Energiespeicher

Second Life als First Choice: Wie Autobatterien das Verteilnetz der Zukunft stabilisieren

Innovative Speicherkonzepte zwischen Kreislaufwirtschaft und Netzstabilität – Warum Stadtwerke jetzt auf dezentrale Flexibilität setzen müssen.

In der Welt der Energiewende gibt es keine Abfälle, nur Ressourcen am falschen Ort. Als Ingenieurin betrachte ich das Energiesystem der Zukunft wie ein riesiges, pulsierendes Uhrwerk. Damit dieses Uhrwerk trotz der volatilen Einspeisung von Wind- und Sonnenstrom nicht aus dem Takt gerät, brauchen wir zwei Dinge: Intelligenz und Kapazität. Genau hier setzt ein bayerisches Familienunternehmen an, das derzeit zeigt, wie Sektorkopplung in der Praxis funktioniert – und zwar weit über das bloße Laden von E-Autos hinaus.

Die Wiedergeburt der Fisker-Batterien: Kreislaufwirtschaft trifft Netzplanung

Das Unternehmen Fenecon hat kürzlich Schlagzeilen gemacht, indem es die Batteriebestände des insolventen Elektroauto-Herstellers Fisker übernommen hat. Was für den Automobilmarkt ein Scheitern war, ist für die Energiewende ein Glücksfall. Diese Batterien, die ursprünglich für die Straße konzipiert waren, finden nun ein „Second Life“ als stationäre Großspeicher.

Aus technischer Sicht ist das faszinierend. Eine Autobatterie gilt im Fahrzeug als „verbraucht“, wenn sie noch etwa 70 bis 80 Prozent ihrer ursprünglichen Kapazität besitzt. Für den harten Einsatz im Straßenverkehr mit extremen Beschleunigungsphasen und Schnellladungen mag das grenzwertig sein. Für uns im Netzbetrieb ist das jedoch eine Goldgrube. In einem stationären Gehäuse, bei kontrollierten Temperaturen und sanfteren Ladezyklen, können diese Akkus noch zehn bis fünfzehn Jahre wertvolle Dienste leisten.

Warum das Thema für Stadtwerke jetzt auf die Agenda gehört

Vielleicht fragen Sie sich in Ihrer Rolle im Stadtwerk: „Warum soll ich mich mit den Überresten insolventer Autobauer beschäftigen?“ Die Antwort liegt in der Transformation unserer Verteilnetze. Wir stehen vor der massiven Herausforderung des §14a EnWG. Die Integration steuerbarer Verbrauchseinrichtungen – Wärmepumpen, Wallboxen und eben Speicher – ist keine Option mehr, sondern gesetzliche Pflicht und technische Notwendigkeit.

Speichersysteme, wie Fenecon sie baut, sind die „Stoßdämpfer“ des Netzes. Wenn wir über Netzplanung sprechen, geht es heute nicht mehr nur um Kupfer im Boden. Es geht um die Vermeidung von Netzausbau durch lokale Flexibilität. Ein Container-Speicher auf Basis von Second-Life-Batterien kann an kritischen Knotenpunkten im Netz Wunder wirken:

  1. Spannungshaltung: Lokale Speicher können Blindleistung bereitstellen und die Spannung stabilisieren, ohne dass wir kilometerweise neue Leitungen ziehen müssen.
  2. Peak Shaving: Sie kappen die Lastspitzen, die durch die gleichzeitige Aktivierung von Wärmepumpen im Winter entstehen.
  3. Eigenverbrauchsoptimierung: Für Prosumer und Gewerbekunden sind stapelbare Heimspeicher das Tool, um die Sektorkopplung wirtschaftlich zu machen.

Die politische Dimension: Speicher vs. Gaskraftwerke

Ein wunder Punkt in der aktuellen Strategie von Fenecon ist die Kritik an der Bundespolitik. Dass Gaskraftwerke weiterhin als die primäre Brückentechnologie forciert werden, sieht man in Deggendorf kritisch. Und ich muss ehrlich sagen: Als Nachhaltigkeits-Strategin teile ich diese Skepsis teilweise.

