Waermenetze

Wärmenetze im Kreuzfeuer: Warum die Wärmewende finanzielle Leitplanken und KRITIS-Schutz braucht

Stadtwerke fordern staatliche Risikoabsicherung und klare Sicherheitskonzepte für die Dekarbonisierung unserer Wärmeinfrastruktur.

Die Energiewende ist keine rein akademische Übung und erst recht kein Selbstläufer. Sie ist die größte Transformation unserer Infrastruktur seit der Elektrifizierung. Wenn wir über die Dekarbonisierung sprechen, richten sich die Augen meist schnell auf Photovoltaik, Windkraft und den Netzausbau im Strombereich. Doch der eigentliche „schlafende Riese“ der Energiewende liegt im Untergrund: unsere Wärmenetze.

Die kommunale Wärmeplanung (KWP) läuft bundesweit auf Hochtouren. Doch während auf dem Papier ambitionierte Konzepte entstehen, stehen Stadtwerke in der Realität vor einer gigantischen Hürde: der Finanzierung und dem Schutz dieser kritischen Infrastrukturen. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) und der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) warnen derzeit massiv vor massiven Finanzierungslücken und fordern staatliche Sondervermögen sowie weitreichende Schutzmaßnahmen.

Als Nachhaltigkeits-Strategin sehe ich hier die klassische systemische Herausforderung unserer Dekarbonisierungs-Roadmap bis 2030. Warum das Thema für Ihr Stadtwerk überlebenswichtig ist und wie wir die Puzzleteile aus Erzeugung, Regulierung und Netzsicherheit zusammensetzen müssen, lesen Sie in diesem Hintergrundbericht.


Die Kernfrage: Warum müssen Sie sich als Stadtwerk JETZT damit beschäftigen?

Vielleicht fragen Sie sich in Ihrer Rolle als Geschäftsführer, Netzplanerin oder Strategie-Verantwortlicher eines Stadtwerks: „Warum betrifft mich diese politische Debatte im fernen Berlin so akut?“

Die Antwort ist pragmatisch: Weil Sie das Investitionsrisiko vor Ort tragen.

Die kommunale Wärmeplanung verpflichtet Städte und Gemeinden dazu, bis spätestens 2026 bzw. 2028 konkrete Pläne vorzulegen, wie die Wärmeversorgung dekarbonisiert werden soll. Für Stadtwerke bedeutet dies meist den massiven Auf- und Ausbau von Wärmenetzen (Fern- und Nahwärme) sowie die Integration von Großwärmepumpen, Geothermie und industrieller Abwärme.

Doch diese Netze kosten Milliarden. Ohne verlässliche Rahmenbedingungen drohen hier zwei fundamentale Risiken:

  1. Stranded Assets (Fehlinvestitionen): Wenn Gasverteilernetze zurückgebaut werden müssen, aber die Finanzierung für die Wärmenetze nicht steht, verlieren Stadtwerke ihre Wertschöpfungsbasis.
  2. Kollateralschäden durch mangelnden Schutz: Wärmenetze sind die Lebensadern moderner Quartiere. Fällt im Winter ein zentrales Wärmenetz aus, hat das katastrophalere Folgen als ein temporärer, lokaler Stromausfall. Wärmenetze sind systemrelevante Sicherheitsinfrastruktur.

Der Schrei nach Absicherung: Staatliche Fonds und Bürgschaften

Ein zentraler Hebel, den VKU und BDEW fordern, ist die Einführung eines staatlichen Fonds oder staatlicher Bürgschaften zur Absicherung von Abwärmeprojekten und Wärmenetzen.

Warum ist das so wichtig? Die Erschließung von tiefen Geothermiequellen oder die vertragliche Bindung von industrieller Abwärme (z. B. aus Fabriken oder Rechenzentren) birgt erhebliche Fündigkeits- und Ausfallrisiken. Findet eine Bohrung nicht genügend heißes Wasser, steht das Stadtwerk vor einem Millionenverlust. Zieht ein Industrieunternehmen um, bricht die Abwärmequelle weg.

