Negative Strompreise

Negative Strompreise als Weckruf: Warum Flexibilität die neue Cash-Cow der Stadtwerke wird

Strategische Asset-Optimierung zwischen Solarflut und Dunkelflaute – Ein kaufmännischer Leitfaden für moderne Energieversorger

Es war ein sonniger 1. Mai, der kaufmännischen Leitern und Netzstrategen in ganz Deutschland Schweißperlen auf die Stirn trieb. Während die Bürger das Wetter genossen, drückte eine Flut von Solarstrom den Börsenpreis auf das regulatorische Minimum von minus 499,99 Euro pro Megawattstunde (MWh). Was für Endverbraucher mit dynamischen Tarifen wie ein Geschenk wirkte – sie erhielten faktisch eine „Abfallgebühr“ von knapp 50 Cent pro Kilowattstunde (kWh) für den Verbrauch –, ist betriebswirtschaftlich ein Alarmsignal für das gesamte System.

Als Betriebswirtin schaue ich mir das nüchtern an: Wir haben ein System gebaut, das bei der Erzeugung skaliert, aber bei der Flexibilität stagniert. Für Sie als Entscheider im Stadtwerk stellt sich nicht mehr die Frage, ob Sie in Speicher investieren, sondern wie schnell Sie diese Assets in Ihre Bilanz bekommen, um von diesen Marktverwerfungen zu profitieren, statt unter ihnen zu leiden.

Die kaufmännische Analyse: Wenn Strom zum Entsorgungsgut wird

Betrachten wir die nackten Zahlen des besagten Tages. Fast sechs Millionen Photovoltaik-Anlagen produzierten Strom, für den es in diesem Moment keine Abnehmer gab. Die Kosten für die Stabilisierung, gedeckt aus dem Bundeshaushalt und damit letztlich vom Steuerzahler, gingen in den dreistelligen Millionenbereich.

Warum sollte Sie das in Ihrer Rolle im Stadtwerk beschäftigen?

  1. Margendruck: Negative Preise bei gleichzeitig fixen Einspeisevergütungen belasten das Umlagesystem und erhöhen den politischen Druck auf Netzentgelte.
  2. Asset-Management: Ihre eigenen Erzeugungsanlagen (PV, Wind) laufen in Phasen negativer Preise Gefahr, abgeregelt zu werden oder – je nach Vermarktungsmodell – Verluste zu produzieren.
  3. Opportunitätskosten: Jede Megawattstunde, die bei -500 €/MWh „entsorgt“ wird, ist eine verpasste Chance für Arbitrage-Gewinne.

Regulatorischer Rahmen: Zwischen EEG 2023 und Wärmeplanung

Wir agieren nicht im luftleeren Raum. Die Regulatorik setzt die Leitplanken für unsere Business Cases:

  • EEG 2023: Die Neuregelungen verschärfen den Umgang mit negativen Preisen. Wer heute neue PV-Anlagen plant, muss das Marktmengenmodell und die potenzielle Streichung der Vergütung bei negativen Preisen (Stichwort: § 51 EEG) einpreisen.
  • Wärmeplanungsgesetz (WPG): Gemäß § 10 WPG und dem Ziel der Klimaneutralität 2045 müssen wir bis 2030 mindestens 50 % der Wärme aus erneuerbaren Energien gewinnen. Hier liegt die Brücke: Power-to-Heat-Anlagen sind die thermischen Speicher, die negative Strompreise in günstiges Wärmepotenzial verwandeln.
  • AVBFernwärmeV: Bei der Kalkulation Ihrer Wärmepreise müssen Sie die volatilen Strombeschaffungskosten für Wärmepumpen und Elektrodenkessel berücksichtigen. Eine kluge Preisbildung nach AVBFernwärmeV nutzt die Preissignale des Strommarktes, um die Deckungsbeiträge im Wärmebereich zu stabilisieren.
  • EnWG § 111: Die Transparenzpflichten und das Risikomanagement fordern von uns eine vorausschauende Bewirtschaftung der Portfolien.

