BBPlG

Renaissance der Freileitung: Wie der neue Bundesbedarfsplan die Netzkosten bändigt

Das Bundeskabinett kippt den Erdkabelvorrang – ein entscheidender Hebel für stabile Netzentgelte und schnellere Sektorkopplung.

Die Energiewende ist kein statisches Ziel, sondern ein hochdynamischer Prozess, der uns technisch wie ökonomisch alles abverlangt. Als Ingenieurin betrachte ich das Stromnetz gerne als das Nervensystem unserer Gesellschaft: Es muss wachsen, es muss belastbar sein, und vor allem muss es bezahlbar bleiben. Mit dem Regierungsentwurf zur Änderung des Bundesbedarfsplangesetzes (BBPlG) vom 29. April 2026 hat das Bundeskabinett eine Entscheidung getroffen, die das Gesicht der deutschen Energielandschaft bis 2030 und darüber hinaus massiv prägen wird.

Der Kern der Botschaft: Der pauschale Vorrang für Erdkabel bei neuen Gleichstrom-Vorhaben (HGÜ) fällt. Was auf den ersten Blick wie ein Rückschritt in die Ära der Stahlgittermasten wirkt, ist bei genauerer Betrachtung eine notwendige Korrektur, um die Systemkosten der Energiewende im Zaum zu halten. Für uns in der Energiewirtschaft – und besonders für Sie in den Stadtwerken – ist das ein Signal mit enormer Tragweite.

Der Status Quo: Warum der Kurswechsel kommt

Bisher galt das Dogma: Gleichstrom-Großprojekte werden unter die Erde gelegt, um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen. Doch diese Akzeptanz wurde teuer erkauft. Erdkabel in der Höchstspannungsebene sind technisch komplex, wartungsintensiv und verursachen Baukosten, die das Vier- bis Achtfache einer klassischen Freileitung betragen können.

Der neue Entwurf sieht vor, 45 zusätzliche Netzausbauvorhaben in den Bundesbedarfsplan aufzunehmen und 13 bestehende anzupassen. Die energiewirtschaftliche Notwendigkeit ist unbestritten – wir brauchen die Kapazitäten für den Abtransport von Offshore-Windstrom und die Versorgung der Lastzentren im Süden. Doch die Bundesregierung erkennt nun an, dass die explodierenden Netzkosten eine Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland und die Akzeptanz der Energiewende insgesamt darstellen. Durch den künftigen Standard der Freileitung sollen Milliardenbeträge eingespart werden, was direkt die Netzentgelte entlasten soll.

Warum sollte Sie das im Stadtwerk interessieren?

Vielleicht denken Sie jetzt: „Das sind Übertragungsnetze (ÜNB), wir sind ein Verteilnetzbetreiber (VNB). Was hat das mit meinem Tagesgeschäft zu tun?“ Die Antwort lautet: Alles. Das Stromnetz ist ein physikalisches und ökonomisches Kontinuum.

1. Die Kostenkaskade und Ihre Netzentgelte Die Kosten für den Ausbau der Übertragungsnetze werden über die Netzentgelte auf die Letztverbraucher umgelegt. Als Stadtwerk stehen Sie an der Schnittstelle zum Kunden. Wenn die Übertragungsnetzentgelte steigen, steigt der Druck auf Ihre Endkundenpreise. Ein effizienterer Ausbau auf der Höchstspannungsebene schafft Ihnen Spielraum bei der Gestaltung Ihrer eigenen Tarife und sichert die Akzeptanz für die Wärmewende und E-Mobilität vor Ort.

2. Beschleunigung der Sektorkopplung Wir planen derzeit massiv die Integration von steuerbaren Verbrauchseinrichtungen nach § 14a EnWG. Wärmepumpen und Wallboxen benötigen ein stabiles Rückgrat. Jeder Kilometer Erdkabel, der aufgrund technischer Hürden oder langwieriger Genehmigungsverfahren den Netzausbau verzögert, gefährdet die rechtzeitige Bereitstellung von Leistung. Freileitungen sind in der Regel schneller zu realisieren und einfacher zu reparieren. Für Ihre Strategie 2030 bedeutet das: Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass die benötigte Leistung aus dem Norden auch tatsächlich dann ankommt, wenn Ihre lokalen Flexibilitätspotenziale ausgeschöpft sind.

3. Die Akzeptanz-Front vor Ort Stadtwerke sind die vertrauten Energieexperten vor Ort. Wenn nun wieder verstärkt Freileitungen geplant werden, sind Sie es, die die Fragen der Bürger beantworten müssen. Hier ist technisches Fundament gefragt: Warum ist die Freileitung für die Dekarbonisierung unserer Stadt wichtig? Wie hängen die Kostenersparnis und die lokale Strompreisentwicklung zusammen? Sie werden zum Botschafter einer systemischen Gesamtlösung.

