Hallo liebe Macherinnen und Macher der Energiewende,

wir stehen an einer historischen Bruchlinie unserer Energieversorgung. Die Zeit der isolierten Spartenbetrachtung ist endgültig vorbei. Wer heute noch Strom und Wärme getrennt voneinander plant, baut die Infrastruktur für ein Gestern, das es so nicht mehr gibt.

Zwei aktuelle Debatten zeigen uns diese neue Realität mit aller Härte: Auf der einen Seite rüttelt der Norden an den Grundfesten der einheitlichen deutschen Stromgebotszone. Auf der anderen Seite droht das neue Gebäudeenergiegesetz (GEG) zu einer existenziellen Kostenfalle für den lokalen Mittelstand zu werden.

Warum sollten Sie sich in Ihrem Stadtwerk genau jetzt mit diesen Themen beschäftigen? Ganz einfach: Weil diese Entwicklungen die Wirtschaftlichkeit Ihrer Netze, die Überlebensfähigkeit Ihrer Gewerbekunden und Ihre langfristige Strategie als regionaler Dekarbonisierungspartner direkt betreffen. Bis 2030 wird das integrierte, hochflexible System der Standard sein – und wir müssen heute die Weichen dafür stellen.


Die Gebotszonen-Debatte: Das Ende der geografischen Illusion

Beginnen wir beim Strom. Physikalisch gesehen ist unser Netz schon längst zweigeteilt. Im Norden und Osten produzieren Windkraft- und PV-Anlagen gigantische Mengen günstigen Ökostroms. Doch weil die Netze fehlen, um diese Energie in die industriellen Zentren des Südens zu transportieren, müssen wir regelmäßig abregeln. Die Kosten für dieses sogenannte Redispatch – also das gezielte Herunterregeln im Norden und parallele Hochfahren von (oft fossilen) Kraftwerken im Süden – zahlen wir alle über die Netzentgelte.

Für die Vorreiter-Regionen im Norden ist das verständlicherweise frustrierend: Sie tragen die Lasten des Ausbaus, profitieren aber an der Strombörse nicht von den niedrigen Erzeugungskosten, weil in ganz Deutschland ein einheitlicher Börsenpreis gilt.

Die EU-Kommission empfiehlt schon länger eine Aufteilung Deutschlands in mehrere Gebotszonen – also geografische Handelsräume, in denen sich Angebot und Nachfrage realistischer abbilden. Nun bekommt diese Idee neuen Rückenwind durch eine Studie der IHK Schleswig-Holstein. Der Vorschlag: Eine gemeinsame „Nordic Twin Sea Zone“ bestehend aus Dänemark (West), Hamburg und Schleswig-Holstein.

Was bedeutet ein Gebotszonensplit für Ihr Stadtwerk?

Ein solcher Schritt würde die Spielregeln des Marktes fundamental verändern:

  • Für Stadtwerke im Norden: Sie könnten plötzlich von massiv sinkenden Großhandelspreisen profitieren. Das eröffnet völlig neue Chancen für die Sektorkopplung. Power-to-Heat-Anlagen, Elektrolyseure und Großwärmepumpen würden im Norden hochrentabel werden.
  • Für Stadtwerke im Süden: Hier würden die Strompreise an der Börse steigen. Das erhöht den Druck, den lokalen Ausbau von PV und Wind massiv zu beschleunigen und vor allem lokale Flexibilitäten zu heben, um teure Lastspitzen zu vermeiden.
  • Für die Netzplanung: Ein Gebotszonensplit würde die physikalische Realität endlich im Markt abbilden. Aber Vorsicht: Die Energiewende kostet Geld. Der BDEW warnt nicht ohne Grund vor einer Schwächung der Investitionsfähigkeit der Netzbetreiber, wenn regulatorische Rahmenbedingungen zu instabil werden. Bis zu 280 Milliarden Euro müssen laut Branchenschätzungen in die Netze fließen. Wenn nun auch noch die Ertragspotenziale der Verteilnetzbetreiber (VNB) durch sinkende Eigenkapitalrenditen – wie vom VKU befürchtet – geschwächt werden, stehen wir vor einem massiven Dilemma.

Das GEG und die Gewerbe-Falle: Wenn Biomasse zum Luxusgut wird

Wechseln wir die Sparte und blicken auf die Wärme. Das neue Gebäudeenergiegesetz (GEG) – oft als „Heizungsgesetz“ betitelt – soll die Wärmewende im Gebäudesektor erzwingen. Doch der grüne Bundestagsabgeordnete Taher Saleh warnt völlig zurecht vor einem massiven blinden Fleck: den Gewerbetreibenden.

