Vom Windhund zum Reifegrad: Warum die ÜNB-Regeln die VNB-Planung revolutionieren
Als Ingenieurin, die sich täglich mit der Integration von Erneuerbaren Energien und der Netzstabilität auseinandersetzt, sehe ich die Herausforderungen der Energiewende oft am Übergabepunkt zwischen Höchst- und Mittelspannung. An diesem Punkt entscheidet sich, ob Deutschland seine ambitionierten Dekarbonisierungsziele erreicht – oder ob unsere Netze kollabieren.
Die jüngste Ankündigung der vier Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) – 50Hertz, Amprion, TenneT Germany und TransnetBW – ist daher weit mehr als eine administrative Änderung. Die Abkehr vom reinen Windhundprinzip hin zum sogenannten Reifegradverfahren für Großanschlüsse ist eine systemische Notwendigkeit, die direkte Auswirkungen auf die Planungssicherheit von Stadtwerken und Verteilnetzbetreibern (VNB) hat.
Das Ende der spekulativen Netzreservierung
Das Windhundprinzip („First come, first served“) war in Zeiten knapper Kapazitäten ein struktureller Schwachpunkt. Es führte dazu, dass Netzkapazitäten von Projekten blockiert wurden, die oft nur spekulativen Charakter hatten, ohne gesicherte Finanzierung, Flächen oder Genehmigungen. Diese sogenannten „Karteileichen“ banden wertvollen Netzraum und verzögerten die Realisierung ernsthafter, systemdienlicher Projekte.
Genau hier setzt das Reifegradverfahren (RGF) an. Es zielt darauf ab, knappe Anschlusskapazitäten volkswirtschaftlich effizient zu nutzen. Ab April 2026 werden Anträge für Großbatteriespeicher, Rechenzentren, Elektrolyseure und andere Großverbraucher in festen Zyklen gesammelt und anhand nachprüfbarer Kriterien bewertet. Nur die Projekte mit der höchsten Realisierungswahrscheinlichkeit und dem größten Systemnutzen erhalten eine Zusage.
Die zentrale Frage: Was bedeutet das für Stadtwerk XYZ?
Man könnte argumentieren: Das ist doch ein Problem der ÜNB, warum soll sich ein VNB damit beschäftigen? Die Antwort ist klar: Die Großprojekte, die am Höchstspannungsnetz angeschlossen werden, sind die systemischen Ankerpunkte der regionalen Energiewende. Sie definieren die zukünftigen Lastflüsse, die Flexibilitätsbedarfe und die Notwendigkeit von Netzausbau in Ihrem eigenen Verteilnetzgebiet.
Wenn in Ihrer Region ein großer Elektrolyseur oder ein Gigawatt-Speicher Priorität im RGF erhält und gebaut wird, müssen Sie als VNB wissen:
- Planungssicherheit: Sie erhalten frühzeitig eine realistische Prognose, welche Großlasten oder -speicher tatsächlich kommen. Dies ist essenziell für Ihre eigene Netzausbauplanung gemäß § 14d EnWG und die jährlichen Lastprognosen.
- Rückwirkung: Auch wenn die Projekte am ÜNB angeschlossen sind, haben sie Rückwirkungen auf die Spannungshaltung und die Blindleistung im nachgeordneten Netz. Die Koordination am Übergabepunkt wird kritisch.
- Sektorkopplungs-Folgen: Ein prioritär angeschlossener Elektrolyseur erzeugt Wasserstoff. Der Transport und die Nutzung dieses Wasserstoffs sowie die eventuell anfallende Abwärme müssen lokal im VNB-Gebiet koordiniert werden. Die Sektorkopplung endet nicht am Umspannwerk.
Das RGF ist somit ein Frühwarnsystem und ein Planungstool für VNBs. Es lenkt die knappen Ressourcen – Netzanschlusskapazitäten – auf die Projekte, die wirklich zur Dekarbonisierung beitragen.
Die Bewertungskriterien: Flexibilität und Systemnutzen im Fokus
Die ÜNB haben vier Hauptkriterien definiert. Für uns als Strategen sind zwei davon besonders relevant:
1. Reifegrad (Flächensicherung, Genehmigungsstand, Wirtschaftlichkeit)
Dies ist der „First ready, first served“-Ansatz, der in Ländern wie Großbritannien bereits erfolgreich angewandt wird. Er filtert die Spekulanten heraus. Das ist gut, denn nur Projekte, die tatsächlich realisiert werden, entlasten das Netz oder schaffen Flexibilität.
