SyGNE

SyGNE: Warum die Neugestaltung der Gasnetzentgelte über die Dekarbonisierung entscheidet

Das BNetzA-Verfahren zur Systematik der Gasnetzentgelte ist der strategische Anker für den Wasserstoff-Hochlauf.

Die GasNEV stirbt – Lang lebe die SyGNE

Als Ingenieurin und Nachhaltigkeits-Strategin sehe ich in jedem regulatorischen Prozess der Bundesnetzagentur (BNetzA) nicht nur Bürokratie, sondern die Blaupause für die Energiewende. Wenn die Große Beschlusskammer ein Verfahren zur Festlegung der allgemeinen Systematik der Gasnetzentgelte (SyGNE) einleitet (GBK-25-01-02#2), dann ist das kein Randthema für die Regulierungsexperten im Keller, sondern eine strategische Weichenstellung für die gesamte kommunale Infrastruktur.

Die bisherige Gasnetzentgeltverordnung (GasNEV) wird Ende 2027 außer Kraft treten. Sie ist ein Kind der Erdgas-Ära, konzipiert für einen stabilen, wachsenden oder zumindest konstanten Volumenstrom. Doch diese Ära ist vorbei. Die neue SyGNE muss die Finanzierungsgrundlage für eine Infrastruktur schaffen, die sich in Auflösung und gleichzeitig in Transformation befindet.

Die zentrale Frage, die wir uns in den Stadtwerken stellen müssen, lautet: Wie finanzieren wir den Übergang vom fossilen Gasnetz zum flexiblen Wasserstoff- oder Biomethan-Backbone, ohne unsere Assets wertlos zu machen?


Warum die SyGNE zur Chefsache wird: Die Falle der sinkenden Volumen

Das Kernproblem der Gasregulierung im Zeitalter der Dekarbonisierung ist die Schere zwischen fixen Kosten und sinkenden Durchleitungsmengen. Stadtwerke als Verteilnetzbetreiber (VNBs) stehen vor einem Dilemma:

  1. Hohe Fixkosten: Die physische Infrastruktur (Rohre, Speicher, Verdichter) ist bereits verbaut. Die Kosten für Wartung, Instandhaltung und Abschreibung bleiben weitgehend konstant, unabhängig davon, wie viel Gas hindurchfließt.
  2. Sinkende Volumen: Durch Energieeffizienz, den Hochlauf der Wärmepumpe und die Kommunale Wärmeplanung (KWp) wird der Erdgasbedarf in den kommenden Jahren strukturell sinken. Das ist politisch gewollt und energetisch notwendig.

Wenn die Netzentgelte weiterhin primär auf Basis der durchgeleiteten Energiemenge berechnet werden, führt dies zu einem Teufelskreis: Sinkende Mengen führen zu steigenden spezifischen Netzentgelten pro kWh, was wiederum die Attraktivität von Gas weiter senkt und den Ausstieg beschleunigt. Dies kann zu einer Spirale des sogenannten Asset-Strandings führen, bei dem die verbleibenden Gaskunden (die oft keine Alternativen haben) die vollen Kosten tragen müssen.

Die neue SyGNE muss diesen Mechanismus durchbrechen. Sie muss die strategische Notwendigkeit der Infrastruktur – sei es für die H2-Umstellung oder für die temporäre Versorgungssicherheit – als Wert anerkennen.

Die H2-Ready-Prämie: Transformation statt Stillstand

Wir brauchen eine Netzentgeltsystematik, die Investitionen in die Umstellung auf H2-Betrieb oder die Integration von Biomethan explizit fördert. Die BNetzA muss Anreize schaffen, die über die reine Kostendeckung hinausgehen. Denkbar wäre:

  • Kapazitätsbasierte Entgelte: Eine stärkere Gewichtung von Entgelten, die auf der bereitgestellten Kapazität (unabhängig vom tatsächlichen Volumen) basieren, würde die Fixkosten besser abdecken.
  • Transformations-Komponente: Ein Aufschlag, der gezielt in die notwendige Ertüchtigung (z.B. neue Werkstoffe, Monitoring-Technik) fließt, um das Netz H2-ready zu machen.
  • Entkoppelung der Biogas-Einspeisung: Parallel zur SyGNE laufen Verfahren wie das zur Biogas-Netzzugangsverordnung (ZuBio, BK7-24-010), da die GasNZV ebenfalls ausläuft. Die SyGNE muss sicherstellen, dass Biomethan als wichtiger Pfeiler der Dekarbonisierung und Flexibilitätsquelle nicht durch überhöhte Einspeiseentgelte abgewürgt wird.

Sektorkopplung als strategischer Imperativ

Als Ingenieurin für Erneuerbare Energien betrachte ich Gas- und Stromnetz immer im Verbund. Die SyGNE ist nicht isoliert zu sehen; sie ist ein zentrales Puzzleteil der Sektorkopplung.

Wenn wir die Energiewende ernst nehmen, müssen wir Flexibilität schaffen, um die fluktuierende Einspeisung von Wind und PV im Stromnetz zu managen. Hier kommt Power-to-Gas (P2G) ins Spiel. P2G-Anlagen wandeln überschüssigen Windstrom in Wasserstoff oder synthetisches Methan um, entlasten damit das Stromnetz und speichern Energie im Gasnetz.

