Windkraft-Boost und Gasnetz-Exit: Die doppelte Transformation der Stadtwerke-Strategie

Windkraft-Boost und Gasnetz-Exit: Die doppelte Transformation der Stadtwerke-Strategie

Wie neue Ausbauziele und die EnWG-Novelle den Weg zur Klimaneutralität 2045 radikal beschleunigen

Hallo zusammen! Hier spricht Emma Energie. Wer mich kennt, weiß: Ich liebe das große Ganze. Und was wir gerade in der Energiepolitik erleben, ist nichts Geringeres als die Grundsteinlegung für das Energiesystem der Zukunft. Wir reden hier nicht über ein paar neue Windräder oder eine kleine Gesetzesänderung im EnWG. Wir reden über die größte Transformation der Energiewirtschaft seit der Elektrifizierung.

Die aktuellen Signale aus Berlin sind eindeutig: Wir schalten einen Gang hoch. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat ein zusätzliches Potenzial von zwölf Gigawatt (GW) Windenergie bis 2030 angekündigt. Parallel dazu bereitet die Bundesregierung eine Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) vor, die das Ende der Gasversorgung, wie wir sie kennen, einläutet.

Was bedeutet das für Sie im Stadtwerk? Warum müssen Sie sich heute – zwischen operativem Geschäft und Fachkräftemangel – mit diesen strategischen Weichenstellungen befassen? Ganz einfach: Weil jetzt entschieden wird, welche Infrastruktur 2040 noch Geld verdient und welche zum „Stranded Asset“ wird.

Der Windkraft-Turbo: Systemdienlichkeit als neues Mantra

Die Ankündigung von zusätzlichen 12 GW Windleistung bis 2030 ist ambitioniert. Doch wir müssen ehrlich sein: Ein bloßes „Mehr“ an installierter Leistung hilft uns nicht weiter, wenn wir den Strom nicht dorthin bekommen, wo er gebraucht wird. Im Jahr 2022 mussten bereits 8,1 TWh Strom aufgrund von Netzengpässen abgeregelt werden – das ist wertvolle Energie, die wir einfach wegwerfen, weil das Netz nicht hinterherkommt.

Ministerin Reiche betont daher zu Recht die „Systemdienlichkeit“. Für uns Ingenieure bedeutet das: Wir dürfen Windparks nicht isoliert betrachten. Ein systemdienlicher Ausbau bedeutet, dass Erzeugung, Last und Netzkapazität Hand in Hand gehen.

Warum das für Ihr Stadtwerk relevant ist: Wenn in Ihrer Region massiv Windkraft zugebaut wird, ändert sich die Lastfluss-Situation in Ihrem Verteilnetz fundamental. Wir sprechen hier von massiven Rückspeisungen in die Hochspannungsebene. Das erfordert nicht nur neue Transformatoren, sondern auch eine intelligente Netzplanung, die Blindleistungskompensation und Spannungshaltung (die physikalischen Garanten unserer Netzstabilität) von Anfang an mitdenkt. Wer jetzt nicht simuliert, wie 12 GW zusätzlich das System belasten, wird 2030 vor unlösbaren Problemen stehen.

Die EnWG-Novelle: Der kontrollierte Rückzug aus dem Gasnetz

Die geplante EnWG-Novelle ist ein Paukenschlag. Gasnetzbetreiber sollen künftig die Erlaubnis erhalten, Netze stillzulegen – und das im Zweifelsfall auch gegen den Willen einzelner Verbraucher. Das klingt hart, ist aber aus volkswirtschaftlicher und technischer Sicht nur konsequent.

Wir steuern auf die Klimaneutralität 2045 zu. Das bedeutet: Der Absatz von fossilem Erdgas wird einbrechen. Wenn ein Gasnetz, das für 10.000 Kunden ausgelegt ist, am Ende nur noch 500 Kunden versorgt, explodieren die Netzentgelte für die verbleibenden Nutzer. Eine Abwärtsspirale, die wir uns nicht leisten können. Die Novelle schafft hier endlich Rechtssicherheit für Stadtwerke. Sie gibt Ihnen die Freiheit, den geordneten Rückzug aus der Fläche zu planen und gleichzeitig den Fokus auf grünen Wasserstoff und Biomethan in industriellen Clustern zu legen.

Der strategische Hebel: Die Stilllegung eines Gasstrangs muss immer mit der kommunalen Wärmeplanung korrespondieren. Wo das Gasnetz verschwindet, muss die Wärmepumpe oder das Fernwärmenetz übernehmen. Das ist Sektorkopplung in der Praxis! Als Stadtwerk sind Sie der Dirigent dieses Prozesses. Sie müssen wissen: Welches Kabel im Boden muss verstärkt werden, wenn ein ganzer Straßenzug von Gas auf Strom (Wärmepumpen) umstellt?

Die Rolle der Flexibilität: §14a EnWG als Werkzeug

Wenn wir über mehr Windkraft und den Wegfall von Gasheizungen sprechen, landen wir unweigerlich beim Thema Flexibilität. Der neue §14a EnWG ist hier unser wichtigstes Instrument. Steuerbare Verbrauchseinrichtungen (steuVE) wie Wärmepumpen und Wallboxen sind keine Last-Monster, sondern potenzielle Partner des Netzes.

