Effizienzfalle Gasnetz-Rückbau: Wie Standardkosten die Wirtschaftlichkeit sichern
Die Kostenfalle der Gasnetzstilllegung: Wenn der Anreiz zur Effizienz fehlt
Als Betriebswirtin schaue ich auf die Zahlen, und die Zahlen der Gasnetztransformation sind eindeutig: Wir müssen massiv in den Rückbau und die Stilllegung investieren, während die Einnahmen im Gasnetz sinken. Die strategische Herausforderung ist enorm, doch die kaufmännische Tücke liegt im Detail der Anreizregulierung (ARegV).
Um den unvermeidbaren Rückbau zu finanzieren, werden Rückstellungen gebildet. Eine zentrale Forderung im Rahmen der aktuellen Regulierungsdebatte (Stichwort: RAMEN Gas) ist, die Zuführungen zu diesen Rückstellungen im Rahmen der Kostenprüfung als Kosten, die dauerhaft nicht beeinflussbar sind (KAnEu) anzuerkennen. Dies würde die nötige Planungssicherheit für die Gesamtfinanzierung schaffen.
Aber hier liegt das Problem, das es zu lösen gilt: Selbst wenn die Finanzierung über KAnEu gesichert wird, bedeutet dies nicht, dass die Ist-Kosten der tatsächlichen Stilllegung und des Rückbaus automatisch effizient sind. Ohne einen zusätzlichen Anreiz sinkt für den Netzbetreiber der Druck, die tatsächliche Durchführung der Maßnahmen (Stilllegung von Ausspeisepunkten, Rückbau von Leitungen) möglichst kostengünstig zu gestalten.
Meine zentrale These: Ohne ein scharfes Anreizinstrument, das die Ist-Kosten gegen Benchmarks abgleicht, drohen Ineffizienzen in Millionenhöhe, die letztlich zulasten der verbleibenden Netznutzer gehen. Die Entwicklung eines Systems auf Basis von Standardkosten mit einer Bonus-Malus-Wirkung ist daher betriebswirtschaftlich zwingend notwendig und die logische Weiterentwicklung der Anreizregulierung.
1. Das regulatorische Fundament: KAnEu vs. Effizienzprüfung
Die Ermittlung der Erlösobergrenze (EOG) erfolgt bekanntlich auf Basis der Kostenprüfung des Basisjahres, typischerweise alle fünf Jahre. Die ARegV zielt darauf ab, Netzbetreiber zu Effizienzsteigerungen anzureizen, indem nur effiziente Kosten anerkannt werden.
Die Transformation des Gasnetzes stellt dieses System vor ein Dilemma. Der Rückbau ist Teil der künftigen Versorgungsaufgabe und unvermeidbar, um die Klimaneutralität 2045 zu erreichen. Solange der allgemeine Effizienzvergleich diesen spezifischen Aufwand nicht adäquat abbildet, entsteht eine regulatorische Lücke.
Die Lösung liegt in der Entwicklung eines spezifischen Benchmarks für Stilllegungs- und Rückbaukosten. Um ein solches Instrument zu schaffen, müsste die BNetzA künftig systematisch Struktur- und Kostendaten erheben. Ausgehend von der fünfjährigen Dauer der Regulierungsperioden wäre das Basisjahr 2030 (für die 6. Regulierungsperiode ab 2033) der logische Zeitpunkt, um eine solche Datenerhebung verpflichtend einzuführen. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht wären folgende Parameter essenziell:
- Anzahl stillgelegter Ausspeisepunkte (nach Druckstufe).
- Länge rückgebauter Rohrleitungen (nach Druckebene).
- Abgegrenzte Kostendaten für diese Maßnahmen.
Diese Daten bilden die Grundlage, um Standardkostensätze zu ermitteln, die als Benchmark für alle Netzbetreiber dienen. Erst dann kann ein Abgleich der Ist-Kosten mit diesen Standardkosten erfolgen.
2. Die Mechanik eines möglichen Bonus-Malus-Systems
Ein wirksames Anreizinstrument könnte so ausgestaltet sein, dass die Differenz zwischen den tatsächlichen, aus den Rückstellungen entnommenen Ist-Kosten und den ermittelten effizienten Standardkosten als Bonus oder Malus in die EOG des Netzbetreibers einfließt.
Dies ist der entscheidende Punkt für Stadtwerke: Der Bonus oder Malus wäre die monetäre Konsequenz der Effizienz oder Ineffizienz im Rückbauprozess – und er würde direkt die zukünftigen Netzentgelte beeinflussen.