Der strategische Fallstrick: Sind die Netzentgelte für die Einspeisung von H2 oder synthetischem Methan in das Gasnetz prohibitiv hoch, wird die Wirtschaftlichkeit von P2G-Anlagen untergraben. Dies hätte direkten Einfluss auf das Stromnetz:

  1. Erhöhte Redispatch-Kosten: Ohne P2G-Flexibilität muss das Stromnetz auf teurere und weniger effiziente Methoden zur Netzstabilisierung zurückgreifen.
  2. Eingeschränkte EE-Integration: Die Fähigkeit, große Mengen erneuerbarer Energie aufzunehmen, wird begrenzt, da die Speichermöglichkeit über das Gasnetz künstlich verteuert wird.

Die SyGNE muss im Einklang mit den Festlegungen zur Stromnetzentgeltentwicklung (StromNEF) stehen. Das Ziel muss sein, die systemische Wertschöpfung der Flexibilität zu belohnen – egal, ob sie im Stromnetz (z.B. durch §14a EnWG-Anwendungen) oder im Gasnetz (durch P2G) erbracht wird.

2030 wird der Standard sein: Ein integriertes System, in dem das Gasnetz als saisonaler Speicher für das Stromnetz fungiert. Die SyGNE muss diesen Standard heute schon anlegen.


Aufruf zur strategischen Beteiligung: Der Zeitplan ist eng

Die BNetzA hat das Verfahren eingeleitet, aber die konkreten Inhalte – das Eckpunktepapier – stehen noch aus. Die Konsultation eines Festlegungsentwurfs ist für den Herbst 2026 vorgesehen. Das mag weit klingen, aber angesichts der Komplexität der Materie und der strategischen Tragweite ist dies ein sehr enger Zeitplan.

Was Stadtwerke jetzt tun müssen:

  1. Strategische Einordnung: Integrieren Sie die SyGNE-Entwicklung fest in Ihre Dekarbonisierungs- und H2-Strategien. Welche Ihrer Gasnetze sind Kandidaten für eine schnelle Umstellung? Welche müssen für die Wärmeversorgung längerfristig erhalten bleiben?
  2. Datenbasis schaffen: Bereiten Sie fundierte Daten zur Kostenstruktur der H2-Bereitschaft vor. Die BNetzA benötigt belastbare Zahlen, um die notwendigen Transformationselemente in die neue Systematik aufzunehmen.
  3. Netzwerkbildung: Nehmen Sie an den geplanten Workshops der BNetzA teil und bündeln Sie Ihre Interessen über Verbände. Die Gefahr des One-size-fits-all-Ansatzes ist gerade bei der Umstellung von Verteilnetzen groß. Die spezifischen regionalen Herausforderungen (Dichte, KWp-Status) müssen Gehör finden.

Die SyGNE ist die Chance, die Regulierung des Gasnetzes von einer rückwärtsgewandten Kostendeckung hin zu einer zukunftsorientierten Transformationsfinanzierung zu drehen. Wir müssen diese Chance nutzen, um sicherzustellen, dass die Energiewende nicht am finanziellen Rahmen der Infrastruktur scheitert.

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Emma Energie

Ein Stadtwerk dieser Größe muss darauf drängen, dass die SyGNE von volumenbasierten hin zu kapazitätsbasierten Entgelten wechselt. Da die Fixkosten für die 50.000 Zählpunkte (Abschreibungen, Instandhaltung) weitgehend konstant bleiben, würden rein mengenabhängige Entgelte bei sinkendem Absatz zu einer Preisspirale führen. Kapazitätsbasierte Entgelte verteilen die Netzkosten stabiler auf die angeschlossene Leistung, was die Finanzierung der Bestandsinfrastruktur sichert und den Teufelskreis steigender spezifischer Netzentgelte durchbrochen werden kann.

Das Stadtwerk benötigt eine regulatorische Entkoppelung oder Privilegierung der Netzentgelte für die H2-Einspeisung. Die SyGNE muss im Einklang mit dem Stromrecht (z.B. §14a EnWG) sicherstellen, dass die systemische Flexibilität, die P2G bietet (Entlastung des Stromnetzes, saisonale Speicherung), finanziell belohnt wird. Ohne niedrige Einspeiseentgelte für synthetische Gase würden die Redispatch-Kosten im Stromsektor steigen, da die P2G-Anlagen als Flexibilitätsoption wirtschaftlich nicht darstellbar wären.

Das Stadtwerk sollte eine detaillierte technische Zustandsbewertung seiner Gasnetz-Assets durchführen, um spezifische CAPEX-Bedarfe für die H2-Umstellung (z.B. Austausch von Dichtungen, neue Monitoring-Sensorik) zu identifizieren. Da durch die 20.000 Fernwärmekunden bereits eine Teil-Dekarbonisierung der Wärmeversorgung stattfindet, müssen die verbleibenden Gasnetzabschnitte strategisch bewertet werden. Diese Kostendaten sind essenziell, um im Konsultationsprozess für eine 'Transformations-Komponente' zu argumentieren, die über die reine historische Kostendeckung der alten GasNEV hinausgeht.