Stellen Sie sich vor, wir haben eine Starkwindphase im Norden. Anstatt die Windräder abzuregeln (was uns Milliarden kostet), nutzen wir die Signale des Netzbetreibers, um Speicher in Ihrem Netzgebiet zu füllen – seien es thermische Speicher in Wärmepumpen oder die Batterien der E-Autos. Das ist die „Systemdienlichkeit“, von der die Politik spricht.

Herausforderungen: Von Konverter-Stationen und Lieferketten

Wir dürfen bei aller Begeisterung die Realität nicht ausblenden. Der Ausbau scheitert oft an profanen Dingen: Fehlende Konverter-Stationen, langwierige Genehmigungsprozesse und eine starke Abhängigkeit von außereuropäischen Lieferketten (vor allem bei PV-Komponenten und Leistungselektronik).

Die Bundesregierung muss hier nicht nur Ziele formulieren, sondern auch die industrielle Basis in Europa stärken. Für Sie als Stadtwerk bedeutet das: Planen Sie Pufferzeiten ein. Ein Trafo, der früher in sechs Monaten geliefert wurde, braucht heute oft zwei Jahre. Strategischer Einkauf und vorausschauende Netzplanung sind heute wichtiger als je zuvor.

Fazit: Was Sie jetzt tun müssen

Die Energiewende ist keine Pflichtübung, die man „nebenher“ erledigt. Sie ist der Kern Ihres künftigen Geschäftsmodells. 2030 wird das, was wir heute als „innovativ“ bezeichnen, der absolute Standard sein.

Meine Checkliste für Ihre nächste Strategieklausur:

  1. Integrierte Netzplanung: Planen Sie Strom- und Gasnetze nicht mehr getrennt. Wo ziehen wir uns aus dem Gas zurück? Wo muss das Stromnetz massiv verstärkt werden (Stichwort: Sektorkopplung)?
  2. Flexibilität als Asset: Implementieren Sie die Prozesse für §14a EnWG konsequent. Werden Sie zum Experten für die Steuerung von Lasten.
  3. Kommunikation: Nehmen Sie Ihre Kunden mit. Die Stilllegung von Gasnetzen ist ein emotionales Thema. Erklären Sie die Alternativen (Wärmeplanung) frühzeitig.
  4. Regionale Wertschöpfung: Nutzen Sie den Windkraft-Ausbau, um lokale Bürgerbeteiligungen oder Industriestrom-Modelle zu entwickeln. Das sichert die Akzeptanz vor Ort.

Die Energiewende findet im Verteilnetz statt – also bei Ihnen. Wir haben die Technik, wir haben jetzt (bald) den rechtlichen Rahmen und wir haben die physikalische Notwendigkeit. Packen wir es an!

Bleiben Sie voller Energie,

Ihre Emma

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Emma Energie

Das Stadtwerk muss eine raumbezogene Simulationsanalyse durchführen, die den Rückbau der Gasinfrastruktur direkt mit dem Hochlauf der elektrischen Lasten verknüpft. Praktisch bedeutet dies, Transformatorenstationen in Gebieten mit hoher Wärmepumpendichte schon heute für Rückspeisungen aus Windkraft (Systemdienlichkeit) auszulegen und aufgrund der im Artikel erwähnten zweijährigen Lieferzeiten frühzeitig Bestellkontingente zu sichern. Die Netzplanung darf nicht mehr in Silos erfolgen, sondern muss Lastflussberechnungen nutzen, die den Wegfall von Gas-Brennwertgeräten als Peak-Last-Shift ins Stromnetz modellieren.

Das Stadtwerk sollte die Abschreibungszeiträume für Gasnetze in enger Abstimmung mit der kommunalen Wärmeplanung verkürzen, um die finanzielle Last vor dem Zieljahr 2045 abzufedern. Die EnWG-Novelle bietet hierfür den rechtlichen Rahmen. Parallel dazu müssen Investitionen in systemdienliche Stromnetzkomponenten priorisiert werden, die durch den Windkraft-Zubau stabilisiert werden. Die Reinvestition der Cashflows aus dem Gasbereich in steuerbare Infrastruktur nach §14a EnWG sichert langfristig die Erlöse, während industrielle Gas-Cluster gezielt auf Wasserstoff umgestellt werden sollten, um Teile des Anlagevermögens zu erhalten.

Die Kommunikation muss frühzeitig die drohende 'Abwärtsspirale der Netzentgelte' thematisieren und den Kunden erklären, dass ein Verbleib im schrumpfenden Gasnetz langfristig ökonomisch untragbar wäre. Parallel dazu sollte das Stadtwerk den §14a EnWG als finanziellen Vorteil vermarkten: Kunden mit Wärmepumpen und Wallboxen erhalten reduzierte Netzentgelte für ihre Systemdienlichkeit. Das Stadtwerk fungiert hier nicht als 'Abschalter', sondern als Berater für Sektorkopplung, der den Wegfall des Gasanschlusses durch integrierte Lösungen (Wärmepumpe + Smart-Grid-Tarif) kompensiert und so die Akzeptanz vor Ort sichert.