Resilienz als neue Netzplanung: Warum KRITIS-Schutz die Energiewende beschleunigt

Resilienz als neue Netzplanung: Warum KRITIS-Schutz die Energiewende beschleunigt

Der BDEW-Katalog zeigt: Ohne systemische Sicherheit scheitert die Transformation. Stadtwerke sind die Frontlinie.

Die neue Realität: Das dezentrale Netz als Zielscheibe

Als Ingenieurin für Netzplanung und Verteilnetze sehe ich die Energiewende nicht nur als eine technische, sondern vor allem als eine systemische Herausforderung. Wir transformieren ein zentralisiertes, überschaubares System in ein hochkomplexes, dezentrales Geflecht aus Millionen von Erzeugern und steuerbaren Verbrauchern (PV, Speicher, E-Mobilität, Wärmepumpen). Diese Dezentralisierung ist der Schlüssel zur Dekarbonisierung, aber sie verändert auch fundamental unser Risikoprofil.

Der aktuelle 10-Punkte-Katalog des BDEW zur Stärkung der Resilienz kritischer Infrastrukturen ist deshalb kein abstraktes Sicherheitspapier. Es ist ein Strategiepapier für jeden Verteilnetzbetreiber (VNB). Die Kernfrage, die wir uns stellen müssen, lautet: Wie passt das in die Energiewende, und was bedeutet es für unser Netz?

Die Antwort ist klar: Resilienz ist der Turbo für die Netzintegration. Ein robustes, steuerbares und ausfallsicheres Netz ist die Grundvoraussetzung, um die Flexibilitätspotenziale aus §14a EnWG, Sektorkopplung und dezentraler Erzeugung überhaupt heben zu können.


Warum Stadtwerke jetzt handeln müssen: Die Frontlinie der Resilienz

Für das Stadtwerk XYZ ist das Thema KRITIS-Resilienz nicht nur eine Compliance-Aufgabe. Es ist die Sicherung des Kerngeschäfts in einer sich schnell wandelnden Welt. Kernforderungen des BDEW zielen direkt auf die operativen und finanziellen Herausforderungen der VNBs.

Die Finanzierung der Zukunftssicherheit

Die Sicherheit kritischer Infrastrukturen kostet Geld. Massive Investitionen in IT-Sicherheit, physischen Schutz, aber auch in redundante Kommunikationssysteme und strategische Lagerhaltung sind notwendig. Der BDEW fordert daher zu Recht eine regulatorisch gesicherte Kosten- bzw. Entgeltanerkennung.

Als VNB sind wir an die Vorgaben der Netzentgeltregulierung gebunden. Wenn wir die Resilienz des Gesamtsystems durch Business Continuity Management (BCM), gemeinsame Übungen und die Vorhaltung von Ersatzteilen verbessern sollen, muss dies kalkulierbar sein. Es ist eine systemische Investition, die über die Netzentgelte oder einen speziellen Resilienzfonds gesichert werden muss. Jeder Euro, der hier intelligent investiert wird, kann ein Vielfaches an Kosten für Systemdienstleistungen oder die Abregelung von Anlagen einsparen, was einschlägige Analysen zu Netzinvestitionen bestätigen.

Beschleunigter Netzausbau als Resilienzfaktor

Eine zentrale Forderung des BDEW ist die Beschleunigung von Maßnahmen zum Ausbau der Infrastruktur. Das ist der entscheidende Hebel. Ein Netz, das für die Aufnahme von 80% PV und Wind ausgelegt ist, ist von Natur aus resilienter gegen lokale Ausfälle. Jede verzögerte Genehmigung für eine neue Umspannstation oder eine Leitungsverstärkung ist ein Risiko für die Stabilität.

Wir müssen Genehmigungsverfahren auf allen Ebenen – Bund, Land, Kommune – radikal entschlacken. Die Beschleunigung des Netzausbaus ist nicht nur eine klimapolitische Notwendigkeit, sondern eine unmittelbare Maßnahme zur Verbesserung der KRITIS-Sicherheit.

Die Lebensader der Steuerung: Ausfallsichere Kommunikation

Die Forderung nach einer ausfallsicheren Kommunikationsinfrastruktur, insbesondere der Verweis auf das schwarzfallfeste 450-MHz-Funknetz, ist für VNBs von existenzieller Bedeutung. In einem Blackout-Szenario oder einer schweren Krise sind die öffentlichen Kommunikationsnetze oft die ersten, die ausfallen oder überlastet sind.