Technische Realitäten: Physik schlägt Romantik

Als Ingenieurin muss ich betonen: Erdkabel sind keine „unsichtbare Wunderlösung“. Sie haben thermische Herausforderungen, beeinflussen den Bodenhaushalt und erfordern bei HGÜ-Technik komplexe Konverterstationen. Freileitungen hingegen sind eine bewährte, hochgradig effiziente Technologie. Durch die Aufhebung des Vorrangs kehren wir zur ingenieurtechnischen Vernunft zurück: Das beste Mittel für den jeweiligen Zweck wählen, statt eine teure Technologie politisch vorzuschreiben.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Wenn Trassen mit bereits bestehenden Erdkabeln gebündelt werden können, bleibt es beim Kabel. Das ist sinnvoll, um Flächenverbrauch zu minimieren. Doch der Standard wird wieder die Freileitung – und das ist gut für die Netzstabilität. Freileitungen haben eine natürliche Kühlung durch die Umgebungsluft, was bei den immer häufigeren Extremwetterereignissen und hohen Lastflüssen ein nicht zu unterschätzender Vorteil ist.

Strategische Implikationen für die Netzplanung

Die Aufnahme der 45 neuen Vorhaben in den BBPlG verdeutlicht den massiven Handlungsbedarf. Für Stadtwerke bedeutet dies:

  • Monitoring der Einspeisepunkte: Prüfen Sie, wie die neuen Vorhaben die Koppelpunkte zu Ihrem Verteilnetz beeinflussen. Entstehen neue Einspeisemöglichkeiten für regionale Erneuerbare?
  • Flexibilitätsvermarktung: Ein schnellerer Ausbau des Übertragungsnetzes verändert die Redispatch-Dynamik. Das hat Auswirkungen auf die Bewertung Ihrer lokalen Flexibilitäten (z.B. Biogasanlagen oder Quartierspeicher).
  • ESG-Reporting: Die Reduktion der Systemkosten der Energiewende ist ein starkes Argument in Ihrem Nachhaltigkeitsbericht. Sie unterstützen ein System, das ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit vereint.

Fazit: Ein mutiger Schritt Richtung 2030

Der Verzicht auf den Erdkabelvorrang ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Reife. Wir haben erkannt, dass wir uns den „Luxus“ der Unsichtbarkeit bei den Netzkosten nicht mehr in jedem Fall leisten können, wenn wir gleichzeitig die Industrie dekarbonisieren und die Haushalte elektrifizieren wollen.

Für Sie im Stadtwerk bedeutet das: Stellen Sie sich auf eine beschleunigte Dynamik im Netzausbau ein. Nutzen Sie die Kosteneffizienz als Argument für die Energiewende. Wir bauen nicht nur Masten – wir bauen das Fundament für eine klimaneutrale Wirtschaft. 2030 wird diese pragmatische Entscheidung als einer der Hebel gelten, der die Energiewende bezahlbar gehalten hat.

Packen wir es an – mit technischem Verstand und dem Blick für das große Ganze!

Ihre Emma Energie

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Emma Energie

Da die Kosten der Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) über die Netzentgeltkaskade an die Verteilnetzbetreiber und schließlich an die Letztverbraucher weitergegeben werden, führt der günstigere Freileitungsausbau zu einer signifikanten Dämpfung der Netzentwicklungskosten. Für ein Stadtwerk dieser Größe reduziert dies den Preisdruck bei den Endkunden-Stromtarifen, was die Wirtschaftlichkeit von stromintensiven Anwendungen wie Wärmepumpen erhöht und somit die lokale Dekarbonisierungsstrategie absichert.

Das Stadtwerk sollte sich als Vermittler der 'ingenieurtechnischen Vernunft' positionieren. Basierend auf dem Artikel kann argumentiert werden, dass Freileitungen nicht nur Milliarden an Systemkosten sparen und somit die Strompreise stabilisieren, sondern auch technische Vorteile wie natürliche Luftkühlung und schnellere Reparaturzeiten bei Extremwetter bieten. Die Freileitung wird so vom 'störenden Mast' zum notwendigen Fundament für eine bezahlbare Wärmewende und sichere E-Mobilität vor Ort umgedeutet.

Durch die 45 neuen Netzausbauvorhaben und die Beschleunigung durch Freileitungen verändert sich die zeitliche Verfügbarkeit von Übertragungskapazitäten. Stadtwerke müssen ihre Lastflussmodellierung und die Bewertung lokaler Flexibilitäten (z.B. Quartierspeicher) an die neuen Zeitpläne des BBPlG anpassen. Da die Leistung aus dem Norden durch den Verzicht auf komplexe Erdkabel-Konverter schneller im Süden ankommen kann, verändern sich die Redispatch-Dynamiken, was eine engere strategische Abstimmung mit dem vorgelagerten ÜNB an den Einspeisepunkten erfordert.