Ein staatlicher Risikoabsicherungsfonds würde dieses finanzielle Risiko abfedern und privates sowie kommunales Kapital mobilisieren. Im Jahr 2030 wird eine solche Risikoabsicherung der Standard sein müssen, wenn wir das Ausbautempo verdreifachen wollen. Bis dahin müssen wir als Stadtwerke lernen, solche Risiken systemisch in unseren Businessplänen abzubilden und gegenüber den Kommunen klar zu kommunizieren: Keine Wärmeplanung ohne Finanzierungsgarantie!


Das EnEfG-Dilemma: Wenn gut gemeint das Gegenteil von gut gemacht ist

Ein Paradebeispiel für die Notwendigkeit, Sektorkopplung ganzheitlich zu denken, ist das Energieeffizienzgesetz (EnEfG) und dessen Auswirkungen auf Rechenzentren.

Rechenzentren sind hervorragende, kontinuierliche Abwärmequellen für städtische Wärmenetze. Doch das EnEfG setzt extrem strenge Vorgaben für die sogenannte PUE (Power Usage Effectiveness) an. Die PUE beschreibt das Verhältnis des Gesamtenergieverbrauchs eines Rechenzentrums zum Energieverbrauch der IT-Infrastruktur. Je näher der Wert an 1,0 liegt, desto effizienter arbeitet das Rechenzentrum.

Das Problem: Ältere Rechenzentren, die baulich bedingt diese strengen PUE-Vorgaben nicht ohne Weiteres erfüllen können, droht laut Gesetz die Schließung – und das, obwohl viele von ihnen bereits zu 100 Prozent erneuerbaren Strom nutzen!

Der VKU fordert hier zu Recht eine dringende Anpassung des EnEfG. Wenn diese älteren Rechenzentren schließen müssen, verlieren Stadtwerke wertvolle, bereits fest eingeplante Abwärmequellen für ihre Wärmenetze. Wir sehen hier die klassische „Ingenieur-Bubble“ in der Gesetzgebung: Man fokussiert sich rein auf die Effizienzkennzahl eines einzelnen Sektors (IT) und übersieht dabei die systemische Kopplung mit dem Wärmesektor. Wir brauchen diese Abwärme, um die Dekarbonisierungsziele vor Ort realisieren zu können.


Der doppelte Transformationsdruck auf den Gasbereich

Während wir neue Wärmenetze planen, dürfen wir die bestehende Infrastruktur nicht vergessen. Die Gasverteilernetze stehen vor einer historischen Transformation. Laut aktuellen Studien benötigen allein die Fernleitungsnetzbetreiber bis 2027 rund 300 Millionen Euro für erdgasverstärkende Maßnahmen, um die Versorgungssicherheit im verbleibenden Erdgasnetz parallel zum Aufbau des neuen Wasserstoff-Kernnetzes aufrechtzuerhalten.

Diese gigantischen Summen zeigen das Dilemma: Die Betreiber müssen enorme Summen in eine Technologie investieren, deren Rückbau oder Transformation bereits beschlossen ist. Gleichzeitig stehen sie am Kapitalmarkt in direkter Konkurrenz zu den Übertragungsnetzbetreibern (Strom), die ebenfalls Milliarden für den Netzausbau suchen.

Für Stadtwerke bedeutet dies: Wir müssen den Transformationspfad unserer Gasnetze (H2-Readiness, Stilllegungspfade, Umwidmung) extrem eng mit der kommunalen Wärmeplanung verzahnen. Wer heute noch unüberlegt in klassische Gasverteilernetze investiert, riskiert Fehlanreize und gestrandete Kosten, die am Ende die Netzentgelte der verbleibenden Kunden explodieren lassen.


KRITIS-Schutz: Wärmenetze sind Sicherheitsinfrastruktur

Mit der zunehmenden Zentralisierung der Wärmeversorgung über große Wärmenetze und der digitalen Steuerung (Stichwort: Smart-Meter-Rollout und IoT-Sensoren zur Netzüberwachung) rückt das Thema Cybersicherheit und physischer Schutz in den Fokus.