Der Business Case: Batteriespeicher (BESS)

Aktuelle Analysen zeigen ein gewaltiges Potenzial: Rund 46 GWh an genehmigter Batteriespeicherkapazität stehen in Deutschland in den Startlöchern. Hätten diese Speicher am 1. Mai bereits zur Verfügung gestanden, hätten sie laut Marktdaten bis zu 86 % des Überschussstroms aufnehmen können.

Für ein Stadtwerk bedeutet das: Der Speicher ist nicht nur ein technisches Hilfsmittel zur Netzstabilität, sondern ein strategisches Handels-Asset.

Musterrechnung: Investition in einen 5 MW / 10 MWh Batteriespeicher

Lassen Sie uns kalkulieren. Wir nehmen an, das Stadtwerk investiert in einen Lithium-Ionen-Speicher.

1. Investitionskosten (CAPEX):

  • Spezifische Kosten: 450 €/kWh Kapazität
  • Gesamtinvestition = 10.000 kWh × 450 €/kWh = 4.500.000 €

2. Jährliche Betriebskosten (OPEX):

  • Wartung, Versicherung, Pacht: ca. 2 % der CAPEX
  • OPEX = 4.500.000 € × 0,02 = 90.000 €/Jahr

3. Erlöspotenzial (Arbitrage & Systemdienstleistungen):

  • Wir nutzen 300 Zyklen pro Jahr für Arbitrage (Kauf bei negativen/niedrigen Preisen, Verkauf bei hohen Preisen).
  • Durchschnittlicher Preis-Spread: 80 €/MWh (konservativ gerechnet, inkl. Effizienzverluste von 15 %).
  • Erlös Arbitrage = 10 MWh × 300 Zyklen × 80 €/MWh = 240.000 €/Jahr
  • Zusatzerlöse durch Frequenzhaltung (FCR/aFRR): ca. 150.000 €/Jahr

4. Kalkulation des ROI (Return on Investment):

  • Jährlicher Cashflow = (Erlös Arbitrage + Erlös Regelleistung) - OPEX
  • Cashflow = (240.000 € + 150.000 €) - 90.000 € = 300.000 €/Jahr
  • ROI = (Jährlicher Cashflow / CAPEX) × 100
  • ROI = (300.000 € / 4.500.000 €) × 100 = 6,67 %

Hinweis: Diese Rechnung berücksichtigt noch keine Fördermittel oder die Vermeidung von Netzentgelten durch § 14k EnWG (neu), was die Rendite weiter steigern kann.

Innovative Konzepte: Das Beispiel Moorpark Varel

Dass Erneuerbare Energien auch ohne Flächenkonkurrenz und mit kaufmännischem Weitblick funktionieren, zeigt der neue Moorpark in Varel. Hier werden 23.000 Tonnen CO2 pro Jahr eingespart, während die Fläche landwirtschaftlich nutzbar bleibt und Moore wiedervernässt werden.

Aus kaufmännischer Sicht ist das Projekt „Varel“ ein Musterbeispiel für Risikodiversifizierung:

  • Doppelnutzung: Pachteinnahmen durch Landwirtschaft + Stromertrag.
  • Ökosystem-Dienstleistungen: Mögliche zukünftige Monetarisierung von CO2-Zertifikaten durch Moor-Renaturierung.
  • Image-Rendite: Ein Leuchtturmprojekt stärkt die Position des Stadtwerks gegenüber der kommunalen Politik und den Bürgern.

Strategische Handlungsempfehlung für Stadtwerke

Wenn wir die Klimaneutralität 2045 erreichen wollen, müssen wir die Volatilität als Chance begreifen. Ein „Weiter so“ in der reinen Stromverteilung wird die Margen der Stadtwerke erodieren lassen, da die Netzkosten steigen und die Beschaffungsrisiken unkalkulierbar werden.

