Antwort zuerst: Das Kernnetz ist ein Signal, aber kein Business Case

Stadtwerke sollten die Genehmigung des Wasserstoff-Kernnetzes als wichtigen Infrastrukturrahmen lesen, nicht als automatische Freigabe für lokale Investitionen. Die Bundesnetzagentur beschreibt, dass sie den Antrag der Fernleitungsnetzbetreiber am 22. Oktober 2024 mit Änderungen genehmigt hat. Genannt werden Maßnahmen mit einer Leitungslänge von 9.040 Kilometern, zu rund 60 Prozent auf Basis umgestellter Erdgasleitungen, sowie erwartete Investitionskosten von 18,9 Milliarden Euro. Diese Größenordnung zeigt: Wasserstoff wird infrastrukturell ernst genommen. Sie sagt aber noch nicht, welche kommunalen Netze, Kunden und Erzeugungsanlagen wann wirtschaftlich anschlussfähig sind.

Für Stadtwerke beginnt die Arbeit deshalb bei Szenarien. Welche industriellen Ankerkunden gibt es im eigenen Gebiet? Welche heutigen Gasabsätze sind langfristig substituierbar, welche könnten auf Wasserstoff wechseln, welche entfallen durch Effizienz und Elektrifizierung? Welche Wärmeerzeuger wären technisch und wirtschaftlich wasserstofffähig? Welche Leitungsabschnitte haben strategischen Wert, welche werden zu Rückbau- oder Stilllegungskandidaten?

Der Fehler wäre eine lineare Fortschreibung des Gasgeschäfts

Das bestehende Gasnetz liefert keine einfache Blaupause. Wasserstoff hat andere Kundensegmente, andere Mengenlogik, andere Qualitätsanforderungen und andere Investitionsrisiken. Besonders im Wärmemarkt ist Vorsicht geboten. Viele kommunale Wärmepläne werden stärker auf Wärmenetze, Abwärme, Großwärmepumpen, Geothermie, Biomasse-Restpotenziale oder Elektrifizierung setzen. Wasserstoff kann in speziellen Fällen relevant werden, etwa für Hochtemperaturprozesse oder gesicherte Kraftwerksleistung. Für die breite Gebäudewärme ist er keine sichere Standardannahme.

Das bedeutet nicht, Wasserstoff zu ignorieren. Es bedeutet, ihn als Option mit Eintrittsbedingungen zu führen. Ein Stadtwerk sollte definieren, welche Marktsignale erfüllt sein müssen, bevor konkrete CAPEX freigegeben werden: verbindliche Nachfrage, räumliche Nähe zum Kernnetz, regulatorischer Rahmen, technische Umrüstbarkeit, Finanzierungsfähigkeit und tragfähige Risikoallokation.

Industriekunden werden zum Anker der lokalen Bewertung

Der wichtigste Startpunkt ist die Kundenstruktur. Gibt es Prozesswärme, Chemie, Glas, Metall, Papier, Lebensmittelindustrie oder kommunale Erzeugungsanlagen, die nicht leicht elektrifizierbar sind? Welche Kunden haben Dekarbonisierungsziele, aber noch keine belastbare Energiepfadentscheidung? Welche benötigen nicht nur Moleküle, sondern Versorgungssicherheit, Druckniveau, Mengenflexibilität und Herkunftsnachweise?

Stadtwerke können hier eine moderierende Rolle einnehmen. Sie kennen lokale Flächen, Netze, Genehmigungswege und Kundenbeziehungen. Der Mehrwert liegt aber nicht in vorschnellen Wasserstoffversprechen, sondern in belastbaren Nachfrageclustern. Ein Letter of Interest ersetzt keinen Abnahmevertrag. Ein Strategiepapier ersetzt keine Lastganganalyse. Wer Investitionen vorbereiten will, braucht Mengen, Zeitprofile, Preisannahmen und Ausfalloptionen.

Gasnetz-Controlling braucht drei Bücher

Für die kaufmännische Steuerung empfiehlt sich ein Drei-Bücher-Ansatz. Das erste Buch ist das Weiterbetriebsbuch: Welche Gasnetzabschnitte bleiben für Versorgung und Erlöse relevant? Das zweite ist das Transformationsbuch: Welche Assets könnten perspektivisch für Wasserstoff, Biomethan oder andere Gase nutzbar werden? Das dritte ist das Rückbaubuch: Welche Abschnitte verlieren voraussichtlich Nachfrage und erzeugen Rückstellungs- oder Stilllegungsfragen?

Diese Bücher sollten nicht als starre Planwerke verstanden werden. Sie sind ein wiederkehrendes Bewertungsverfahren. Mindestens jährlich sollten Nachfrage, Regulierung, Förderkulissen, Baukosten, Netzzustand und Kundenentscheidungen aktualisiert werden. Das schafft gegenüber Aufsichtsgremien und Kommunalpolitik eine prüfbare Entscheidungsgrundlage.

Finanzierung verlangt Risikotransparenz

Die Genehmigung des Kernnetzes macht deutlich, dass Wasserstoff-Infrastruktur kapitalintensiv ist. Für kommunale Unternehmen ist daher entscheidend, welche Risiken sie selbst tragen können und welche nicht. Mengenrisiko, Preisrisiko, Anschlussrisiko, Baukostenrisiko und regulatorisches Risiko gehören getrennt bewertet. Ein Projekt kann technisch sinnvoll und gleichzeitig bilanziell zu riskant sein.

Gute Investitionsvorlagen zeigen deshalb nicht nur einen Zielpfad, sondern Alternativen: Elektrifizierung, Wärmenetz, Speicher, Power-to-Heat, Effizienz, Kooperation mit Fernleitungsnetzbetreibern oder gestufte Vorinvestitionen. Der Aufsichtsrat sollte erkennen können, welche Entscheidung heute reversibel ist und welche Pfadabhängigkeiten schafft.

Praktische Agenda für 2026

Stadtwerke sollten das Kernnetz in drei Schritten übersetzen. Erstens: räumliche Betroffenheit prüfen. Wie liegt das eigene Gebiet zu geplanten Leitungen und Umstellungspfaden? Zweitens: Nachfragecluster bilden und mit Kunden validieren. Drittens: Asset-Szenarien in die Mittelfristplanung überführen. Dabei geht es nicht darum, jedes Projekt sofort umzusetzen. Es geht darum, nicht erst dann nachzudenken, wenn ein Industriekunde eine verbindliche Antwort verlangt.

Das Wasserstoff-Kernnetz schafft Orientierung. Investitionsreife entsteht aber erst lokal: durch Daten, Kundenverbindlichkeit, technische Prüfung und kaufmännische Disziplin.