BDEW und VKU fordern daher eine deutliche Erweiterung der KRITIS-Schutzmaßnahmen auf den Wärmesektor. Bislang galten vor allem große Strom- und Gasnetze als kritische Infrastruktur. Doch ein großflächiger Ausfall eines Wärmenetzes im tiefsten Winter ist ein nationales Sicherheitsrisiko.

Für uns im Stadtwerk bedeutet das:

  • Physische Sicherheit: Absicherung von Heizzentralen, Pumpstationen und Übergabestationen gegen Sabotage.
  • Cyber-Resistenz: Absicherung der Steuerungssysteme (SCADA) gegen Hackerangriffe. Die Digitalisierung des Wärmenetzes ist zwingend notwendig für die Effizienz (z. B. zur Absenkung der Vorlauftemperaturen), darf aber kein Einfallstor für Angreifer werden.

Fazit: Die Energiewende braucht ein Fundament aus Vertrauen und Sicherheit

Die Wärmewende ist kein reines Klimaschutzprojekt. Sie ist ein gigantisches Infrastrukturprojekt, das die wirtschaftliche und soziale Stabilität unserer Städte sichert.

Die Forderungen von BDEW und VKU nach staatlichen Sondervermögen, Risikoabsicherungen für Abwärme und der Anpassung des EnEfG sind keine „Subventionsbettelei“, sondern die ökonomische Grundvoraussetzung dafür, dass Stadtwerke überhaupt handeln können.

Was ist jetzt zu tun? Als Akteure vor Ort müssen wir die Kommunen in die Pflicht nehmen. Eine Wärmeplanung darf nicht nur ein bunter Plan an der Wand sein. Sie muss Hand in Hand mit einem tragfähigen Finanzierungskonzept und einer Risikoanalyse der Wärmequellen gehen. Nutzen Sie die aktuellen politischen Debatten, um auch in Ihrem Aufsichtsrat und gegenüber Ihrer Kommunalpolitik klarzumachen: Wir wollen bauen – aber wir brauchen dafür das finanzielle und regulatorische Fundament. Nur so bringen wir Erzeugung, Netze und Markt erfolgreich zusammen!

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Emma Energie

Das Stadtwerk sollte IT-Sicherheit und physischen Schutz von Beginn an nach dem Prinzip 'Security by Design' in die Netzplanung integrieren, anstatt Systeme nachträglich aufzurüsten. Durch Standardisierung bei der Absicherung von Pump- und Übergabestationen sowie Kooperationen mit regionalen IT-Dienstleistern lassen sich Skaleneffekte nutzen. Zudem müssen diese notwendigen KRITIS-Schutzkosten transparent als fester Bestandteil des Finanzierungskonzepts gegenüber der Kommune kommuniziert werden, um kommunale Garantien oder Fördergelder gezielt dafür einzusetzen.

Wenn ein älteres Rechenzentrum aufgrund der strengen PUE-Vorgaben schließen muss, verliert das Stadtwerk eine fest eingeplante Abwärmequelle. Für das Stadtwerk droht ein Millionenverlust bei den bereits getätigten Netzinvestitionen. Zur Absicherung müssen Stadtwerke vertraglich flexible Ausfallszenarien regeln, redundante Erzeugungsanlagen (z.B. Großwärmepumpen) einplanen und auf politischer Ebene über VKU/BDEW staatliche Risikoabsicherungsfonds einfordern, um das Ausfallrisiko solcher Drittquellen nicht allein tragen zu müssen.

Das Stadtwerk muss den Transformations- und Rückbaupfad des bestehenden Gasnetzes extrem eng und vorausschauend mit der Kommunalen Wärmeplanung (KWP) verzahnen. Investitionen in das Erdgasnetz dürfen nur noch im absolut notwendigen Rahmen für die akute Versorgungssicherheit getätigt werden. Parallel müssen klare, schrittweise Stilllegungspfade kommuniziert werden, um Fehlanreize für Kunden zu vermeiden und die verbleibende Last sozialverträglich abzufedern, während gleichzeitig der Übergang zu Wärmenetzen und H2-Netzen aktiv gesteuert wird.