Meine Checkliste für Ihre nächste Vorstandssitzung:

  1. Flexibilitäts-Audit: Wie viel steuerbare Last (Power-to-Heat, Speicher, E-Mobilität) haben wir im Netz? Wie viel könnten wir bei -500 €/MWh aufnehmen?
  2. Asset-Strategie: Prüfen Sie den Bau von Quartiersspeichern oder Großbatterien an strategischen Netzknoten. Nutzen Sie die oben stehende Formel für eine erste Indikation.
  3. Sektorkopplung forcieren: Verknüpfen Sie die Wärmeplanung nach WPG aktiv mit Ihrer Stromstrategie. Ein Elektrodenkessel ist bei negativen Strompreisen die effizienteste Art, die 50%-EE-Quote im Wärmenetz zu erreichen.
  4. Digitale Infrastruktur: Ohne Smart Metering und automatisierte Handelsanbindung bleibt der Speicher ein totes Asset. Investieren Sie in die IT-Schnittstellen zum Spotmarkt.

Fazit: Negative Strompreise sind kein technischer Fehler, sondern ein Marktsignal für fehlende Kapazitäten zur Zeitverschiebung von Energie. Wer als Stadtwerk jetzt die Rolle des Flexibilitätsmanagers einnimmt, sichert sich nicht nur die Netzstabilität, sondern erschließt sich ein hochprofitables neues Geschäftsfeld. Die Zahlen lügen nicht: Die Rendite liegt im Speicher.

Praxis-Fragen für Ihr Stadtwerk

Experten-Antworten von Karla Kaufmann

Bei einer Halbierung des Preis-Spreads auf 40 €/MWh reduziert sich der jährliche Arbitrage-Erlös von 240.000 € auf 120.000 €. Der Gesamterlös (inkl. FCR/aFRR) sinkt auf 270.000 €, was nach Abzug der OPEX (90.000 €) einen Cashflow von 180.000 € ergibt. Der ROI sinkt damit von 6,67 % auf 4,00 %. Um diese Lücke zu schließen, wird die im Artikel genannte Berücksichtigung von § 14k EnWG (Vermeidung von Netzentgelten durch steuerbare Verbrauchseinrichtungen) essenziell, da diese zusätzliche Kosteneinsparungen generiert, die die Rentabilität des Batteriespeichers (BESS) auch bei geringeren Markt-Spreads absichern können.

Für ein Stadtwerk dieser Größe ist der Elektrodenkessel (Power-to-Heat) laut Artikel das ideale Bindeglied, um die geforderte 50%-EE-Quote bis 2030 (§ 10 WPG) zu erreichen. Er kann bei extrem negativen Strompreisen (z.B. -500 €/MWh) Strom als 'Abfallprodukt' aufnehmen und in Wärme wandeln, was die fossile Erzeugung ersetzt. Bei der Kalkulation der Wärmepreise muss dabei die AVBFernwärmeV berücksichtigt werden, um die volatilen Strombeschaffungskosten der Wärmepumpen und Kessel korrekt abzubilden und die Deckungsbeiträge im Wärmenetz trotz Marktvolatilität stabil zu halten.

Ein Stadtwerk mit 100 Mitarbeitern muss laut Artikel über das reine Netzmanagement hinaus in Smart Metering und automatisierte IT-Schnittstellen (APIs) zum Spotmarkt investieren. Das Flexibilitäts-Audit erfordert eine Bestandsaufnahme aller steuerbaren Lasten (E-Mobilität, Speicher, Power-to-Heat) im Netz. Die digitale Infrastruktur ist notwendig, da die im Artikel beschriebenen Marktverwerfungen (wie am 1. Mai) schnelle Reaktionszeiten erfordern; ohne automatisierte Handelsanbindung bleibt das Flexibilitätspotenzial ein 'totes Asset', da manuelle Prozesse zu langsam sind, um von den kurzfristigen Preissignalen kaufmännisch zu profitieren.