stadtwerk-Manager und jede Netzplanerin intensiv mit RED III beschäftigen muss:

Die Beschleunigung auf der Übertragungsnetz-Ebene erhöht den Druck auf die Verteilnetze.

Wir müssen jetzt die Flexibilitätspotenziale unserer Kunden mobilisieren. Das bedeutet: Volle Konzentration auf die Umsetzung von §14a EnWG für steuerbare Verbrauchseinrichtungen (Wärmepumpen, E-Autos). Diese Geräte sind keine passiven Verbraucher mehr, sondern aktive Systemdienstleister, die zur Spannungshaltung und zur Vermeidung lokaler Engpässe beitragen, die durch den beschleunigten Zubau entstehen.

Meine strategische Empfehlung für 2026:

  1. Interne Prozesse anpassen: Nutzen Sie die Klarstellungen in den §§ 43m/n EnWG, um interne Genehmigungs- und Planungsabläufe zu straffen. Fordern Sie diese Beschleunigung aktiv bei den Genehmigungsbehörden ein.
  2. Flexibilitäts-Roadmap schärfen: Der Hochlauf der E-Mobilität und der Wärmepumpen wird durch die nationale Beschleunigung unaufhaltsam. Bereiten Sie Ihre Netzleittechnik und Ihre Marktmodelle darauf vor, diese Flexibilität zur Netzoptimierung zu nutzen. 2030 wird das Standard sein – wir müssen 2026 die Grundlagen legen.
  3. Netzplanung neu denken: Der beschleunigte Ausbau erfordert ein höheres Tempo bei der Digitalisierung und beim Monitoring. Nur wer weiß, wo die Engpässe entstehen, kann sie mithilfe von Flexibilität (statt teurem, langwierigem Netzausbau) managen.

RED III ist die Chance, die Energiewende endlich aus der administrativen Blockade zu befreien. Aber diese Chance verpflichtet uns, auf lokaler Ebene mit derselben Konsequenz und Geschwindigkeit zu handeln.

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Emma Energie

Die Anpassung erfordert die Erstellung neuer, standardisierter Antragsdokumente, die die Systemrelevanz und die bereits durchgeführten Vorprüfungen explizit hervorheben, sowie die Schulung der Planungs- und Rechtsabteilungen, um die Beschleunigung aktiv bei den Genehmigungsbehörden einzufordern und administrative Redundanzen zu eliminieren.

Der ROI muss primär über die Vermeidung von teurem und langwierigem traditionellem Netzausbau (verhinderte CAPEX) und die Reduktion von Engpassmanagement-Kosten (Redispatch/OPEX) quantifiziert werden. Die Investition in Digitalisierung ermöglicht eine effizientere Nutzung vorhandener Assets und minimiert das Risiko von Netzüberlastungen, die durch den beschleunigten Zubau entstehen.

Strategische Kommunikation muss die Systemnotwendigkeit der Beschleunigung und der Flexibilitätsmaßnahmen betonen. Es müssen neue Kommunikationskanäle etabliert werden, die den Kundennutzen der steuerbaren Geräte (z.B. finanzielle Anreize für Flexibilität) transparent machen, um eine aktive Teilnahme zu fördern, anstatt nur regulatorische Eingriffe zu verwalten.