Um den Versorgungs- und Netzwiederaufbau zu orchestrieren, benötigen wir einen dedizierten, sicheren Kommunikationskanal. Das 450-MHz-Netz ist die technische Basis, um dezentrale Anlagen zu steuern, die Netzzustände zu überwachen und damit die Inselnetzfähigkeit und den schnellen Wiederaufbau zu sichern. Das ist die physikalische Grundlage der Resilienz.


Systemischer Weitblick: Kooperation und Flexibilität

Die Energiewende erfordert eine neue Form der Vernetzung, die über die reine Technik hinausgeht.

BCM lebt von Kooperation

Die Forderung nach intensivierter, strukturierter Kooperation zwischen KRITIS-Betreibern, Sicherheitsbehörden (BOS) und der Bundeswehr ist essenziell. Gerade Stadtwerke sind lokal tief verwurzelt. Sie sind die Schnittstelle zwischen der überregionalen Energieinfrastruktur und den lokalen Behörden.

Ein wirksames Business Continuity Management (BCM) bedeutet, gemeinsame Übungen durchzuführen, um Zuständigkeiten in der Krise klar zu definieren. Nur durch dieses Training können wir sicherstellen, dass in einer komplexen Lage – etwa einem kombinierten IT- und physischen Angriff – die Wiederherstellungsmaßnahmen koordiniert und schnell ablaufen.

Die Verknüpfung von Resilienz und Flexibilität (Exkurs §14a EnWG)

Betrachten wir die Aspekte der Steuerung: Die neuen Regelungen zur Steuerung von Wärmepumpen oder Ladeinfrastruktur nach § 14a EnWG greifen direkt in den Alltag der Menschen ein. Doch die Fähigkeit des VNB, diese Anlagen zu steuern, ist nicht nur zur Vermeidung von Netzengpässen wichtig – sie ist auch ein entscheidender Resilienzfaktor.

Im Krisenfall kann die Möglichkeit, große Lasten temporär zu reduzieren oder dezentrale Speicher gezielt zu nutzen, die Stabilität des Systems erhöhen oder einen lokalen Wiederaufbau unterstützen. Ein resilienter Aufbau des Netzes ist damit untrennbar verbunden mit der intelligenten, digitalen Steuerung der Sektorkopplung. Es lässt sich daher argumentieren, dass die Investitionen in Smart Meter Gateways und die notwendige IT-Infrastruktur für §14a EnWG auch als wertvolle Investitionen in die KRITIS-Resilienz zu werten sind.


Die unbequemen Wahrheiten: Transparenz und Rechtssicherheit

Der BDEW spricht auch heikle Punkte an, die ein Umdenken erfordern:

  • Konfliktfeld Transparenz: Die Notwendigkeit, operative Angriffsflächen zu vermeiden, steht im Konflikt mit Open Data- und Transparenzanforderungen. Wir müssen pragmatisch prüfen, wo Detailinformationen über kritische Infrastrukturen (z.B. genaue Standorte von Netzanschlüssen oder Steuerungslogiken) nicht öffentlich zugänglich sein dürfen, um die Sicherheit zu gewährleisten.
  • Drohnenabwehr: Die Bedrohung durch Drohnen wächst schneller als der Rechtsrahmen. VNBs müssen in der Lage sein, zeitkritisch auf Gefahren an dezentralen Anlagen (Umspannwerke, kritische Leitungsabschnitte) reagieren zu können. Hier braucht es klare, rechtssichere Regeln für eine eng begrenzte Beleihungsoption.

Fazit: Die Energiewende braucht einen Resilienz-Pakt

Die Energiewende ist die größte Transformation der Energiewirtschaft. Wir reden über Investitionen in Milliardenhöhe, um 100% Erneuerbare zu integrieren. Diese Investitionen sind nur dann zukunftssicher, wenn wir gleichzeitig die Robustheit des Gesamtsystems garantieren.

Das BDEW-Papier liefert den notwendigen strategischen Rahmen. Für Stadtwerke bedeutet dies: Integrieren Sie Resilienz in Ihre Netzstrategie. Nehmen Sie die Forderungen nach Kostenanerkennung und der Beschleunigung des Netzausbaus als zentrale Punkte in die politische Diskussion mit Ihrer Kommune und den Landesbehörden auf.

Die Verantwortung liegt nicht nur beim Bund, sondern auch bei uns, den lokalen Akteuren, die das Netz täglich am Laufen halten. Ein krisenfestes, digitales und flexibles Netz ist die beste Versicherung für die erfolgreiche Umsetzung der Energiewende. Wir haben die Chance, die Resilienz jetzt als integralen Bestandteil der Transformation zu verankern – nutzen wir sie mit Weitblick.

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Emma Energie