Betriebswirtschaftliche Musterrechnung: Der Bonus-Malus-Effekt
Nehmen wir an, die BNetzA ermittelt basierend auf den Strukturdaten einen Standardkostensatz (SK) für die Stilllegung eines Ausspeisepunktes (Druckstufe MD) von 50.000 EUR.
Annahmen:
- SK (Standardkosten Ausspeisepunkt): 50.000 EUR
- Faktor Bonus/Malus (F): 50% der Abweichung wird auf die EOG angerechnet.
- Ist-Kosten (IK): Die tatsächlichen Kosten des Netzbetreibers für die Maßnahme.
| Szenario | Ist-Kosten (IK) | Abweichung (SK - IK) | Bonus/Malus (Abweichung × F) | Effekt auf EOG |
|---|---|---|---|---|
| A: Effizient (Bonus) | 45.000 EUR | +5.000 EUR | +2.500 EUR | Positiver Bonus |
| B: Standard | 50.000 EUR | 0 EUR | 0 EUR | Neutral |
| C: Ineffizient (Malus) | 65.000 EUR | -15.000 EUR | -7.500 EUR | Negativer Malus |
Herleitung der EOG-Anpassung:
$$ \text{EOG-Anpassung} = (\text{Standardkosten} - \text{Ist-Kosten}) \times \text{Faktor} $$
- Beispiel A (Bonus): $(50.000 € - 45.000 €) \times 0,50 = +2.500 €$
- Beispiel C (Malus): $(50.000 € - 65.000 €) \times 0,50 = -7.500 €$
Fazit für die Bilanz: Stadtwerke, die ihre internen Prozesse optimieren und die Ist-Kosten unter den Standardkosten halten, erzielen einen direkten finanziellen Vorteil in der nächsten Regulierungsperiode – eine klare Anreizwirkung, die durch eine alleinige KAnEu-Anerkennung der Rückstellung nicht gegeben wäre.
3. Strategische Vorbereitung: Was jetzt zu tun ist
Als Betriebswirtin rate ich dringend davon ab, auf eine finale Festlegung der BNetzA zu warten. Die Entwicklung eines tauglichen Anreizinstrumentes erfordert eine verlässliche Datenbasis. Wer jetzt beginnt, seine Kostendaten präzise abzugrenzen, verschafft sich einen strategischen Vorsprung, unabhängig von der finalen Ausgestaltung.
Handlungspunkte für die Geschäftsleitung und das Controlling:
- Datenstrukturierung (Pilotphase): Beginnen Sie sofort mit der Erfassung der relevanten Strukturparameter (Stilllegungen, Rückbaulängen, Druckstufen). Trennen Sie die Ist-Kosten für Stilllegungsmaßnahmen klar von den laufenden Instandhaltungskosten.
- Prozessoptimierung: Analysieren Sie die internen Abläufe für Stilllegung und Rückbau. Wo liegen die größten Kostentreiber? Ziel muss es sein, interne Standardkosten zu definieren, die deutlich unter den zu erwartenden regulatorischen Benchmarks liegen, um den Bonus-Effekt zu maximieren.
- Benchmarking intern: Auch wenn die BNetzA zunächst nur Kennzahlen veröffentlicht, sollten Sie intern bereits eigene Kennzahlen bilden und über die Jahre verfolgen. Wie viel kostet die Stilllegung eines Hausanschlusses im Durchschnitt? Wie entwickeln sich die Kosten pro Meter rückgebauter Leitung?
- Langfristige Planung: Da ein neues Anreizinstrument frühestens in der 6. Regulierungsperiode (erwartet ab 2033) greifen wird, müssen die Investitionsentscheidungen heute bereits die künftige Effizienzanforderung antizipieren. Wir müssen weg von der reinen Kostenüberwälzung (KAnEu) hin zur aktiven Kostensteuerung.
Das Gasnetz befindet sich in einer Phase des geplanten Schrumpfens. Die kaufmännische Aufgabe ist es, diesen Schrumpfungsprozess nicht nur finanzierbar (z.B. durch KAnEu-Rückstellungen) zu machen, sondern ihn so effizient wie möglich zu gestalten. Ein System mit Standardkosten ist der notwendige Hebel, um die Effizienz der Transformation zu sichern und die Kosten für die Kunden im Rahmen zu halten. Stadtwerke, die ihre Datenbasis jetzt schärfen, werden in der 6. Regulierungsperiode die Gewinner sein.