Während Privatleute beim Heizungswechsel und der geforderten schrittweisen Beimischung von Biobrennstoffen (wie Biomethan oder grünem Wasserstoff) von staatlichen Förderungen und Härtefallregelungen profitieren, gehen Gewerbebetriebe oft leer aus. Bäcker, Metzger, kleine Manufakturen und mittelständische Industriebetriebe stehen vor extremen Mehrkosten. Wer mangels Fernwärmeanschluss oder Platz für eine Wärmepumpe auf eine Gas- oder Ölheizung mit Bio-Beimischung setzen muss, läuft Gefahr, sich wirtschaftlich zu ruinieren.

Warum? Weil Biomasse eine extrem begrenzte Ressource ist. Die physikalische und ökologische Realität zeigt: Holz, Biogas und andere biogene Brennstoffe sind endlich. Sie verursachen bei der Verbrennung CO2-Emissionen und werden dringend in Sektoren gebraucht, die sich nicht elektrifizieren lassen (wie die Chemieindustrie oder der Flugverkehr). Wer heute als Gewerbebetrieb darauf setzt, im Jahr 2030 oder 2035 bezahlbares Biomethan für die Raumwärme zu bekommen, sitzt einer gefährlichen Illusion auf.

Um die Klimaziele im Gebäudesektor zu erreichen, müssen wir laut aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen die jährliche Sanierungsrate der Gebäude auf 1,3 bis 2 % steigern. Doch das allein reicht nicht. Wir müssen weg von der Verbrennungstechnologie.


Die systemische Lösung: Wie Stadtwerke den Ausweg gestalten

Wie bringen wir diese beiden Welten – den drohenden Gebotszonensplit und die Wärmewende-Krise des Mittelstands – zusammen? Die Antwort liegt in der Sektorkopplung und der intelligenten Verknüpfung von Strom- und Wärmenetzen vor Ort.

Wenn wir den Ausbau von Wärmepumpen beschleunigen wollen, müssen wir an zwei Stellschrauben drehen:

  1. Strompreise senken: Der Strompreis muss im Verhältnis zu fossilen Brennstoffen (Erdgas, Heizöl) deutlich sinken. Nur dann lohnt sich der Umstieg für Gewerbe und Haushalte auch ohne Dauersubventionen.
  2. Dynamische Netzentgelte einführen: Wir müssen die Flexibilität elektrifizierter Anwendungen nutzen. Eine Wärmepumpe oder ein E-Auto muss dann laufen, wenn viel Strom im Netz ist (und der Preis niedrig ist), und sich drosseln, wenn das Netz an seine Grenzen stößt.

Genau hier kommt der neue § 14a EnWG ins Spiel. Steuerbare Verbrauchseinrichtungen müssen netzdienlich gesteuert werden. Für Sie als Stadtwerk bedeutet das: Sie müssen jetzt die digitale Infrastruktur aufbauen. Der Smart-Meter-Rollout ist kein lästiges Pflichtprogramm, sondern das sensorische Nervensystem Ihres zukünftigen Geschäftsmodells.

Ihr konkreter Fahrplan als Stadtwerk:

  1. Kommunale Wärmeplanung als Vertriebsinstrument nutzen: Warten Sie nicht, bis Ihre Gewerbekunden reihenweise in die GEG-Kostenfalle tappen. Gehen Sie proaktiv in die Beratung. Zeigen Sie auf, wo Fernwärmenetze ausgebaut werden und wo die Elektrifizierung (Großwärmepumpen) die sicherere und langfristig günstigere Alternative zur Biomasse ist.
  2. Flexibilitätsmärkte etablieren: Nutzen Sie die Möglichkeiten dynamischer Tarife. Wenn im Norden (oder bald in einer eigenen Gebotszone) der Wind weht, müssen die Wärmespeicher Ihrer Kunden geladen werden. Das entlastet das Netz und schont den Geldbeutel der Kunden.
  3. Investitionsfähigkeit sichern: Setzen Sie sich politisch und regulatorisch für verlässliche Rahmenbedingungen ein. Die Transformation der Verteilnetze erfordert massive Investitionen in Digitalisierung (MSB) und Netzausbau (VNB). Das geht nur mit auskömmlichen Renditen, die auch die steigenden OPEX-Kosten des IT-Betriebs abbilden.

Fazit: Die Energiewende ist ein Gesamtkunstwerk

Ob Gebotszonen-Split oder GEG-Härtefälle – die Botschaft ist dieselbe: Lokale Probleme lassen sich nicht mehr mit globalen Pauschallösungen lösen. Die Energiewende findet im Verteilnetz statt.

Als Stadtwerk sind Sie nicht mehr nur der Verkäufer von Kilowattstunden (kWh). Sie sind der Regisseur der regionalen Energiewende. Sie bringen den Windstrom vom Dach oder vom Feld über intelligente, dynamische Tarife in die Wärmepumpen Ihres lokalen Gewerbes. Das ist technisch anspruchsvoll, erfordert Mut und hohe Investitionen – aber es ist die einzige Strategie, die uns sicher und wirtschaftlich ins Jahr 2030 trägt.

Packen wir es an!

Ihre Emma Energie