2. Netz- und Systemnutzen des Projektes
Dieses Kriterium ist der Schlüssel zur systemischen Energiewende. Was genau ist Systemnutzen? Es geht um die Fähigkeit eines Projekts, zur Stabilität und Effizienz des Gesamtsystems beizutragen. Bei Großspeichern könnte dies die Bereitstellung von Systemdienstleistungen (Frequenzhaltung, Blindleistung) oder die Entlastung von Engpässen (Redispatch-Potenzial) sein.
Für VNBs bedeutet das: Wenn Projekte mit hohem Systemnutzen priorisiert werden, profitieren Sie indirekt. Ein Großspeicher, der am ÜNB-Netz Engpässe managt, kann auch das nachgeschaltete VNB-Netz stabilisieren und die Notwendigkeit kostspieliger lokaler Maßnahmen reduzieren. Das RGF schafft somit einen Anreiz für Investoren, ihre Projekte so zu konzipieren, dass sie dem gesamten Netz dienen – ein wesentlicher Fortschritt gegenüber dem rein egoistischen „Ich will zuerst“-Ansatz.
Ausblick: Kontingente und die Rolle der Dezentralität
Die ÜNB gehen noch einen Schritt weiter und empfehlen der Politik die Einführung gesetzlich festgelegter Kontingente für bestimmte Technologien (Speicher, Elektrolyseure, Rechenzentren). Dies wäre ein massiver strategischer Eingriff, der die Vergabe von Netzanschlüssen noch stärker an den nationalen Bedarfen ausrichtet.
Diese Forderung zeigt, wie kritisch die Lage ist: Wenn der Markt alleine die Allokation von Netzanschlüssen steuert, droht eine Schieflage – beispielsweise eine Überpriorisierung von Rechenzentren zulasten dringend benötigter Batteriespeicher oder Elektrolyseure, die für die Sektorkopplung essenziell sind.
Die Verknüpfung zur VNB-Flexibilität
Während sich die ÜNB mit dem RGF um die großen zentralen Flexibilitätseinheiten kümmern, bleibt die dezentrale Flexibilität die Domäne der VNBs. Der § 14a EnWG, der die Steuerung dezentraler Verbrauchseinrichtungen wie Wärmepumpen und E-Auto-Ladepunkte regelt, ist das Pendant zum RGF auf der Verteilnetzebene.
Wir sehen eine Zweiteilung der Flexibilitätsstrategie:
- Zentrale Flexibilität (ÜNB/RGF): Großspeicher und Elektrolyseure, die primär Systemdienstleistungen erbringen und große Engpässe im Übertragungsnetz managen.
- Dezentrale Flexibilität (VNB/§ 14a EnWG): Millionen kleiner steuerbarer Anlagen, die lokale Engpässe im Verteilnetz beheben und die Integration von PV-Anlagen ermöglichen.
Die erfolgreiche Energiewende hängt davon ab, dass beide Ebenen – zentral und dezentral – harmonisch zusammenarbeiten. Das RGF sorgt dafür, dass die zentralen Akteure mit der höchsten Qualität und dem größten Mehrwert zuerst ans Netz kommen. Das schafft die Basis für eine stabile Netzarchitektur.
Fazit und Handlungsempfehlungen für Stadtwerke
Das Reifegradverfahren ist ein zukunftsorientierter Schritt, der die Energiewende von einer reinen Wunschliste in einen strukturierten, planbaren Prozess überführt. Es ist ein klares Signal: Qualität und Systemnutzen schlagen bloße Geschwindigkeit.
Meine Empfehlung an VNBs und Stadtwerke:
- Verstehen Sie die Kriterien: Beobachten Sie, welche Projekte in Ihrer Region durch das RGF priorisiert werden. Dies sind Ihre wichtigsten regionalen Partner für die Sektorkopplung und Flexibilität von morgen.
- Informieren Sie sich frühzeitig: Nutzen Sie die neuen Zyklen der ÜNB, um frühzeitig Daten über die Realisierungswahrscheinlichkeit großer Projekte zu erhalten.
- Denken Sie systemisch: Adaptieren Sie die Idee der Reifegradbewertung. Auch wenn Sie das Windhundprinzip im VNB-Bereich nicht sofort abschaffen können, lohnt es sich, interne Prozesse zu entwickeln, die die Realisierungswahrscheinlichkeit und den lokalen Systemnutzen (z. B. zur Spannungshaltung) von Anschlussbegehren stärker gewichten. Das ist der Weg zu effizienter Netznutzung, wie sie der BDEW bereits in seinen Empfehlungen aufzeigt.