Natürlich brauchen wir gesicherte Leistung für die „Dunkelflaute“. Aber jede Kilowattstunde, die wir dezentral speichern und flexibel nutzen können, reduziert die Notwendigkeit für fossile Backup-Strukturen. Wenn wir die Flexibilitätspotenziale im Verteilnetz – also dort, wo der Strom erzeugt und verbraucht wird – nicht voll ausschöpfen, bauen wir ein System, das teurer und träger ist als nötig. Wir riskieren, die Dynamik der Speichertechnologie zu unterschätzen. Während ein Gaskraftwerk Jahre für Planung und Bau braucht, sind modulare Speichersysteme in Monaten einsatzbereit.

Der Blick über den Tellerrand: Internationalisierung und Skalierung

Fenecon plant den Sprung in die USA. Das ist ein deutliches Signal: Der Markt für stationäre Speicher ist global und er wächst rasant. Für deutsche Stadtwerke bedeutet das: Die Technologie wird durch Skaleneffekte günstiger und zuverlässiger.

Wir müssen weg von der Vorstellung, dass ein Speicher nur ein „Batteriekasten“ im Keller ist. Moderne Systeme sind IT-Plattformen. Sie kommunizieren mit dem Messstellenbetreiber (MSB), reagieren auf Preissignale des Marktes und bieten dem Verteilnetzbetreiber (VNB) die nötige Flexibilität gemäß §14a EnWG an. Die Hardware – ob nun neue Zellen oder Second-Life-Module von Fisker – ist die Basis, aber die Software-Intelligenz macht daraus ein Asset für die Energiewende.

Fazit für die Strategie 2030

Die Energiewende ist kein Pflichtprogramm, das wir abarbeiten, sondern die Chance, unser Geschäftsmodell als Stadtwerk neu zu definieren. Wir werden vom reinen Lieferanten zum Orchestrierer von Flexibilitäten.

Unternehmen wie Fenecon zeigen uns, dass wir technologisch bereit sind. Die Nutzung von Second-Life-Batterien schlägt zudem die Brücke zur ESG-Konformität: Wir reduzieren den ökologischen Fußabdruck der Batterieherstellung massiv, indem wir die Nutzungsdauer der wertvollen Rohstoffe wie Lithium und Kobalt verdoppeln.

Mein Rat an Sie: Prüfen Sie Ihre Netzgebiete auf Engpässe. Wo könnte ein Quartiersspeicher den Netzausbau um fünf Jahre verzögern? Wo können Sie Ihren Industriekunden Lösungen anbieten, die deren Scope-2-Emissionen senken und gleichzeitig Ihr Netz entlasten?

Die Energiewende findet im Verteilnetz statt. Und Batterien – egal ob sie früher einmal ein Auto angetrieben haben oder direkt für den Keller gebaut wurden – sind die Bausteine, auf denen wir dieses neue System errichten. Lassen Sie uns die Flexibilität nutzen, bevor wir sie teuer durch Netzausbau ersetzen müssen. 2030 wird dieser systemische Blick Standard sein. Fangen wir heute damit an.

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Emma Energie

Das Stadtwerk kann Second-Life-Container an kritischen Netzknoten einsetzen, um Peak Shaving zu betreiben. Da diese Speicher Lastspitzen kappen und Blindleistung zur Spannungshaltung bereitstellen, lässt sich der teure Ausbau von 'Kupfer im Boden' verzögern, während die steuerbaren Verbrauchseinrichtungen netzdienlich integriert werden.

Der wirtschaftliche Vorteil liegt in geringeren CAPEX durch günstigere Second-Life-Module und einer verbesserten ESG-Bilanz. Das Risiko der gealterten Hardware wird durch sanftere stationäre Ladezyklen und eine intelligente Software-Steuerung minimiert, die den Speicher als IT-Plattform für Preissignale und VNB-Flexibilität gemäß §14a EnWG fit macht.

Das Stadtwerk bietet Industriekunden modulare Speichersysteme an, die Eigenverbrauch optimieren und Lastspitzen kappen. Durch die Nutzung von Second-Life-Akkus wird der ökologische Fußabdruck der Hardware halbiert, was die Nachhaltigkeitsstrategie der Kunden unterstützt, während das Stadtwerk die dezentrale Kapazität zur Netzstabilisierung orchestriert.